Das könne unmöglich alles sein, meint Pia, während wir diese Bilder machen.
Erste Seite - Shirts.
Wir blättern im Buch "My Things" und stellen entsetzt fest, dass wir bedeutend mehr Taschen und Tücher, ein Vielfaches an Büchern und CDs und vor allem massig kitschigen Schnick-Schnack haben. Allein damit könnten wir Seiten füllen. Wir vergleichen, was wir auch haben, mal hatten, gerne hätten. Unbeobachtetes Stöbern in einer fremden Wohnung, gemütliches Durchschauen eines Kleiderschrankes, regelrechtes Ausräumen diverser Schubladen inkl. einem Blick in Bad und Keller. Herrlich - mit soviel Voyeurismus können wir locker umgehen.
Was müsse das für eine unglaublich ordentliche Person sein, seufzt Pia und ein gewisser Neid ist durchaus hörbar.
Ist sie nicht, versuche ich die Lage zu entspannen, zumindest hat sie das im Interview gesagt, aber was weiß man schon.
Damit der Gedanke des Aussuchen, des bewussten Erwerben eines Dings schon beim Bucherwerb beginnt, gibt es das Cover in vier unterschiedlichen Farben.
"Das Buch hab ich auch." "Davon hab ich die ältere Ausgabe." "Das hab ich mal ausgeliehen."
Die junge Schweizer Künstlerin Gabriela Gründler hat innerhalb kurzer Zeit zweimal umziehen müssen - zügeln, wie man in der Schweiz sagt. Dabei hat sie sich nicht nur gewundert, wie viel sie besitzt, sondern sich vielmehr gefragt, welche dieser Dinge sie tatsächlich braucht. Einmal mehr kam ihre ambivalente Haltung zum Konsum zu tragen - einerseits kauft sie gerne ein, andererseits plagt sie ein schlechtes Gewissen und sie hinterfragt die Herstellungsbedingungen, die Notwendigkeit der Dinge für sie, den Konsumdruck der Gesellschaft und ob sie das alles verantworten kann.
Also wollte sie Ordnung schaffen. In diesen Fragen und in ihren Dingen: Kleidung, Schminksachen, Haarspangen, Handtücher, Bücher, CDs, Küchengeräte, Schrauben, Nägel, Pinsel - alleswasmansohat.
Diese hat sie sortiert, fasziniert vom Alltäglichen hat sie jedes einzelne Ding in die Hand genommen, dessen Sinnhaftigkeit und Bedeutung hinterfragt und entweder weggeworfen oder fotografiert. Letzteres mit über 2600 Gegenständen, im Zeitraum von zwei Jahren. Gegenstände mit einem Warenwert, keine Briefe, keine Photos, keine Lebensmittel.
Herausgekommen ist das Buch "My Things" - eine Sammlung von Alltagsgegenständen einer durchschnittlichen Person, wie sie selbst sagt, Ende Zwanzig - Anfang Dreißig, weiblich, wohnhaft in Mitteleuropa. Ein Zeitdokument, aber keineswegs ein Portrait, denn ein solches hätte sie nie machen wollen, genau so gut hätte sie die Gegenstände von irgendeiner Person fotografieren können, betont Gabriela Gründler.
Wir bewundern ihre Ausdauer.
Allein mit diesen Sternen könnten wir locker mehrere Seiten füllen ...
"Ein Fondue-Set. Daran erkennt man die Schweizerin." "Aber sowas hab ich doch auch."
"Immerhin - sie hat nur einen gelben Gummihandschuh." "Sehr sympathisch."
Letzte Seite - was man im Keller so findet. "Sogar hier ist aufgeräumt."
title: Schweiz im Bild - My Things, Gabriela Gründler length: 3:48 MP3 (3.647MB) | WMA
Sie würde am Abend auch anfangen daheim zu fotografieren, meint Pia.
Alles Gute.
Ein Kapitel mehr im unendlichen Buch der unvollendeten Projekte.
Das könne unmöglich alles sein.
Auf dem beigelegten Plakat wirken all die Dinge tatsächlich überschaubar.