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Wien | 4.2.2008 | 12:54 
Gestalten und Gestaltung. Büchereien und andere Sammelsurien.

Pamela, BorisJordan, Zachbauer

 
 
Schweiz im Bild
 

Die Schweiz war für mich lange Zeit ein unerreichbares Land der Träume, in dem Milch und Honig fließen mussten. Während meine Schulfreunde immer wieder in den Säntispark zum Schwimmen und in den Rheinpark zum Einkaufen gefahren sind, wollten meine Eltern partout nicht über der Grenze einkaufen, von Schwimmausflügen ganz zu schweigen. Und so kannte ich diesen sagenumwobenen Rheinpark (ein mittelmäßiges Einkaufszentrum gleich hinter der Vorarlberger Grenze) lange Zeit nur vom Hörensagen. Eines bedeutsamen Tages aber hat mein Nachbar sein Auto mit Kindern vollgeladen und ich war mit dabei - auf dem Weg zum Einkaufen in die Schweiz. Etliche Kinder deswegen, weil man pro Person eine bestimmte Menge an Nudeln und Zucker einkaufen durfte. Gott, das klingt, als hätten wir in einem Entwicklungsland gelebt, aber ich schwöre bei Wilhelm Tell, es war so.
 
 
 
  Ich also den Mund nicht mehr zugebracht im Migros - (sprich Migro - die größte Detailhandelskette der Schweiz, die vor allem Eigenmarken produziert) - weil alles voll mit unbekannten Verpackungen und alles in mehreren Sprachen angeschrieben.
Ich hab meine wenigen Franken aber weder in Nudeln, Zucker oder Schokolade investiert, sondern in kariertes Papier. Das Schweizer Papier war nämlich kleiner kariert wie das bei uns übliche, was mich faszinierte und meiner kleinen Handschrift und meinen Minizeichnungen entgegenkam.
Später sollte ich mit dieser Schweizer Kleinkariertheit große Probleme bekommen, weil man im Mathe-Unterricht Skizzen anfertigen musste, die soundso viele Kästchen zählten und folgedessen genau soundso viele Millimeter und Zentimeter ausmachten. Mit meinen Schweizer Kästchen stimmte das nie überein, was häufig in einem furchtbaren Radiergummidesaster endete und zu einer enormen Unsicherheit bei maßstabsgetreuen Skizzen meinerseits führte.

 
 
  2008, viele Jahre später, bin ich regelmäßig in der Schweiz, um dort zwecks Studium Skizzen auf Papier zu bringen. Auf blankes wohlgemerkt, aber das nur nebenbei.

2008 ist auch das Jahr, in dem die Schweiz und Österreich gemeinsam die Euro '08 veranstalten, was mittlerweile selbst die völligen Fußballverweigerer mitbekommen haben.

2008 ist spätestens das Jahr, in dem wir öfters einen Blick in die Schweiz werfen sollten. Denn die Schweiz bietet mehr als Schokolade, Uhren und Berge. Es gibt neben dem Almöhi, DJ Bobo und Uri Geller wirklich interessante Schweizerinnen und Schweizer. Und so kleinkariert wie ihr Papier sind die Schweizerinnen und Schweizer längst nicht. In diesem Sinne zeichne ich wöchentlich bis zur EM ein Neues Schweizbild - "Schweiz im Bild".
 
 
 
 
 
"EM08: Schweizern fehlt es an Charme"
  "EM08: Schweizern fehlt es an Charme" titelt eine Schweizer Tageszeitung und ist damit härter, als es die Eiger Nordwand je sein kann.
Und nicht nur das, nein, der Schweizer Euro-08-Chef, Benedikt Weibel, ergänzt noch: "Mit dem Charme der Österreicher können wir Schweizer nicht mithalten".
Das sitzt. Ja, mehr noch, von einem regelrechten Schock ist die Rede in dieser Tageszeitung. Von diesem hätten sich die Schweizer erst mal erholen müssen, um dann in Sachen Gastfreundschaft geschult zu werden. Richtig gelesen - einen Gastgeberkurs mussten einige Schweizer Verantwortliche der Euro '08 absolvieren. Denn es kann ja nicht sein, dass die Österreicher charmanter sind.

Und dann leitet diesen Gastgeberkurs auch noch ein Wiener. Naja, zumindest heißt der Kursleiter Dan Wiener und er schenkt den Schweizern auch gleich reinen Wein ein: "Glauben Sie ja nicht, der Gast könne Ihnen auf der Nase herumtanzen. Denn der Gastgeber ist der Chef, und der Gast muss sich anpassen. Das darf man den Gast aber nicht spüren lassen." Alles klar, genau so entsteht wahre Gastfreundschaft. Da sind die anderen Grundregeln der Gastronomie ja Kinderfasching dagegen: "Freundlich sein statt höflich. Respektvoll sein statt unterwürfig und interessiert sein statt neugierig."
Das kleine Einmaleins des Charmes.

 
 
  Und damit man auch beim fußballerischen Smalltalk nicht wie der dumme Bergler dasteht, empfiehlt der Benimmprofi: "Sie sollen sich mit Ihren Gästen ja auch unterhalten können. Kennen Sie also die verschiedenen Nationalhymnen."
Touché - Das macht den österreichischen Charme aus - wir kennen jede Nationalhymne - jede. Aber wir reden nicht unbedingt darüber.
Ich will mir gar nicht vorstellen, wie die armen Kursteilnehmer dann Nationalhymnen üben mussten - bis sie zum Schluss des ersten Gastgeberkurses in ihre Notizheftchen den dringenden Rat von Eurofanbetreuer David Zimmermann kritzelten: "Er wies extra darauf hin, dass die französischen Anhänger keine Frösche essen. Der französische Fanbetreuer habe auf der Weitergabe dieser Information bestanden, so Zimmermann."
Ähm - wie ging nochmal die Marseillaise?


 
audio
 
title: Schweiz im Bild: Charme
length: 2:24
MP3 (2.301MB) | WMA
   
 
 
  Natürlich haben die Schweizer Charme. Er ist nur etwas ... anders. Aber er ist da. Er zeigt sich sicher irgendwann in "Schweiz im Bild".

Die erste Ausgabe von "Schweiz im Bild" gibt es heute, 4. Februar, in Connected (15-17) zu hören.
 
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