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 | 27.11.2007 | 11:33 
L'Auberge FM4. Erfahrungsberichte zu eurem Auslandssemester aus allen Ecken - hauptsächlich - Europas.

 
 
L'Auberge FM4: Reykjavik
 
Name: Johannes Spatzenegger
Heimatuniversität: Uni Graz
Gastuniversität: Háskóli Íslands/University of Iceland - Reykjavik
Fach: Erdwissenschaften
Kurse: Introduction to the geology and geography of Iceland; Current Crustal Movements; Igneous Petrology; Soils and Vegetation
Aufenthalt: Seit Ende August 2007
 Alle Städte im Überblick
 
 
They have everything in Iceland
  "They have everything in Iceland: Sadness. Iceland is very sad. It is an igloo made of frozen blocks of sadness, and we are curled up inside, huddled on our walrus skins, telling stories about that one time that a baby walrus wandered into camp and Baldur fed it alcohol and made it drunk before he killed it and roasted it over the fire. What a sweet sizzling smell! The memory is almost enough to make us forget that we are living in an igloo of sadness. Almost, but not quite."

So erzählt Ben Black, mein Mitbewohner aus Kalifornien, wenn wir bei Bier und Tortillas in unserer Wohnung in Reykjavik sitzen und uns Geschichten über Island einfallen lassen. Der erste Tag hier ist wirklich traurig. So traurig und grau, dass mir das Flugzeug nach Hause näher ist als alles andere. Björk, GusGus und Sigur Rós, schwarze Vulkane, blaue Flüsse und bunte Berge sind versprochen worden und stehen zumindest im LonelyPlanet, den nicht nur ich von zu Hause mitgebracht habe. Sicher ist sicher. Ehe man sich versieht hat man viele dieser (an sich ja durchaus zutreffenden) Vorstellungen und seinen LonelyPlanet hinter sich gelassen und kann mit allen Höhen und Tiefen das Land genießen.

Die erste Woche in Island verbringe ich auf einer Exkursion im Rahmen einer Lehrveranstaltung, die quer durch den Süden des Landes führt und 40 Geologen und Geographen aus aller Welt zu einer Gruppe mit ausgeprägter Dynamik reifen lässt. Beim gemeinsamen Kochen, in heißen Quellen Liegen und stundenlangem durch Island Cruisen lernen wir uns auf eine Art kennen, die einem im Studienalltag oft verwehrt bleibt und die aus Fremden Bekannte und Freunde macht. Nach dieser Woche ist das Flugzeug nach Hause weit, weit weg.
 
 
 
 
 
Leben im Niemandsland
  Island liegt nicht nur geographisch genau zwischen Europa und Amerika. Viele Dinge hier erinnern mich an die USA. Allradangetriebene Geländewagen in lächerlichen Dimensionen etwa, oder Mr. Sanders von KFC, der einem in jedem größeren Dorf entgegengrinst, wenn auch irgendwie fehl am Platz. Die US-Militärpräsenz von 1951 bis 2006 in Keflavík hat ihre Spuren im alltäglichen Leben hinterlassen. Architektur und Lebenseinstellung sind jedoch skandinavisch geprägt und so sind viele meiner isländischen Bekannten junge alleinerziehende Mütter, was hier zum Beispiel gesellschaftlich weit mehr unterstützt und auch anerkannt wird als in Österreich. Nicht von ungefähr ist die Geburtenrate nach jener Irlands die höchste Westeuropas.

Die Tage werden im Laufe des Wintersemesters, das hier von September bis Dezember dauert, dunkler, aber irgendwie findet sich nach anfänglichem Unbehagen mit der Zeit auch in den Grautönen Reykjaviks, das ohne Vorstädte über behagliche 120.000 Einwohner verfügt, eine melancholische Ästhetik, die auch einem Aki Kaurismäki-Film entsprungen sein könnte. Entspannen und erholen kann man sich einem der zahlreichen Hallenbäder der Stadt, in denen Isländer allen Alters zu jeder Tageszeit ihre Runden drehen und sich im "heitir pottar" zum Plaudern bei 38-44°C Wassertemperatur treffen.
 
 
 
 
 
Punks ride Bicycles
  Schwimmen gehen, dank Studentenzuckerl einer Bankenkette gratis, ist ein Freizeit- und Socialize-Klassiker unter den ausländischen Studierenden, die hier, wo so ziemlich alles teurer ist als in Mitteleuropa, durchaus Initiative im Aufbringen kostengünstiger Freizeitaktivitäten zeigen. Mit dem Busticket, das hier allen Studenten und Schülern für den Großraum Reykjavik gratis zur Verfügung gestellt wird, kann das nähere Umfeld der Stadt erkundet werden. Die Musikszene der Stadt ist bekanntermaßen jung und quicklebendig, Dienstag und Donnerstag wird dank Flutlicht bis spät in die Nacht Fußball gespielt, Hauspartys werden als Alternative zum sehr teuren Ausgehen veranstaltet und am Wochenende macht sich, sofern es Wetter und Jahreszeit zulassen, stets irgendeine abenteuerlustige Gruppe auf, um die Insel zu erkunden.

Hier sei jedoch angemerkt, dass man für solche Ausflüge einen fahrbaren Untersatz benötigt. Das öffentliche Transportsystem operiert hauptsächlich auf der Ringstraße, nach der Hauptsaison (Juni-September) allerdings stark reduziert. Und da die richtigen Augenöffner beinahe alle - gelinde gesagt - etwas abgelegen liegen, ist auf ein Auto kaum zu verzichten. Reykjavik selbst hingegen ist durchaus zu Fuß zu bewältigen, sofern man im Stadtzentrum lebt. Man kann aber auch auf Busnetz zurückgreifen oder ein Gratis-Rad zum Selbstherrichten bei den "ReykjavikBikePunks" besorgen.
 
