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Wien | 3.6.2003 | 16:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '03. dritterjuni.
  Leben / Tod / Leben.
 
 
 
Leben
 

Gestern früher nachmittag.

Heinz kopiert hektisch Unterlagen.
"He, Heinz, was machst du da? Du bist doch gestern vormittag Vater geworden?"

Und dann erzählt er, seine Augen flattern aus einer Mischung aus wenig-geschlafen, völlig-fertig, sehr-glücklich und immer-noch-euphorisiert, wenn er von der Geburt der kleinen Emily erzählt, davon wie Pascale bei den Preßwehen seinen Daumen blaugequetscht hat, von der Hebamme und dem Wasserbecken oder von der ersten Berührung, als er die Kleine an Brust und Schulter gehalten hat.

Leben eben.
 
 
 
Tod
 

Irgendwann gegen sieben oder acht, es war auf jeden Fall noch hell, bin ich dann zur U-Bahn gegangen, Karlsplatz.

Für alle, die dort noch nie oder selten waren: die Passage und vor allem der Ausgang zum Resselpark hin ist der Sammelpunkt der Wiener Junkie-Szene.

In der warmen Jahreszeit haben sie den plateauartig angelegten Teil des Parks bis hin zur Uni für sich okkupiert, stehen rum, trinken Bier, dealen und streiten laut.

Es sind Zombies, Tote auf Abruf.
Da ist nichts lebendiges in diesen Menschen, es ist ein trauriger Anblick.

Es hat mich immer schon an Romeros "Night of the living dead" erinnert.

Die Untoten dort in diesem schönen traurigen Schwarz-Weiß-Meisterwerk sind auch nicht böse oder wirklich widerlich, sondern ein armseliger Anblick, Wesen, die durch irgendwelche Schicksale in die tiefe Scheiße, in der Tod (Zombies) bzw. den Vor-Tod (Junkies) getrieben.

 
 
  Trotzdem ist der Abgang zur U-Bahn über den Resselpark, den man - vom Funkhaus kommend - sinnvollerweise nimmt, nicht unbedingt mein Lieblingsweg.

Auch hier ist es wieder wie bei Romero.
Man hat das Gefühl, dass man zu einem von ihnen wird, wenn sie einen berühren. Und manchmal ist der Korridor, den sie freilassen, schmal.

Klar, sie wanken umher, sie bewegen sich in ihren andauernden Zetereien, Checkerein, Plärrereien unkontrolliert.

Aber weil sie sich nicht mehr wirklich spüren, obwohl sie ja ausschließlich auf sich selber und ihre Bedürfnisse fixiert sind, Ego-Maschinen höchsten Grades, spüren sie um sich herum rein gar nichts mehr.

Wie Romeros Zombies eben.
 
 
 
  Ich geh also gestern gegen halb acht an der Karlskirche vorbei.

Auf den Steinen beim Brunnen sitzt eine Touristin, Spanien/Italien.
Vor ihr hat sich ein Typ im Vastic-Sturm-Dress mit der Nummer 9 aufgebaut und labert sie an. Sie ist merkbar genervt, aber zu höflich und zu sprachunkundig um sich zur Wehr zu setzen.

Ich rufe im Vorbeigehn dem Typen ein "Geh, laß die Frau in Ruh, Oida!" zu, um seine Aufmerksamkeit von der Touristin wegzukriegen.

Hätt' ich nicht tun sollen. Aber ich kann sowas nicht mitansehn.

Denn plötzlich zappelt er hinter mir her: "Jo, die vaschteht mi eh ned, heast sog ma du: is mei Aug' no richtig?"

Ich hätte ihn auf den ersten Blick nicht als einen der Karlsplatz-Junkies eingeordnet (auch weil ich nicht mit diesem Scan durch die Welt laufe), aber der Tonfall der Stimme ist eindeutig.
Und vor allem die völlig irre Ansage, die bedeutet, dass er auf einem sehr, sehr schlechten Trip sein muß.
Seine Augen sind wie bei allen Zombies untot und flackernd, aber im Gegensatz zu dem, was er grad innendrin erlebt, völlig in Ordnung.

Ich sag so etwas wie "Paßt schon. Eh alles okay".
Er läßt nicht locker: "Na, geh, schau genauer!"

Ich sag: "Sicher nicht. Laß mich bitte in Ruh."
Er versucht mir an die Schulter zu greifen.

