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 | 8.10.2007 | 14:18 
L'Auberge FM4. Erfahrungsberichte zu eurem Auslandssemester aus allen Ecken - hauptsächlich - Europas.

 
 
L'Auberge FM4: Espoo
 
Name: Alexander Eberl

Heimatuniversität: Technische Universität Graz
Gastuniversität: Helsinki University of Technology / Teknillinen Korkeakoulu (TKK), Espoo
Fach: Architektur
Aufenthaltsdauer: 8.2006 - 3.2007
 Alle Städte im Überblick
 
 
Die größte Vorstadt Finnlands
  Gleich mal vorweg: Die Helsinki University of Technology (TKK) befindet sich im Gegensatz zur University of Helsinki und der University of Art and Design (TAIK) nicht in Helsinki. Sie heißt wohl deshalb so, weil niemand die zweitgrößte Stadt und die wohl größte Vorstadt Finnlands, nämlich Espoo, kennt.

Espoo ist ein mit Helsinki zusammengewachsenes Bettenlager für die in Helsinki arbeitende, aber aus ökonomischen Gründen nicht in der Hauptstadt lebende Mittelschicht. Die Stadt hat einiges zu bieten, etwa den größten Wolkenkratzer (Mutmaßung) Finnlands mit sage und schreibe 20 Stockwerken (grobe Schätzung), ein undurchschaubares Gewirr an Autobahnen, unendliche, von Wäldern unterbrochene Landschaften aus Geschoßwohnbauten, die sich nur durch ihre geringere Höhe und sanitären Fassaden von ihren osteuropäischen Kollegen unterscheiden, ein Kunstmuseum, das wohl das beste in ganz Finnland ist, und kein Zentrum. Die "Teilzentren" erkennt man am Busbahnhof und am Shopping-Zentrum, vorzugsweise einem 70er-Jahre Prachtstück mit der typisch finnischen "toilet-facade", also weiß verfliest.
 
 
 
Uni & Leben
  Trotz Kunstmuseen und einigen netten Wäldchen, die die Autobahnen säumen, wäre Espoo ein wirklich trister Ort, wäre hier nicht die TKK, ein Paradewerk des finnischen Nationalarchitekten Alvar Aalto. Ein angenehmer Campus, an dem man tunlichst versuchen sollte, einen Studentenheimplatz zu bekommen. Leider und zum Glück ist der Erasmusaufenthalt sehr gut organisiert, man bekommt eine Wohnung zugeteilt (150-350 Euro für eine 3er-WG, wobei die exklusiven Wohnungen am Campus die günstigsten sind!), man wird durch alle (und derer gibt es viele) Behördenwege quasi an der Hand geführt. Dank Tutoren, Newsgroups und sehr auskunftsfreudigen Studienstellen findet man sich schnell zurecht. Es gibt einen separaten, auf englisch abgehaltenen Studienplan für Erasmusstudenten, sofern man das Glück hat, einer Studienrichtung mit hohem Erasmusstudentenanteil nachzugehen. Hat man das nicht, dürfte es sich als schwierig erweisen, dem Unterricht zu folgen. In diesem Fall sollte man sich nicht scheuen, Kurse an anderen Fakultäten und Universitäten zu belegen, dies geht meist problemlos.

 
 
 
Aalto in voller Pracht: Der Große Hörsaal der TKK in der Außenaufnahme
 
 
  Wer das harte Los einer Wohnung im letzten Winkel Espoos gezogen hat, der sollte sich auf den diversen Internetforen nach einer besser gelegenen umsehen, bevor er diese annimmt, und damit jeden Tag eine 1-stündige Busreise zur Universität in Kauf nimmt. Nicht selten vermieten finnische Studenten, die selbst ein Auslandssemester absolvieren, ihre Studentenheimplätze und WG-Räume zum Unkostenpreis.

Unbedingt zu beachten ist, dass das "Wintersemester" schon Anfang September, das "Sommersemester" schon Anfang Jänner beginnt und im Mai endet. Ein Aufenthalt im Sommersemester alleine ist alles andere als empfehlenswert, da mit Kälte und Terminkollisionen an der Heimuniversität verbunden.
 
