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 | 30.10.2007 | 14:05 
L'Auberge FM4. Erfahrungsberichte zu eurem Auslandssemester aus allen Ecken - hauptsächlich - Europas.

 
 
L'Auberge FM4: Riga
 
Name: Gerald Schmidt

Heimatuniversität: Universität Wien
Gastuniversität: Latvijas Universitate, Riga, Lettland
Studium: Lehramtsstudium Englisch (und - noch - Geographie, in Zukunft wahrscheinlich Russisch)
Auslandsaufenthalt seit: August 2007
 Alle Städte im Überblick
 
 
Irgendwo dazwischen
  Jetzt ist es doch passiert. Vor knapp einem Jahr habe ich noch milde gelächelt wenn es hieß, Auslandsstudenten sollten statt nach Spanien besser nach Osteuropa gehen. Mittlerweile bin ich seit drei Monaten hier in Riga, dem Herzen des Baltikums und vorgeblichen "Paris des Nordens".

Zustande kam das alles auf ein wenig ungewöhnlichen Wegen. Erstens einmal wegen meiner Situation: Ich habe bereits mein Doktorat gemacht, im betreffenden Fachbereich (Humanökologie und Kulturanthropologie) aber kaum Arbeitschancen gefunden und darum nun ein Lehramtsstudium angehängt. Und zweitens, weil dieses Auslandsstudium zwar über Erasmus organisiert und mitfinanziert wird, aber eigentlich gleichzeitig Teil des Austauschprogramms Campus Europae ist.
 
 
 
Abends in Riga
 
 
Baltic Studies, Lettisch, Russisch
  Ins Ausland hätte es mich schon in meinem ersten Studium gezogen, da klappte das allerdings nicht (zuerst war ich nicht weit genug fortgeschritten im Studium, dann habe ich mein Studienfach gewechselt, und schlussendlich war ich dann zu weit, als das eine solche Unterbrechung gut gewesen wäre). Diesmal, mit dem Lehramtsstudium, funktioniert es. Die Universität Wien ist nämlich eine der Universitäten die am Studienprogramm Campus Europae - und zwar gerade und ausschließlich in der Lehrerbildung - teilnehmen. Dieses Netzwerk ist (noch) klein, hat sich aber hohe und sehr feine Ziele gesteckt. So umfasst das Auslandsstudium mit Campus Europae zwei Aufenthalte im nicht-muttersprachlichen Ausland, beide jeweils ein Studienjahr lang (der zweite wird über Arbeit und/oder andere Stipendien unterstützt).

Austauschstudenten werden an der LU (Latvijas Universitate) spezielle Kurse (vor allem in Baltic Studies und für Lettisch und Russisch) angeboten. Einige wenige werden auch in englischer Sprache abgehalten, darunter natürlich jene für Englische Philologie und Unterrichtsfach Englisch (die hier an getrennten Fakultäten, jenen für Moderne Sprachen bzw. für Pädagogik, untergebracht sind). Bei einem nur kurzen Aufenthalt ist Lettland also unter Umständen weniger zum Studieren als für die Auslandserfahrung geeignet. Aber ich bin ja für ein ganzes Studienjahr hier, belege Kurse vor allem für mein Lehramtsstudium Englisch und versuche auch mit Russisch einiges weiter zu bringen (und damit hoffentlich, wieder in Wien, im Unterrichtsfach Russisch weiterzumachen).
 
 
 
Der Zentralmarkt
 
 
Die Inflation galoppiert - die Wirtschaft brummt
  Untergekommen bin ich, vermittelt über das Auslandsbüro der Latvijas Universitate, in einem der zu dieser Uni gehörigen Studentenwohnheime. Im Fall der Austauschstudenten heißt das Doppelzimmer, einheimische Studierende sind zum Teil auch zu viert in einem Zimmer untergebracht. Dusche und WCs am Gang, Küche ebenso. Der Stadtbezirk gilt als gefährlich, aber sein Ruf scheint schlechter zu sein als die Realität, bisher zumindest gab es keine Zwischenfälle.

Man hat im Zimmer hier meines Wissens nach mehr Platz als im typischen Wiener Wohnheim, und mit 50 Lats im Monat (75 Euro) bekommt man das um einen für Riga sehr guten Preis. Die Immobilienpreise in der Stadt sind horrend, die Inflation galoppiert - die Wirtschaft brummt allerdings auch - und selbst die Preise für das Alltagsleben sind nicht zu unterschätzen. Skandinavien ist immer noch schlimmer, aber dass das Baltikum eher dorthin gehört (bzw. gehören will) als zu Osteuropa merkt man zumindest am Preisniveau.