 
 
 
 
Teures Pflaster
  Obwohl ich auf hohe Lebenserhaltungskosten eingestellt war, werde ich hier dennoch jeden Tag aufs Neue überrascht. Ein Bier für 600 Kronen (ca. 7,50 Euro) und eine große Pizza Margarita für 1500 ISK (ca. 18 Euro) sind keine Seltenheit. Die Mieten in meinem Bekanntenkreis reichen von 22000 ISK (ca. 265 Euro) für ein Doppelzimmer in der Innenstadt bis 40000 ISK (ca. 480 Euro) für eine kleine Studentenwohnung in Uni-Nähe. Die meisten Studenten wohnen in Guesthouses oder Wohnungen, die beinahe alle in der Innenstadt gelegen und nach meinem Erfahrungsstand alle recht heimelig und sauber sind, in geringer Zahl stehen auch Plätze im Studentenheim zur Verfügung. Die Unterkünfte werden, sofern gewünscht, vom Büro für internationale Beziehungen gesucht, das hier hervorragendes Service bietet.

Der bereits erwähnten Kostenfalle Reykjavik kann relativ einfach gegengesteuert werden: zum Beispiel durch eher planendes Einkaufen und Ausgehen. Will heißen: Großeinkäufe machen statt in der Uni-Cafeteria oder gar im Restaurant zu essen, gemütliches Zusammensitzen in Wohnungen anstatt in Bars und Augen und Ohren für Veranstaltungen der Uni, Museen oder Regierungseinrichtungen offen halten, wo meist ein nettes Jauserl rauspringt und man häufig nette Leute kennen lernt.

Alternative zum Dauersparen: Arbeiten. Die Arbeitslosigkeit in Island beträgt aktuell etwa 2,6% Prozent. Die Kurse an der Uni sind anspruchsvoll, lassen aber durchaus Spielraum und niemand den ich kenne, hat länger als zwei Tage nach einem passablen Studentenjob gesucht. Sprachliche Barrieren spielen dabei selten eine Rolle. Es ist hier nicht ungewöhnlich in Geschäften oder Restaurants von Personen bedient zu werden, die kein Isländisch sprechen - manchmal stell ich mir das auch für eine kleine Landgemeinde in Österreich vor, nur so zum Spaß.
 
 
 
 
 
Die Uni als Wohnzimmer
  Die Haskóli Islands/University of Iceland hat das Ziel, in den nächsten Jahren unter die 100 besten Universitäten der Welt zu gelangen und ist einer der großen Arbeitgeber im Land, was sich meiner Meinung nach in einer höheren Wertschätzung der Universität im Allgemeinen und der Studentenschaft im Speziellen niederschlägt.

Das Studium hier bietet, zumindest an der naturwissenschaftlichen Fakultät, hervorragende infrastrukturelle Rahmenbedingen mit hohen technischen Standards und gut ausgerüsteten Laboratorien. Obwohl es manchmal ein wenig drunter und drüber geht und Professoren relativ häufig nicht zu Kursen auftauchen (was sich allerdings eher durch einen überraschend spontanen und entspannten isländischen Charakter als durch geringe Wertschätzung der ausländischen Studierenden erklären lässt), trifft man bei Fragen stets auf offene und hilfsbereite Ohren. Den Studierenden wird bei Interesse freizügig Einblick in aktuelle Forschung gegeben und wenn man sich an die Professoren wendet, kann man auch bei dem einen oder anderen kleinen Projekt mitarbeiten. In der Ausbildung haben projektbezogenes Arbeiten und das Verfassen wissenschaftlicher Essays einen höheren Stellenwert als im deutschsprachigen Raum, was sich wiederum positiv auf die Teamfähigkeit und die Eigeninitiative vieler Studenten auswirkt.
 
 
 
 
 
Sag zum Abschied leise Servus
  Ein Auslandsaufenthalt in Island ist also durchaus weiterzuempfehlen, die Monate hier vergehen wie im Flug und langsam nähere mich mit mulmigen Gefühlen dem Flug nach Hause, das Leben hier wird nämlich von Tag zu Tag schöner.. Mir ist bewusst, dass diese Darstellung überaus subjektiv und natürlich von meinen Erfahrungen geprägt ich, ich versichere jedoch, dass sie zutiefst das ausdrückt, was ich hier erleben durfte und immer noch darf, wenn ich auch oft zu einer sehr optimistischen Sichtweise tendiere. Aspekte, die ich hier wenig oder gar nicht ausgeleuchtet oder in zu schillernden Farben beschrieben hab, werden von euch sicher im Forum geschildert und im Bedarfsfall richtig gestellt - ich freu mich schon aufs Lesen.

Kvedja,
Johannes
 
 
 
Deine Erfahrungen - Dein Text
  Falls du selbst zumindest ein Uni-Semester in einer anderen Stadt verbracht hast: Schick uns doch einen eigenen Text mit deinen Erfahrungen! Alle Infos dazu findest du [hier].
 
fm4 links
  Wikipedia: Reykjavik

Háskóli Íslands

Háskóli Íslands - Office of International Education

Reykjavik Bike Punks

Ben Blacks Island Blog

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L'Auberge FM4 - Alle im FM4 Auslandssemester porträtierten Städte auf einen Blick
   
 
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