 
 
Sprachbarrieren, die keine sind
  Der Sprachkurs im Sommer ist zwar sehr lustig, perfekt um das sommerliche Helsinki kennen zu lernen, den Strand auszunutzen, solange die Sonne noch scheint, perfekt um Fuß zu fassen und Bekanntschaften zu machen - mehr aber auch nicht. Finnisch wird man in Helsinki nicht lernen. Die Sprache mit ihren 15 Fällen und 1000 Siegeln will so gar nicht ins Ohr gehen. Schon deswegen, weil jeder Finne, ob jung, ob alt, ob Professor oder Aushilfskraft, perfekt Englisch zu sprechen scheint.

Verständigungsprobleme wird es keine geben, durchaus aber Annäherungsprobleme. Ein finnischer Professor beschrieb es folgendermaßen: "How do you recognize an extroverted Finn? He looks at the shoes of it's counterpart first!". Da ist was Wahres dran, der Finne scheint auf den ersten Blick kalt wie der Winter. Wohl um sich nicht komplett zu isolieren, organisiert er sich in einer "kilta" (Gilde), was sich dadurch ausdrückt, dass er ein Donald-Duck-Mützchen aufsetzt, sich in einen schlabbrigen Ganzkörperanzug packt, und sich an ausgewählten Tagen mit anderen Gildenmitgliedern im Tauziehen, Biertrinken und Handy-Weitwerfen misst. Nicht zu verwechseln sind solche Gilden mit bei uns bekannten Burschenschaften, alleine der Umstand, dass es eine Schwulengilde und eine Russlandgilde gibt, macht einen Vergleich dazu unmöglich.
 
 
 
Keine Duracell-Häschen sondern eine "kilta" in Aktion
 
 
Mäuse und Moneten
  Ich möchte hier auch ein Vorurteil entkräften: Helsinki ist nicht teuer! Dank der unzähligen Studentenkantinen, die um die TKK, und auch verstreut in ganz Helsinki, um die Gunst der hungrigen Studenten buhlen, kann man sich geradezu obszön günstig den Bauch voll schlagen: 2,50 Euro für Hauptspeise, Salat, Brot, Milch und Wasser, in manchen Kantinen sogar all-you-can-get-on-your-plate! Kulinarische Höhepunkte: Die Pizza im "Smökki" und der Menüplan des auch optisch einwandfreien Kongresszentrums "Dipoli".

Mitnehmen braucht man gar nichts! Die Stadt hat eine gewaltige Second-Hand-Kultur, unzählige Flohmärkte und Second Hand-Läden säumen die Straßen, die Second-Hand-Kette "Uff" hat geradezu Kultstatus. Über diverse Internetforen der Universität bringen abgehende Erasmus-Studenten ihren Hausrat bei eingehenden an den Mann. Von Küchenutensilien, über Fahrräder, bis hin zur Waschmaschine bekommt alles, nicht selten "for free". Matratzen und Geschirr kann man sich gratis beim Studienservice ausleihen. Wer kein Fahrrad findet, der kann versuchen, eines beim "kerrätyskeskus", dem Recyclingzentrum, zu bekommen.

Doch Vorsicht, Technikstudenten: Espoo ist ein unwirtlicher Ort für Fahrradfahrer, zwar gibt es zu jedem erdenklichen (Un-)Ort einen hübschen Fahrradweg, doch sind die Distanzen mitunter enorm und gerade im Winter kein Zuckerschlecken. Spätestens im Jänner holt man sich doch eine dieser vollkommen überteuerten Netzkarten (40 Euro für Espoo und 80 Euro für Großraum Helsinki - pro Monat!) und ist froh, nicht am Sattel festzufrieren (-20°C und beißender Wind sind im Jänner und Februar keine Seltenheit).
 
 
 
Norden und baden sind kein Widerspruch
 
 
  Abgesehen vom Fahrpreis nach Helsinki ist auch das Fortgehen nicht unbedingt teuer - sofern man Geselligkeit vor akustische Befriedigung stellt. Die lokale ESN-Gruppe organisiert wöchentlich einen Tag mit freundlichen Bierpreisen eigens für Erasmusstudenten. Sogar wer einen exquisiteren Musikgeschmack hat, sollte dann und wann an diesen Orten vorbeischauen, zum Aufwärmen, bevor man dann nachher ohnehin Gefahr läuft, sich an den Disco-üblichen Bierpreisen von 6 Euro und mehr (für 0,3l versteht sich) auszubrennen. Erprobt gute Orte zum dafür sind: Korjaamo, Kuudes Linja und Rose Garden.
 