Riga ist auf jeden Fall eine interessante Erfahrung. Nicht unbedingt im Sinne von Erasmus als "Partystipendium". (Sorry, aber als "Campus Europae-ist" gehört diese Kritik dazu, und meinen Interessen entspricht das nun einmal nicht.) Allerdings ist das Nachtleben hier berühmt und berüchtigt. Und, wie man so hört, absolut zu Recht!
 
 
 
Das Schwarzhäupterhaus
 
 
Als Wiener schon recht heimisch
  Viel interessanter finde ich die Dinge die einem nun einmal im Ausland viel mehr auffallen als zuhause: Zuallererst ist Riga eine Stadt mit der einer hohen Dichte an Jugendstil-Gebäuden und, mit Wien, eine der wichtigsten Repräsentantinnen des Jugendstils. Damit, aber auch mit den Wohnblocks der Sowjetzeit, die oft eine frappierende Ähnlichkeit mit so manchem Wiener Gemeindebau besitzen, kann man sich als Wiener schon recht heimisch fühlen.

Verfall ist, neben Renovierungen und ersten Stahl- und Glastürmen und trotz Wirtschaftswachstums allerorts zu finden. Überhaupt sind solche Kontraste hier sehr stark. Die Werbung preist Flachbildschirme an, deren Preis allerdings über dem durchschnittlichen lettischen Monatslohn liegt. Und am Markt - Riga hat einen der interessantesten Märkte Europas, mit Hallen die früher Zeppelinhangars waren - findet man ältere Menschen, die Plastiktüten oder im Wald gesammelte Pilze verkaufen, während auf der Straße davor mindestens ebenso viele Bentleys und Hummer wie in Wien zu sehen sind.
 
 
 
Der Strand von Jurmala
 
 
  Unterkriegen lässt man sich davon hier jedenfalls nicht. Im Sommer nutzt Arm wie Reich den Strand des nahen Jurmala und anderer Küstenorte zum Baden, es gibt regelmäßig Feste mit Gesang und Tanz (die Volksmusik ist sehr interessant und hat einen hohen Stellenwert, kulturell und auch politisch) und selbst jetzt, wo es kälter wird, trifft man sich zu der einen oder anderen, vor allem kulturellen, Veranstaltung an einem wärmenden Feuer im Freien.
 
 
 
So sehen beispielsweise Feiern nach einer Laufveranstaltung aus, wenn es kalt und dunkel ist.
 
 
Russische Letten
  Einzuschätzen wie "die Letten" denn nun wären, bereitet Schwierigkeiten. Einerseits sehen sie sich selbst als offener als die Skandinavier, zugleich aber als schweigsamer und weniger kontaktfreudig als die Russen. Gerade damit ist es eben so eine Sache: Der Reiseführer mit dem ich mich ein wenig auf das Land vorbereiten wollte, hat empfohlen, einen Letten nicht auf Russisch anzusprechen, weil die Sprache wegen der Erinnerung an die Sowjetokkupation nicht unbedingt beliebt wäre. Knapp die Hälfte der Ridzinieki (Einwohner Rigas) sind ihrer Nationalität (Muttersprache und kulturellem Hintergrund nach) allerdings Russen und nicht Letten - wie derselbe Reiseführer auch, ein paar Seiten vorher, erwähnte. Oft genug sind auch diese Russen übrigens der Staatsbürgerschaft nach Letten. Russland mag also oft als (bestenfalls) schwieriger Partner der EU gelten, aber unter den EU-Bürgern finden sich, vor allem im Baltikum, bereits jede Menge Russen.

Der Blick auf Europa und die EU wird so auf jeden Fall ein ganz anderer. Spanisch interessiert mich zwar immer noch, aber das zweite Jahr mit Campus Europae wird womöglich doch nach Ankara oder nach St. Petersburg gehen. Dortige Universitäten treten dem Netzwerk dieser Tage bei - der Campus Europae ist also schon ein weiterer, die EU hinkt hinterher. Und ich, ich gehe bereits mit einem ganz anderen Bild vom (weiteren) Osten Europas voran. Wer will mit?
 
 
 
  P.S.: Übrigens blogge ich, allerdings aus Gründen der Internationalität auf Englisch, zu Erfahrungen während dieses Aufenthalts. Das findet sich dann hier: positive-ecology.org/blog

Latvijas Universitate: www.lu.lv
Campus Europae: www.campuseuropae.org
 
 
 
Deine Erfahrungen!
  Du warst selbst für längere Zeit in Riga, oder hast dort sogar studiert? Willst dem hier noch etwas hinzufügen, einen ganz speziellen Tipp loswerden oder vor einem gern gemachten Fehler warnen? Das Forum hier unten ist der richtige Platz dafür!

Und falls du zumindest ein Uni-Semester in einer anderen Stadt verbracht hast: Schick uns doch einen eigenen Text mit deinen Erfahrungen! Alle Infos dazu findest du [hier].
 
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