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Wien | 11.2.2003 | 16:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '03. elfterfebruar.
  Warum ein Hundertjähriger offenbar heute noch einen bestimmten Symbol-Wert hat. Und warum die Sehnsucht nach Unsterblichkeit unstillbar ist.
 
 
 
Der Papierene,
  Gestern war der Geburtstag des größten österreichischen Fußballers aller Zeiten, Matthias Sindelar. Der hunderste. (Heute wird übrigens der aktuelle Teamchef halb so alt, interessente Koinzidenz...)

Da dieses Journal Geschichten aus dem wirklichen Leben behandelt, kann Sindelar nicht wirklich ein Thema sein.
Ich könnte nichts dazu sagen, außer Biografien abzuschreiben.
Der Mann starb '39. Und anders als z.B. Hank Williams (siehe thenitebefore) hat er nicht Musik hinterlassen, die man heute noch hören kann.
Sindelar lebt nur noch in den Köpfen und Herzen derer, die ihn gesehen und erlebt haben.

Also hab ich diesen gestrigen Anlass geflissentlich ignoriert.

Dann jedoch, vorgestern, gestern und auch heute haben Poster, und nicht die dümmsten unter ihnen, durchaus unabhängig voneinander, etwas zum Thema eingefordert.

Das hat mich, da ich denke, dass ihnen die Widersinnigkeit dieser Forderung bewusst ist, durchaus verwundert.

Aber ich denke, ich gibt einen Grund für diese Nostalgie von Menschen, deren Opas den großen Sindelar vielleicht als Bub erlebt haben.

Eine Sehnsucht.

 
 
Matthias Sindelar,
  Nicht so sehr eine Sehnsucht nach einer Zeit, in der ein "Papierener", ein dürren Hänfling, dem Spiel seinen Stempel aufdrücken konnte - diese Ausnahme-Kicker gibt es (ein wenig athletischer ausgebildet) durchaus heute auch noch.

Es ist die Sehnsucht nach einer Zeit, als Sindelar und die Austria und das österreichische Wunderteam der Nabel der Fußball-Welt waren; oder zumindest das aktivste und entwickeltste Epizentrum.

Mit dem Untergang des Wunderteams, der Auflösung der Austria, der Nationalmannschaft und Sindelars Tod, alles Mitte/Ende der 30er angesiedelt, war alles beendet, wurde nie mehr gutzumachender Schaden angerichtet.

Der heimische Fußball hat sich davon nie mehr erholt.

Und deshalb trauern Minderjährige um eine Vergangenheit, die sie nicht einmal mehr aus Wochenschauen kennen, sondern nur noch als reine Mund-Propaganda.

Und das ist absurd und schön gleichzeitig. Wie unerfüllbare Sehnsucht immer absurd und schön gleichzeitig ist.

 
 
das Wunderteam,
  Die fußballerischen Zwischenkriegszeit war immer noch von der englischen Dominanz geprägt. Die britischen Teams (England und Schottland) entwerten mit ihrem Teilnahme-Verzichte sowohl die ersten Weltmeisterschaften als auch die olympischen Turniere dieser Zeit.
Durch diese freiwillige Isolation verabsäumten sie aber auch notwendige Entwicklungen.

Das südamerikanische Macht-Zentrum Argentinien & Uruguay war ebenfalls, rein geografisch, zu weit entfernt, um so etwas wie einen fußballkulturellen Austausch zu ermöglichen; und auch die zweite frühe europäische Großmacht, Spanien, zeigte isolationistische Tendenzen.

Entwicklung passiert aber nur mittels Austausch.
Und der war in einer Region, die man Mitteleuropa nennen könnte, am effektivsten der Fall.
Das umfasste vor allem die immer recht rege Tschechoslowakei, die aufstrebenden Italiener und eben Österreich.

Hier hatte man sich Ende der 20er zu Profi-Fußball durchgerungen, und damit heute noch gültige Maßstäbe gesetzt. Damit war zwar Schluss mit der Olympia-Teilnahme, dafür hoben diese Staaten (incl. Ungarn und Jogoslawien) den Mitropa-Cup, den Vorläufer des Europa-Cups für Club-Teams aus der Taufe.

