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Wien | 4.9.2003 | 16:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '03. vierterseptember.
  Der Tag, an dem die Musik-Industrie im deutschsprachigen Raum ihr eigenes Todesurteil unterzeichnet hat.
 
 
 
Die CD zu 12 Euro...
 

Manchmal wacht man auf und erfährt in den News etwas wirklich Überraschendes, und es ist kein Krieg oder Attentat oder sonstwas Furchtbares, sondern eine unerwartete Wendung, die ungeahnte Veränderungen nach sich ziehen kann.

Das ist mir heute passiert: zuerst war es in den FM4-News, dann ausführlicher mittags in "Reality Check" und es hat mich von einem Staunen ins Nächste verfrachtet.

Die Basis-Meldung ist die:
Universal, der weltweit größte Musikhersteller will die CD-Preise senken.
Und zwar auf 13 Dollar/12 Euro.
Das wäre eine Revolution, eine wahrhaftige Faustwatschn.


 
 
... und dann doch wieder nicht.
 

Das "Aber" dazu folgte auf dem Fuße: es handelt sich dabei um eine neue Policy der US-Vertretung.
Ein Ami-Solo.
Die Europäer (also die EU) haben sich offenbar entschlossen nicht mitzuziehen.

Spätestens ab dem Zeitpunkt, wo ich den neuen Universal Österreich-Chef und Ex-Kollegen Hannes Eder höre, wie er den Standpunkt der EU-Universal-Companies vorträgt, purzeln die Szenarios in meinem Kopf hin und her.

Und ich wage jetzt eine Prognose: diese Sache wird über Wohl und Wehe des Musikbranche hierzulande (also im sogenannten GAS-Bereich) entscheiden.

Und: wenn die Europäer, vor allem die Deutschen, an ihrer derzeitigen Position festhalten, werden sie allesamt versinken.

Es wird ihr Tod sein.
 
 
 
Wie geht es der Musikindustrie?
 

Dazu muß man vorab folgendes festhalten: der Musik-Industrie geht es derzeit so richtig Scheiße.

Sie können sich zwar immer noch Glitter&Glimmer-Parties leisten, und fahren wenn die Robbie Williamse antanzen ein ganzes Arsenal an Promo/Party/Marketing-Cleverness auf.

Dahinter lauert aber zunehmend ein potemkinsches Dorf: die Companies schrumpfen, fusionieren und bauen Leute ab.

Der Grund ist zum einen das überteuerte Angebot ihres Produkts, der Musik-Tonträger und die (daraus reslutierende) pirateske Omnipräsenz ebendieser Musik auf allen anderen Gratis&Billig-Ebenen.

Das Produkt Musik ist zu teuer.
Deshalb wird es geklaut, kopiert, unter derr Hand weitergegeben.
Darunter leiden in erster Linie die Musiker und Künstler. Und in zweiter Linie die (jetzt hätte ich fast Zuhälter gesagt, pfui, Mund mit Seife auswaschen...) Zwischenhändler, die Musik-Companies.

Die Companies sind in einer echten Krise, einer Talfahrt, die sie schon seit Jahren nicht aufhalten können.

 
 
Scheiße geht es ihr...
 

Das ist natürlich ein internationales Phänomen.
Aber in den großen Märkten wie den USA oder im UK läßt es sich dank eines ewig sprudelnden Talente-Reservoirs halt immer noch besser leben als am alten Kontinent.

Und hier ist vor allem der Riese Deutschland (von dem der Zwerg Österreich zu 95% abhängig ist) in Gefahr.
Ein unbeweglicher Koloß, der ständig zwischen Hoffen und Bangen lebt, auch weil er eine ungenügende eigenständige Popkultur hat.

Absurderweise ist die Live-Musik-Branche seit Jahren wieder dick da. Grade bei den Konzerten & Festivals steigen alle Kennzahlen, geht es aufwärts, wird investiert und geboomt.
Die Live-Angebote werden auch immer teurer, aber sie sind eben durch nichts zu substituieren.

Der Tonträger hingegen, von der CD hin bis zur DVD, sind für jeden Konsumenten mit Pep, Fantasie und Kontakten zu anderen Konsumenten so leicht reproduzierbar wie ein Cheeseburger.
 
 
 
... und sie jammert.
 

Dieses Dilemma kennen die Companies; und sie jammern drüber seit Jahren.

