Die FM4-Bücherei ist keine herkömmliche Bücherei, in der man Bücher ausleiht, sondern eine, in der Bücher vorgestellt werden.
Der oder die BesucherIn der FM4 Bücherei stellt seine bzw. ihre drei Lieblingsbücher vor, bzw. Bücher, die man durchaus lesen sollte.
Franz Adrian Wenzl
Er ist Sänger, Texter und Musiker bei Kreisky, Autor und heuer auch Mitglied in der Wortlaut-Jury. Und er liest viel. Sehr viel. Zwei Tage ohne Buch sind die Ausnahme - mehrere Bücher im Monat die Regel. "Drücken Sie einmal einem solchen eine Bohrmaschine in die Hand" ist der Titel seines zuletzt erschienenen Buches. Ob das in seinem Fall eine gute Idee ist, erklärt er in der FM4-Bücherei ebenso wie seine katholische Sozialisation. Er erzählt von seinem katastrophalen ersten Konzert und von der musikalischen Pest des Mühlviertels.
Und natürlich beschreibt er seine drei Lieblingsbücher.
Russell Hoban: Kleinzeit
"Russell Hoban ist ein amerikanischer Schriftsteller, der in London lebt und ca. 83 Jahre alt ist. Eigentlich ist er Kinderbuchautor - von da her kennt man ihn am ehesten, denn seine Erwachsenenbücher sind kaum übersetzt. Sein bekanntestes Kinderbuch heißt 'Maus und Sohn'. Anfang der 70er hat er angefangen, Romane für Erwachsene zu schreiben. Er hat einen sehr surrealen Zugang zu Büchern, d.h., in seinen Büchern, vor allem in 'Kleinzeit', können Dinge sprechen. Der Titelheld, Kleinzeit, kommt in ein Krankenhaus, weil er einen Schmerz in seiner Hypotenuse verspürt.
Das Krankenhaus spricht mit ihm, Papier spricht mit ihm, die Räume sprechen mit ihm. Er unterhält sich mit dem Monitor seines Krankenbetts. Es ist eine hochsurreale Welt. Es ist originell, zwar nicht originell für sich, aber es gibt immer eine tiefere Bedeutung. Der Tod kommt etwa in Form eines schwarzen Schimpansen, der ihm hinterher läuft.
Das tolle ist, dass diese Sachen nicht nur originell sind, sondern Dinge verdeutlichen, Graubereiche, in Gefühlen, für die es keine Wörter gibt.
Es ist ein Buch für Erwachsene, es ist im Sinne der 70er Jahre teilweise sehr sexualisiert."
Hoban, Russell: Kleinzeit, Picador 1992
Kazuo Ishiguro: Was vom Tage übrigblieb
"Bekannt durch die Verfilmung mit Anthony Hopkins und Bookerprize-Träger: 'Was vom Tage übrigblieb' von Kazuo Ishiguro. Ein Japaner, der seit seinem 5. Lebensjahr in England lebt und mit diesem Buch völlig zu Recht einen großen Hit gelandet hat. Das Tolle bei Kazuo Ishiguro ist, dass der Erzähler selbst immer weniger weiß als das Publikum. In 'Was vom Tage übrigblieb' geht es um einen Butler, der, im Alter von 60 oder 70 Jahren, 1956 eine sechstägige Reise nach Cornwall antritt und dabei sein Leben ein bisschen Revue passieren lässt. Und zurückdenkt an sein Dienstverhältnis bei Lord Darlington, dem er sehr loyal ergeben war und an sein Verhältnis zu der Haushälterin - Miss Kenton. Und sich dabei, das ist für den Leser ganz deutlich, etwas vormacht. Denn er war so loyal zu seinem Arbeitgeber, dass er davon überzeugt ist, dass sein Herr immer Recht hat.