 
 
Helsinki, oder: Die spinnen, die Finnen!
  Was Espoo nicht zu bieten hat, hat Helsinki im Überfluss: Ein Nachtleben, das man eher einer spanischen Tourismusmetropole zuschreiben würde, Museen und Galerien, grandiose Aalto-Bauten, eine frische und verspielte Mode- und eine sehr präsente Musikszene, die man jedes Wochenende in diversen Clubs, allen voran Tavastia und Kuudes Linja, begutachten kann.

Eine sehr aufgeräumte Stadt mit breiten Straßen, großen Parks, vielen kleineren Hafenanlagen, putzigen Gründerzeitvierteln und ohne wirkliche Altstadt, die sich jedoch zum Rand hin in unendliche Hochhaus- und Reihenhauslandschaften und den Überresten einstiger und den Parkplätzen neuer Shopping-Centers verläuft.

Die Finnen scheinen keine großen Ansprüche an das Wohnen in der Stadt zu stellen. Die Wohnung ist zum Übernachten da, im Winter ist ohnehin alles trist, und im Urlaub fährt man - ganz in uralischer Manier - aufs Land zum "mökki", der Sommerhütte, derer es unzählige in Finnland gibt.

 
 
 
Nicht alles, was Helsinki ist, glänzt.
 
 
  Horden von jungen Leuten erklären den ganzen Sommer lang die Stadt zum Biergarten, abserviert wird von Pensionisten, die sich mit Pfandflaschen die Rente aufbessern, geschlafen wird, wenn das Gleichgewichtsorgan nicht mehr mitspielt, an Ort und Stelle. Dieses typisch skandinavische "Liegenbleiberphänomen", macht auch vor Helsinki nicht halt.

Um 4 Uhr ist Schluss, überall, wenn man nicht in den verschwörerischen Kreis einer "after hour party" gerät. Private Feiern, in privaten Kellern und Wohnungen, die jeder Helsinkianer nur vom Hörensagen kennt. Wohl so eine Art "urban legend", ich bekam niemals eine zu Gesicht ... Das kann auch nicht am eisigen finnischen Gemüt liegen, denn dieses erlebt jedes Wochenende ein wundersames Tauwetter. Ein meteorologisches Phänomen, das wohl nur mit dem tieferen Gefrierpunkt von Alkohol gegenüber Wasser erklärbar ist. Es ist durchaus keine Seltenheit, dass man am langen Heimweg durch das öffentliche Verkehrsnetz (das bis 4:30 brav pendelt) neue Bekanntschaften mit aufgetauten Finnen macht, die zwar wegen der kurzen Tauwetterperiode selten länger als eine Busfahrt halten, deswegen aber nicht minder unterhaltsam sind.
 
 
 
Ausschweifungen
  Helsinki ist der perfekte Ausgangspunkt, um in die umliegende Geographie zu schweifen. Eine "booze-cruise" nach Stockholm ist geradezu obligatorisch, genauso wie das Wochenende in Tallinn und die organisierten Studentenreisen nach St. Petersburg und Lappland. Die Sommertickets der Bahn sind - sofern man schon die 44 Euro Studiengebühren bezahlt hat und einen Studentenausweis hat, eine gute Basis, um das Land auf eigene Faust zu erkunden. Empfehlen kann ich: Turku, Tampere, Jyväskylä, Rauma und Porvoo.

Abschließend bleibt mir nur zu sagen: Helsinki, minä rakastan sinua!
 
 
 
Deine Erfahrungen
  Du hast selbst auch in Espoo oder Helsinki studiert? Willst dem hier noch etwas hinzufügen, einen ganz speziellen Tipp loswerden oder vor einem gern gemachten Fehler warnen? Das Forum hier unten ist der richtige Platz dafür!

Und falls du zumindest ein Uni-Semester in einer anderen Stadt verbracht hast: Schick uns doch einen eigenen Text mit deinen Erfahrungen! Alle Infos dazu findest du [hier].
 
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  Wikipedia: Espoo

Helsinki University of Technology / Teknillinen Korkeakoulu

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