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Wien | 27.10.2008 | 21:01 
Gestalten und Gestaltung. Büchereien und andere Sammelsurien.

Pamela, BorisJordan, Zachbauer

 
 
Frank Lehmann
 

So ganz vorstellen konnte ich mir das 2001 nicht, als Sven Regener erklärte "Herr Lehmann" sei der letzte Teil einer Trilogie, die beiden anderen würden noch kommen. Tatsächlich - 2004 beschrieb er in "Neue Vahr Süd" Frank Lehmanns Militärzeit in Bremen, die mit dem fixen Plan endete, zum großen Bruder nach Berlin zu fahren. Und dort setzten wir jetzt an.
 
 
 
'Der kleine Bruder'
  "Irgendwann war es so dunkel, dass Wolli schwieg. Frank Lehmann bemerkte das erst gar nicht, weil er schon lange nicht mehr hinhörte, schon kurz hinter der Grenze bei Helmstedt hatte er die Ohren auf Durchzug gestellt und sich aufs Fahren konzentriert, vor allem darauf, die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h nicht zu überschreiten, denn das war ja schon Wollis Hauptthema zwischen Bremen und Hannover gewesen, dass die einen fertigmachen würden, wenn sie einen dabei erwischten, wie man ihre Geschwindigkeitsbegrenzung von 100 km/h ignorierte, das hatte, allein schon durch die Sturheit, mit der Wolli dieses Thema zwischen Achim und Allertal in einem unaufhörlichen Redefluss wieder und wieder zu Tode geritten hatte, irgendwann dann doch Eindruck auf Frank gemacht, nicht so sehr, dass er Wollis Erzählungen, die immer Erzählungen von Leuten wiedergaben, die Leute kannten, denen das Erzählte einst widerfahren war, und die zusammengefasst darauf hinausliefen, dass ein allzu sorgloser rechter Fuß sie direkt in den Gulag bringen würde, für wirklich bare Münze genommen hätte, aber er war immerhin so weit davon eingeschüchtert, dass er um seine Ersparnisse zu fürchten begann, jene paar hundert Mark, die er von seinem Postsparbuch abgehoben hatte, um nach Berlin zu seinem Bruder zu fahren und ein neues Leben anzufangen, denn das war sein Plan."

 
 
  Das sind jetzt erst mal die ersten zwei Sätze. Die ersten zwei - wir merken schon - Sven Regener holt wieder mal ordentlich aus und ist in dem für ihn typischen nicht enden wollenden Redefluss, von dem wir uns widerstandslos mittreiben lassen.

Dabei ist die wesentliche Handlung von "Der kleine Bruder" ziemlich schnell erzählt - Frank Lehmann fährt nach Berlin und sucht seinen älteren Bruder. Stattdessen findet er u.a. dessen Freund Karl, hängt v.a. mit dem ab und verkauft sein erstes Bier in einer Bar. Und das alles in knapp zwei Tagen.
Sven Regener schildert das auf gut 280 Seiten. Und nicht nur das - es wird sehr viel getrunken, geräuschvoll gekotzt, man torkelt durch Berlin und sinniert zwischen Hausbesetzern und Galeriebesitzerinnen was denn nun noch Kunst sei und was wirklich nur Schrott.
Sehr treffend dabei die tragisch-komischen Bemühungen von jungen Künstlern, die versuchen, irgendwie auf sich aufmerksam zu machen und sei es nur mit besonders ausgefallenen Künstlernamen - was zu der Zeit in Berlin ja tatsächlich wichtig war - wir denken etwa an Blixa Bargeld, Farin Urlaub oder Max Goldt.
Bei Regener heißen die Helden allerdings P. Immel oder H.R. was für Hans Rosenthal steht und manchmal mit H.R. Ledigt ergänzt wird.

Bei einer Lesung von dem steigt irgendwann einer auf eine leere Bierkiste und schreit dem Künstler zu:
"H.R., du bist ein Scheißdichter, was du machst, ist unbegabter Dreck, und du solltest dich schämen!"
Dann stieg er schnell wieder runter und ging hinter dem Tresen in Deckung.


Schämen in der Kunst, völlig unterbewertet. Ich hab gelacht.
 
 
 
Uhlmen - Buck
  Dieses Buch hat einen großen Vorteil - man liest "Frank Lehmann" und sieht Christian Ulmen vor sich, man liest "Karl" und denkt an Detlev Buck. Und schon freut man sich selbst an äußerst dumpfen Dialogen. Die es durchaus auch gibt - immer wieder wird einfach erklärt, wiederholt, nachgefragt und erst nochmal wiederholt. Saufen und kiffen - so war das eben damals, erzählt man sich, als Berlin noch zweigeteilt war ...
 
 
 
  Jedenfalls ist da inhaltlich schon noch ein bisschen Luft - von diesen zwei Tagen bis zum "Herrn Lehmann". Soviel Luft, dass durchaus noch ein weiterer Band geschrieben werden könnte. Ja, könnte er, grinst Sven Regener, vorerst aber nicht. Momentan habe er weder eine Idee noch das Bedürfnis danach. Es sei derzeit für ihn so, wie wenn man gerade ganz opulent gegessen habe und jemand fragt - "was willst du heute Abend essen?" Sehr schwierig sei das, sehr schwierig.
 
 
 
Schuber
  Wer sich das Leben von Herr Lehmann anlesen möchte, beginnt am Besten mit der Reihenfolge der Erscheinungen, empfielt Sven Regener. "Wenn die einen Schuber mit allen Lehmanngeschichten machen wollen würden, würde ich sagen - lasst uns das so machen: Eins 'Herr Lehmann', zwei 'Neue Vahr Süd' und drei 'Der kleine Bruder'."
Und wenn die dem auch gleich einen DVD-Schuber für die DeLuxe-Ausstattung machen würden, gäbe es vorerst nur 'Herr Lehmann', eine Verfilmung von 'Neue Vahr Süd' schließt Sven Regener aus, aber für den kleinen Bruder kann er es sich durchaus vorstellen und was man so munkeln hört nicht nur er.
Dann widmen wir uns doch lieber dem Soundtrack zum Film - der würde zwar nicht unbedingt von "Element of Crime" kommen - dennoch schreiben die gerade neue Stücke, die wir dann im nächsten Jahr als Album in den Schuber stecken können.

 Sven Regener - Sänger und Gitarrist der Gruppe Element Of Crime
Foto (c) Charlotte Goltermann
 
 
  Sven Regener: "Der kleine Bruder",
Eichborn Berlin, Frankfurt a. M. 2008

Sven Regener liest "Der kleine Bruder" - eine ungekürzte Autorenlesung ist bei tacheles, ROOF Music, Bochum erschienen.
 
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Live
  Sven Regener liest aus "Der kleine Bruder"
Im Rabenhof
Am 28. und 29. November
Beginn jeweils 20 Uhr
 
 
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