Ich sag: "Schleichst dich bitte, Giftler?"


 
 
  Das hätt ich nicht tun sollen. Aber ich kann sowas nicht leiden.

Ich habe ihn, den Zombie, den Untoten, den Junkie, den völlig Bewußtlosen, den komplett-panierten, den Wankenden, den Drücker, den Schlucker, den Werfer und Giftler par excellence einen Giftler genannt.

Er rastet aus: "WOOOOOS???!!??? Du nennst mi an Giftler?!? Jo, bist denn du... Na woat!!!"

Dann bleibt er stehen und will was aus seiner Umhänge-Tasche holen und brabbelt dabei etwas wie "I schiaß di nieda!"
Er könnte alles mögliche meinen, eine Puffn oder ein Wurfgeschoß, es könnte aber auch alles nur eine Fantasie-Attacke sein.
Die Dose Bier, die er in der Hand hielt, bin ich ihm in jedem Fall nicht wert, die hat er abgestellt, ist drüber gewankt, hat sie halb verschüttet.

Er schreit und droht.

Ich geh weiter, normales Tempo, durch den Resselpark, schau hin und wieder über die Schulter zurück und überlege, was ich tun soll.

Ich weiß, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass gar nichts passiert, dass der Typ jetzt rumschreit und aus, aber ich traue ihm in dieser Form der völligen Entrücktheit, der totalen Wurschtigkeit, des kompletten Zombie-Zustands auch zu, dass er, Hausnummer, ein Messer rauszieht und hinter mir herwirft.

Und irgendwelche Waffen im Park, das ist nicht lustig, nicht für mich und auch nicht für die Kinder und die anderen Leute, die dort harmlos auf den Bänken, in der Wiese und beim Denkmal rumsitzen.

 
 
  Ich geh also weiter, fixiere ihn hin und wieder und sehe, wie er immer wilder wird, weil er mit seiner Tasche nicht zurechtkommt und immer noch empört hinter mir herschreit, weil ich ihm, nachdem er mich belästigt hatte, als das bezeichnet habe, was er ist.

Ich dachte, dass die Wahrheit den Menschen ja zumutbar ist, und will es gerade revidieren, da fällt's mir wieder ein: 9/Vastic ist bereits in untoten Zombie-Zustand, hat also nichts Menschliches mehr, nichts.
 
 
 
  Dann, als ich schon eine Baumreihe weiter bin, und er mich eigentlich schon blicktechnisch verloren haben müßte, höre ich ihn schreien und auch rennen, sehe ihn dann auch.
Ich bleib stehen, dreh mich um und warte ab.
Aber er ist zu paniert, biegt in die falsche Richtung.

Ich geh' also wieder weiter, mit dem mulmigen Gefühl im Rücken, dreh mich noch ein-, zweimal um.
Es ist keine Angst, nur Wut.

Wut, dass es möglich ist, von einem Zombie in diese Situation gebracht zu werden.
Wut, dass ich nicht viel anderes tun kann, dass ich nicht die Möglichkeit habe, spontan zu reagieren.

Denn: man hat ja das Gefühl, dass man zu einem von ihnen wird, wenn man sie berührt.

 
 
  Und: was tu ich jetzt?

Das ganz in mich reinfressen? Den nächstbesten, der mir in der U-Bahn deppert kommt, drunter leiden lassen?
Oder später jemanden wegen einer Nichtigkeit verbal zur Sau machen?
Das tu' ich nie aus Frust-Gründen, sondern maximal gezielt und bewußt.
Außerdem treff ich später noch M.
Und: soll sie die Zombie-Attacke ausbaden? Sich mein Gejammer anhören oder von einer Spitze getroffen werden? Sicher nicht.

M. hat vor ein paar Wochen am Karlsplatz eine Aktion organisiert mit einer parodistisch nachgestellten Diskussions-Runde nach dem Modell der ersten nie ausgestrahlten karls.platz-Sendung.

Ich erinnere mich, dass damals einiger der völlig benebelten Zombies hergekommen sind und beim Thema 'Recht auf Rausch' mitdiskutiert haben.

Und sie haben Dinge gesagt wie: "Jo, des Haschisch sollt ma scho legalisieren. Aber die hoaten Sochn ned. Glaubts ma. Des is nix." Und sie sind in Zombie-Manier geschwankt.
 
