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Wien | 21.3.2007 | 11:54 
Gestalten und Gestaltung. Büchereien und andere Sammelsurien.

Pamela, BorisJordan, Zachbauer

 
 
Das öffnet Welten
  Ich sitze mit zwölf mir größtenteils unbekannten arabischen Leuten beim Abendessen irgendwo im Sinai. Einer hat gesehen, dass ich Alaa al-Aswani lese und fragt mich, wie mir das Buch so gefällt.
Das war dann wohl das Stichwort. Was folgt ist eine zweistündige Diskussion über das gegenwärtige soziale und politische Leben in Kairo und Ägypten, über Schmierereien und Käuflichkeit, über Gewissenlosigkeit und Korruptionen, über die Unterdrückung und sexuelle Misshandlung der Frauen, die Ungerechtigkeiten im Bildungssystem, über die Verheimlichung von Homosexualität und über die wachsende Zahl verschleierter Frauen und die Tendenz zu einer Radikalisierung des Islam.
 
 
 
  Jede und jeder am Tisch - alle zwischen 20 und 40 - hat das Buch gelesen, die meisten von ihnen auch die Verfilmung gesehen. Manche ärgern sich über das Buch, weil es nur die negativen Seiten Ägyptens aufzeige, generell gilt allerdings der Grundtenor, so traurig das alles ist: al-Aswani erzählt die Wahrheit. Nur hätte bis dato niemand das in einer derartigen Direktheit gewagt.
 
 
 
Der Jakubijan-Bau
  Der Jakubijanbau ist ein real existierendes zehngeschossiges Gebäude in Kairo - erbaut 1934 nach den Plänen eines französischen Architekten. Ursprünglich waren die Bewohner des Baus allesamt wohlhabend. Nachkommen dieser ersten Bewohner wohnen nach wie vor in den weitläufigen Wohnungen, es gibt Kanzleien und Ordinationen, und auf dem Dach lebt die soziale Unterschicht. Längst ist der Chic, die Eleganz gewichen. 

Das Buch beschreibt das Leben einiger dieser Bewohner. Auf dem Dach wohnt etwa Taha, der überdurchschnittlich intelligente Sohn des Türhüters (eine Mischung zwischen Hausmeister und Mädchen für alles), der aufgrund seiner sozialen Stellung nicht an der die Polizeischule aufgenommen wird und an der Universität Verständnis und Zuflucht bei fanatischen Islamisten findet.

Daneben seine Freundin, die früh erkennen muss, dass man als Frau aus einfachen Verhältnissen seinen Job nur dann behalten kann, wenn man sich vom Chef sexuell missbrauchen lässt. Die Flecken auf dem Kleid müssen eben diskret weggewaschen werden. Darunter wohnt der alte Adelige, der am längsten im Jakubijan-Bau lebt, der nach wie vor Frauen und Alkohol genießt und in diesem Genuss seiner Studienzeit in Frankreich und dem guten alten Kairo nachtrauert.

Ebenso wohnt dort ein homosexueller Chefredakteur einer französischen Tageszeitung, mit seinem bisexuellen oberägyptischen Liebhaber, den er von der Straße in seine großzügige Wohnung geholt hat. Neben anderen gibt es da noch einen Geschäftsmann, der machtgeil in die Politik einsteigen will und sehr schnell erkennen muss, welchen Preis man für Korruption und Schmierereien bezahlen muss.

 Das Buch ist 2002 in Ägypten erschienen und führte 2002 und 2003 die Bestsellerlisten an. 2006 ist das Buch verfilmt worden - mit einer ägyptischen Starbesetzung und den höchsten Produktionskosten, die je für einen ägyptischen Film aufgewendet wurden.
 
 
  "Der Grund für den Niedergang des Landes ist das Fehlen der Demokratie. Wenn es ein wirklich demokratisches Regime gäbe, wäre Ägypten eine Großmacht. Ägyptens Elend ist die Diktatur, und Diktatur führt unweigerlich zu Armut, Korruption und einem Fiasko in allen Gebieten."
 
 
 
  Der 50-jährige Autor Alaa al-Aswani, der im Brotberuf Zahnarzt ist, zeichnet anhand dieses Gebäudes bzw. dessen Bewohnern einen Mikrokosmos des gegenwärtigen Ägyptens und seiner Vergangenheit auf. Es entsteht ein erschreckendes Bild. Plötzlich wird etwa verständlich, warum junge Menschen Rache an der Gesellschaft im religiösen Fanatismus suchen. Zusammenhänge werden sichtbar, die Gegenwart erklärt sich. Dinge werden verständlich, Verständnis dafür hat man dennoch nicht.


"Sie verstehen nichts, weil es Ihnen gut geht. Wenn Sie zwei Stunden an der Haltestelle warten müssen und in drei Busse nicht reinkommen und jeden Tag unter unwürdigen Bedingungen heimkommen; wenn ihr Haus einstürzt und die Regierung Sie mit Ihren Kindern in einem Zelt auf der Straße hocken lässt; wenn ein Polizeioffizier Sie beschimpft und schlägt, nur weil Sie nachts in einem Minibus fahren; wenn Sie den ganzen Tag von einer Stelle zur anderen gehen, um Arbeit zu suchen, und keine finden; wenn Sie ein anständiger junger Mann sind mit guter Ausbildung und in der Tasche gerade mal ein Pfund oder manchmal auch keines haben - dann wissen Sie, warum wir Ägypten hassen."

 Alaa al-Aswani
(Foto: Andrea de Meo)
 
 
Zurück an den Abendtisch
  Meine arabische Essensrunde lobt besonders die Sprache des Buches. Sie fühlten sich sofort angesprochen, weil al-Aswani so gekonnt in ihrem gegenwärtigen Alltags-Arabisch schreibe. Kaum vorstellbar für sie, dass eine Übersetzung auch nur annähernd an die blumigen Formulierungen des Arabischen herankommt. Die deutsche Übersetzung ist nicht allzu blumig, gebe ich zu. Aber darin sehe ich einen Verdienst vom Übersetzer Hartmut Fähndrich. Mit einer blumigen Sprache würde "Der Jakubijan-Bau" bei uns seine Wirkung verfehlen. So hingegen liest sich das Buch spannend und unterhaltsam.


Alaa al-Aswani: Der Jakubijan-Bau
Roman aus Ägypten
Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich
Lenos Verlag, Basel 2007

 
 
  Alaa al-Aswani wurde 1957 in Ägypten geboren. Er hat das französische Gymnasium in Kairo besucht und in den USA Zahnmedizin studiert. Al-Aswani lebt in Kairo, wo er als Zahnarzt, Journalist und Schriftsteller tätig ist. Im Jakubijian-Bau hatte al-Aswani seine erste Praxis.
 
 
 
Update (8. März 2008)
  Der ägyptische Autor Alaa el Aswani ist gestern Abend für seinen Roman "Der Jakubijan-Bau" mit dem Bruno-Kreisky-Preis 2007 ausgezeichnet worden.
 
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