Lord Darlington war aber einer jener englischen Adeligen, die mit den Nazis kollaboriert haben und ein faschistisches System in England gut hießen. Der Butler, Stevens, hat zwei jüdische Dienstmädchen entlassen müssen, was er gut geheißen hat. In seine Haushälterin ist er offensichtlich verliebt, und sie in ihn, aber das gesteht er sich selbst nicht ein. Erst im Laufe des Buches erkennt er seine eigenen Fehler und Versäumnisse. Kazuo Ishiguro zeigt die Rollen, die man vor sich herschiebt und die man nicht mehr Reflektiert."
Ishiguro, Kazuo: Was vom Tage übrigblieb. Ins Deutsche übersetzt von Hermann Stiehl. Rowohlt Verlag, Reinbek 1990, Taschenbuch: Btb, München 2005
Anthony Burgess : Der Fürst der Phantome
"Anthony Burgess kennt man hauptsächlich durch 'Clockwork Orange' und vor allem durch die Verfilmung des Buches durch Stanley Kubrick. 'Der Fürst der Phantome' ist ähnlich poulär wie 'Clockwork Orange', ich schätze es eigentlich noch höher.
Es ist ein sehr dickes Buch - die deutsche Ausgabe hat etwa 900 Seiten - und behandelt die komplette Geschichte des 20. Jahrhunderts. Es ist aus der Sicht eines 81-jährigen Schriftstellers erzählt, der ein nicht unbedingt hervorragend, aber sehr erfolgreich ist. Ein zentrales Thema ist die katholische Frage nach der Erbsünde, zudem geht es um den freien Willen. Die zweite Hauptfigur ist ein fiktiver Papst, Gregor XVII, der wohl Johannes XXIII nachempfunden ist. Es werden viele katholische Themen behandelt, u.a. auch die Neuerungen des zweiten Vatikanischen Konzils. Anthony Burgess ist teilweise überraschend konservativ.
Ziemlich super ist der erste Satz:
Am Nachmittag meines einundachtzigsten Geburtstages, als ich mit meinem Buhlknaben im Bett lag, kam Ali und sagte, der Erzbischof sei da und wolle mich sprechen. Buhlknabe ist eine komische Übersetzung, gemeint ist wohl eher ein Lustknabe oder Strichjunge. Dieser Satz macht viele Räume auf. Es geht um zwei Personen, den 81-jährigen, homosexuellen Schriftsteller und den Papst. Die Homosexualität ist wichtig, weil sie den Ich-Erzähler, Kenneth Toomey, dazu gezwungen hat, aus der Kirche auszutreten, obwohl er eigentlich sehr gläubig ist. Ebenso wie Burgess oder dessen großes Vorbild, James Joyce, ist auch Kenneth Toomey ein abgefallener Katholik. Mit seinem ganzen Wissen kann er nicht gläubig sein, aber er wurde in seiner Jugend so stark geprägt, dass er es de facto trotzdem ist. Mir geht es eigentlich ähnlich, deswegen zählen Schriftsteller wie Anthony Burgess oder James Joyce zu meinen Lieblingsautoren, weil sie einen ähnlichen Zugang haben und diese Themen immer wieder aufgreifen müssen. Wenn mich wer fragt, ob ich gläubig bin, würde ich antworten, dass ich das Konzept von einem Schöpfer für mich nicht brauche und dass ich eigentlich nicht daran glaube. Aber ich könnte es nicht vehement behaupten, denn wenn es doch einen gibt, dann hätte ich es mir mit ihm verscherzt.
Mit losen Fäden im Leben, die nicht zusammen gehen, mit denen kann ich leben."
Burgess, Anthony: Der Fürst der Phantome. Aus dem Englischen von Wolfgang Krege; Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 1996
On Air
Zu hören ist die FM4-Bücherei mit Franz Adrian Wenzl am Sonntag, 4. Mai 2008 in FM4 Connected (13 bis 17 Uhr).
Die FM4-Bücherei Zu den bisherigen Besucherinnen und Besuchern zählen Sibylle Berg, Francoise Cactus, Arno Geiger, Christian Kracht, Kathrin Passig, Sven Regener, Christiane Rösinger, Tex Rubinwitz, Rocko Schamoni, Funny van Dannen und Franz Adrian Wenzl.