 
 
  Ich geh also weiter in Richtung U4, vorbei an der dortigen Polizeistation.
Nein.
Ich geh dort rein.

Hätt ich nicht tun sollen. Aber ich verweigere dieses 'Reinfressen', ich will meine Wut nicht ignorieren.

Man macht sofort auf, was mich überrascht.
Drinnen läuft eine Szene, die aus einem Österreich-Tatort sein könnte.

Vor der Budel ein völlig paniertes Junkie-Pärchen, er mit offenem Mund, Peter Stöger-Frisur, Zombie-Augen, sie gerade greinend "Geh, loßts mi aaaaamoi telefonian!!!!"

Eine Polizistin nimmt ein Protokoll mit dem sinnlosen Gewäsch der beiden völlig besinnungslosen Wanker auf.
Ein Polizist wendet sich mir zu.

 
 
  Die vier sind (grob gesagt) alle etwa aus demselben sozialen Umfeld: entweder ländliches oder städtisches Proletariat, hatten wohl auch diesselbe Sozialisation, diesselben Ausbildungsmöglichkeiten.
Jetzt sind die einen Anwärter auf das nächste Ticket im Todes-Klubs der Zombies und die anderen Wächter der Rechtschaffenheit.

"Bitte sehr", sagt der Polizist.
Ich sage: "Bin grad im Resselpark von einem Giftler im Vastic-Shirt bedroht worden. Ich fürchte, er könnte dort immer noch randalieren. Und er macht einen aggressiven Eindruck. Das wollt ich nur sagen. Weil sonst kann ich eh nix tun ..."

Der Junkie neben mir hakt ungefragt beim Stichwort 'Vastic' ein und brabbelt nebenbei etwas wie "Wos, a Plastik-Shirt? Den kenn ma vielleicht eh. Woat, den beruhig ma scho!"

Es ist für ihn innerhalb der Zombie-Ego-Maschine, die er darstellt, völlig unerheblich, dass ihn keiner gefragt hat, keiner angesprochen hat.
Und er würde jetzt, wenn ich ein ganz leises "Geh bitte, ich red mit wem. Stör jetzt ned." gesagt hätte, sofort ausgeflippt.
Nicht so arg wie 9/Vastic.

Aber das ist das normale Reaktions-Potenzial der Zombies. Das kenne ich schon.
 
 
 
  "Wir schaun amal durch", sagt der Polizist, freundlich.
Der Junkie brabbelt weiter vor sich hin, seine Freundin winselt irgendwas, die Polizistin tippt. Es ist eine erbärmliche Szenerie.

Ich bin immer noch wütend.
Also sag ich, was ich mir gerade denke.

Hätt' ich nicht tun sollen. Aber ich kann sowas nicht mitnehmen. Und ich kann auch nicht aus meiner Haut.

Ich sage: "Wenns eam sehn, hauns eam bitte ane von mir in die Goschn?"

Der Polizist zuckt mit den Achseln und lächelt. Dieses Lächeln kann alles heißen, von "Ich versteh', dass du dich jetzt wohler fühlst" bis "Mach ma eh, wenn wir uns selber nimmer z'helfen wissen".

Ich weiß es nicht. Es ist mir auch egal. Ich fühl mich besser.

 
 
  Ich geh also zur U4 runter.
Und die Wut ist raus.

Und wie schon zwei Tage zuvor, labert mich dieser kleine langhaarige Junkie-Zombie mit dem "Ich bin total krank, hast a paar Cent"-Schmäh an.

Er ist genauso grauslich wie 9/Vastic, aber er hat kein Gewalt-Potenzial. Ich lächel ihn an und sag nur was wie "Geh weida". Und sonst nix.

Wenn ich meine Wut nicht auf der Polizei-Station gelassen hätte - er wär mein Opfer gewesen. Ich hätt ihn wohl zur Sau gemacht, beinhart.
 
 
 
Leben
  Ich hab dann den ganzen Abend kein einziges Mal an diese Geschichte denken müssen.

Wenn ich sie nicht direkt danach kurz aufnotiert hätte, würde ich wohl heute was über den traumatischen Kindheits-Verlust der Eskimo-Eisbombe schreiben (danke Sascha!), weil das alles schon wieder zu weit weg wäre.

Manchmal ist es okay, was zu tun, was man nicht tun hätte sollen.
 
 
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