 
 
der Mitropa-Cup ...
  In ein paar Jahren hatte der mitteleuropäische Fußball, der sein Kraft-Zentrum im Städte-Dreieck Wien-Prag-Budapest hatte, also alles losgetreten, was wichtig war und heute noch Bestand hat, den isolationistischen Engländern die Nase gezeigt und auch spielerisch-technische Standards gesetzt.

Das auch von Sindelar maßgeblich beeinflusste berühmte Kurz- und Flachpass-Spiel, heute immer noch Kennzeichen höchster technischer Künste und Standard bei allen südeuropäischen und südamerikanischen Fußball-Mächten, kommt aus dem Mitropa-Cup-Jahren.
Ein Bewerb, den Sindelars Austria zweimal (33 und 36) gewann.
Das Wunderteam hatte zuvor, 31 bis 33, auf nationaler Ebene dominiert.

1934 wurde Österreich WM-Vierter in Italien.
1936, bei Hitlers Olympia, verlor Österreich das Finale gegen die Italiener.
Nach dem Anschluss 1938 wurde das österreichische Team vom damals weit unterlegenen, dem reinen Kraftsport frönenden deutschen Team geschluckt.
In Deutschland gab es keine funktionierende Profi-Liga, keine brauchbare Infrastruktur.

Im sogenannten Versöhnungs-Spiel im April 38, als die "Ostmark" eigentlich höchste Anweisung hatte, gegen das "Altreich" mit Anstand zu verlieren, vergab Sindelar provokant und offensichtlich die allerbesten Torchancen, ehe es ihm und seinen Kollegen dann zu blöd wurde, und sie dann doch 2:0 gewannen.

Nachher versank der heimische Fußball, so wie alles, in Elend und Chaos.

 der papierene papierlt einen gegner
 
 
... und die Sehnsucht.
  Sindelar sackte in die Halbwelt ab, die in dem von ihm neu eröffneten Cafe ein und aus ging. Er bekam Ärger wegen seiner Spiel-Schulden und schlussendlich wurden er und eine Freundin, die Prostiturierte Camilla Castagnola, am 23.1. '39 ermordet aufgefunden.
Funktionäre der Austria tarnten den Skandal als Rauchgas-Unfall. Und sofort tauchten Gerüchte auf, das Nazi-Regime habe sich eines unliebsamen Rebellen entledigt.

Das passte natürlich zur Helden-Saga des großen Spielgestalters und Torjägers, der mit seiner Technik und seinem körperlosen Spiel die Gegner narrte und ärgerte.

Und der Mythos Sindelar wird bis heute gepflegt.
Auch, weil mit ihm und der Beseitigung einer österreichischen Fußball-Kultur als Nebeneffekt der Nazi-Barberei, etwas für immer verlorenging: Österreichs Stellung als innovatorische Fußball-Nation.

Zwar kam nach dem Krieg kurz noch so etwas wie eine Renaissance zustande, als in den 50ern Österreich und vor allem Ungarn noch Anschluss an die Weltspitze halten konnten, aber bald schon setzten sich die neuen Powerhouses durch, die auch heute noch dem Fußball-Sport ihren Stempel aufdrücken: die mittlerweile vollintegrierten Engländer und Spanier, die wirtschaftswundernden Deutschen und die geschickt auf ihrer Geschichte aufbauenden Italiener.

Auch der im Fußball besonders große Hass auf den deutschen Nachbarn lässt sich durch diesen Part der Geschichte erklären.

Und eben die Sehnsucht nach einer Ära, in der nicht die Wirschaftsmacht, sondern die richtige Idee zur richtigen Zeit (Hugo Meisl erfindet den Mitropacup, Sindelar und das Wunderteam erfinden das Scheiberlspiel...) zählte.

Das alles ist nachvollziehbar, aber es zählt fuffzehn.
Morgen mach ich vielleicht einen Blick in die Gegenwart.

 
 
PS:
  Eine gute und eine schlechte Nachricht zu Frau Ida (siehe achterjänner und neunterfebruar): nachdem sich dankenswerterweise Ute H. und Claudia C. unserer Verantwortung besonnen haben ("Wir sind Journalisten, verdammt!") und sich trauten zu fragen: sie kommt wieder, die Frau Ida, erholt sich nach einer (geplanten) Operation. Uff. Aufatmen.
 
 
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