Eine Assoziationskette zwischen New York, Philadelphia, dem Steinernen Meer und Klagenfurt herzustellen zeugt entweder von mangelnden Geographie-Kenntnissen oder von überdurchschnittlicher Phantasie. Etwas leichter tun sich dabei Kenner der Graffiti-Kultur mit Vorliebe für Gegenwartsliteratur oder einfach Leserinnen und Leser der folgenden Absätze.
Ein Vandale ist kein Hunne
"Ein Vandale ist kein Hunne", nicht unbedingt ein Titel mit direktem Zugreifeffekt, denke ich während ich kurz die Illustration auf dem Cover betrachte. Eine altertümliche Darstellung eines Mannes, der an einem Felsen hängt und mit einem Pinsel "Kislak" auf ebendiesen schreibt. Kyselak? Schon blättere ich im Buch. Der Kyselak, der weltweit als erster Graffiti-Tagger gilt, den hierzulande aber kaum wer kennt? Was hat der Urvater des Graffiti mit "Vandalen und Hunnen" zu tun und warum interessiert das Alois Brandstetter? Das frage ich nicht nur mich, sondern auch meinen Kollegen Phekt. Er, der passionierte Sprayer, und ich machen vom Kyselakfieber getrieben das einzig logische - das Buch lesen und den Autor Alois Brandstetter treffen.
Alois Brandstetter
"Wenn ich auf meinem Weg in die Klagenfurter Innenstadt aus der Ankershofen- in die Rosenthaler Straße einbiege, sehe ich auf der Mauer des Eckhauses eine Inschrift, ein sogenanntes Graffito, ein 'Tag', das ich als KORKS lese."
Dieses KORKS irritiert Alois Brandstetter, weckt seinen Spürsinn und führt ihn auf die Suche nach dem Klagenfurter Sprayer, der an allen möglichen Orten seine KORKS Spuren hinterlässt und den er folglich nur mehr Korks nennt. Auf der Suche nach Korks erklärt Brandstetter in seiner typischen Art die Herkunft und Bedeutungen von Wörtern, macht sich Gedanken über Kultur und insbesondere Jugendkultur und teilt ganz ordentlich in alle möglichen Richtungen aus.
Thomas Bernhard wird vorgeworfen, Jugendliche zu wenig wahrgenommen zu haben, diverse Politiker werden ebenso kritisiert wie das GTI-Treffen in Kärnten, innerstädtische Skandale und Reibereien dürfen genausowenig vergessen werden wie die Vandalen und Hunnen und gegenwärtige Alltagserscheinunge werden mitunter sehr intensiv wahrgenommen, etwa das T-Shirt einer jungen Frau, auf dem in Brusthöhe der Schriftzug "Esprit" prangert. Und zwischendrin die Suche nach Korks.
Das wird dann fast zu viel. Man stelle sich vor, man unterhält sich mit jemandem, der verliert sich in Schwänken, Anekdoten und Details, hat interessante Informationen aber auch sperriges Beiwerk, erklärt einem Dinge, die man so genau gar nicht wissen wollte, erwähnt aber auch nebenbei Kleinigkeiten, von denen man gerne mehr wüsste.
War das Gespräch auch stellenweise zäh, denkt man auch noch Wochen später darüber nach. So wirkt auch das Buch. Immer noch. Und das ist gut so.
Denn interessant ist allemal, wie jemand, der gar keinen Zugang zur Szene hat, Dinge interpretiert und sich zusammenreimt.
Kyselak im Übrigen wird nur kurz erwähnt. Immerhin reicht es für den wichtigen Satz:
"Das Sprayen ist also bereits alt und damit ehrwürdig!"
Während wir am Wiener Sprayer-Hotspot, dem Donaukanal, spazieren, erzählt uns Alois Brandstetter -sympathisch und unkompliziert - von seinem Zugang zu Graffiti, von seinen Enttäuschungen und übertriebenen Vorstellungen und warum er sich mit diesem Buch zwischen die Stühle setzt.
title: Alois Brandstetter im Interview - Teil 1 length: 2:35 MP3 (2.481MB) | WMA
title: Alois Brandstetter im Interview - Teil 2 length: 4:02 MP3 (3.878MB) | WMA
Joseph Kyselak 1799-1831
1799-1831. Nicht unbedingt Jahreszahlen, die man mit den Ursprüngen der Graffiti-Kultur in Zusammenhang bringen würde, sieht man die doch üblicherweise in den frühen 70ern in New York oder Philadelphia.
Der wahre Urvater des Taggings war allerdings in Österreich unterwegs. Ein gewisser Joseph Kyselak, ein kleiner Beamter im kaiserlichen Dienst und ein romantischer Naturfreund, wanderte in der Kaiserzeit des frühen 19. Jahrhunderts über Berge und Täler. Soweit nicht ungewöhnlich, hätte er sich nicht mit Steinmeisel und schwarzer Ölfarbe in Höhlen, Wäldern, auf alten Ruinen und entlegenen Berggipfeln verewigt. Keine banalen Unterschriften, wie in Gipfelbüchern später üblich, Kyselak hat bewusst getaggt - seinen Namen einem Logo gleich an auserwählten Stellen angebracht hat, die eine gewisse Garantie gewähren.
Seine Reisebeobachtungen hat er später niedergeschrieben. Heute sind noch an die zu 30 originale "Kyselak"-Signaturen erhalten, beispielsweise im Wiener Schwarzenbergpark gibt es einen Obelisken, mit der originalen Kyselak-Signatur.
Besonders schön die Anekdote, Kyselak sei zum Kaiser Franz geladen und für seine Schmierereien gerügt worden und während er reumütig Besserung versprochen hat, hat er seinen Tag auf des Kaisers Schreibtisch hinterlassen.
Nikolaus Barton als Joseph Kyselak
Gabrielle Goffriller in Unterloiben, Wachau beim Vermessen einer Original Kyselak Signatur.
Das Kyselak Forschungsprojekt
Wer einmal von Kyselak hört will sich schnell intensiver mit ihm befassen. Der Wiener Kunsthistorikerin Gabrielle Goffriller ist es vor zwei Jahren nicht anders gegangen. Gemeinsam mit Chico Klein betreibt sie das Kyselak Forschungs-Projekt. Im Rahmen der Recherchen wurde eine TV-Dokumentation gedreht, die im Frühling auf ORF 2 gesendet werden soll - Einen genauen Sendetermin gibt es noch nicht, wir halten euch auf dem Laufenden.
Im Gespräch erzählt die Kunsthistorikerin vom Leben, Schaffen und der Bedeutung Kyselaks.
title: Kyselak - Gespräch mit Gabriele Goffriller - Teil 1 length: 3:50 MP3 (3.686MB) | WMA
title: Kyselak - Gespräch mit Gabriele Goffriller - Teil 2 length: 2:36 MP3 (2.507MB) | WMA
On-Air
Mehr zu Kyselak könnt ihr am Donnerstag, 7. Februar in Connected hören.
Einen Graffiti-Schwerpunkt gibt es am Abend in der Homebase - mit der Buchbesprechung von "Ein Vandale ist kein Hunne", einem Interview mit Alois Brandstetter und Portraits der Wiener Street Art Galerie Inoperable und vom Graffiti-Magazin Go On.
Brandstetter, Alois: Ein Vandale ist kein Hunne. Residenz Verlag, Salzburg, 2007