Getan allerdings haben sie nichts oder zutiefst Untaugliches.
Ihre bisherige Taktik war eine destruktive und auch noch extrem unsympathische: mp3-Tauschbörsen, diese feuchten Träume der Teenager, der Konsumenten von morgen, aufkaufen und zerstören.
Doofer geht's eigentlich nimmer.

Und auch die Idee von den Billig-Portalen unter Companies-Aufsicht hat sich in der Praxis wegen interner Streitigkeiten (an denen konzertierte Aktionen immer scheitern) nie durchgesetzt.

Deswegen ist die Trendumkehr so interessant, deswegen ist der Universal-USA-Ansatz so eine Verblüffung.

Endlich, ENDLICH, hat da jemand begriffen, worum es wirklich geht: dass nämlich ein künstlich überteuertes Produkt immer von Piraterie unterlaufen werden wird.
Also macht man es billiger.

Die CD-Preisgestaltung war von ihren histotischen Anfängen an immer eine UNVERSCHÄMTHEIT.
Auf einigen meiner alten Vinyl-Schreiben kleben noch Preiszettel: 160,- oder 170,- steht da.
Schillinge waren das.

Die CD hingegen, in ihrer Herstellung wesenltich unaufwendiger und billiger, ging sofort auf 250,- bis 280,- und kam niemals (trotz anderslautender Industrie-Versprechungen) von dort runter.

 
 
Und wenn sie eine Chance kriegt...
 

Jetzt, mit der 12 Euro-Idee, käme man endlich dorthin, wo ein jugendliches Publikum (und das wichtigste Tonträger-Publikum ist nun einmal ein junges) sich die CDs ihrer Wahl auch tatsächlich LEISTEN könnte.
Und die überwiegende Mehrheit würde bei einem 12 EU-Angebot aufs Billig-Brennen verzichten und das Original samt Artwork, Booklet etc vorziehen.

Damit spekuliert Universal USA und bricht damit das scheinbar ungeschriebene Musikbranchen-Gesetz, dass man ein Hochpreis-Produkt künstlich hochhalten muß, auch wenn man damit in die roten Zahlen rutscht.
Warum es für diese Erkenntnis so lange gedauert hat, entzieht sich meinem Verständnis.

Anstatt dass die Europäer hier jubelnd mitziehen, kochen sie ihre eigene Suppe, und werden an deren Bröckerln jämmerlich ersticken.

Im EU-Bereich, erklärt Eder, wird sich an den Preisen nix ändern. Da gibt es eine Absprache und es geht nach EU-Recht.

Auf die Frage nach den sehr wahscheinlichen Parallel-Importen der US-Billigware wackelt diese Preis-Festung aber schon wieder: die Schweiz zb als Nicht-EU-Land muß sich nicht an dieses Abkommen halten und könnte locker als Billig-Preis-Insel mitten in Europa locken.
 
 
 
... nützt sie sie nicht.
 

Das muß man sich vorstellen: da kämpft eine Industrie an alles Fronten (also neben der eigenen Ideenlosigkeit) vor allem gegen Unterbieter, Piraten und Parallel-Anbieter und macht dann freiwillig (!!) noch eine diesbezügliche Front auf.
Irgendwie ist das ein Betteln um den Gnadenschuß.

NATÜRLICH wird die neue Lage dazu führen, dass findige Importeure die günstigen US-CDs herschaffen und verklopfen.
Nicht anders war es ja bereits in den 70ern und 80ern, als die hiesigen Plattenfirmen eine schnarchnasige VÖ-Politik betrieben und die Dinge mit einem dreimonatigen Delay veröffentlichten ("Wir wollen erst abwarten, wie das in England geht...").
In der Zwischenzeit hatten findige Importeure bereits ein paar tausend Stück (per Shop und auch damals schon per Versand) an die interessierte Community abgesetzt.
Wenn die verschlafene Company dann veröffentlichte brachte sie weit weniger Tonträger an.

Mittlerweile sind diese Kanäle weltweit nützbar und verdichtet bis zum gehtnichtmehr. Aus den tausender Zahlen werden 5stellige werden.
History repeating?


 
 
  Muß das sein? Kann man diese aufgelegte Chance, die Universal-USA da aufrollt, allen Ernstes nicht verwerten?
Steckt da außer Scheuklappen-Politik vielleicht irgendein absurdes strategisches Kalkül dahinter?

Auf der Strecke bleibt vordergründig der Konsument, der zumindest hierzulande um die Chance endlich CDs zu ihrem wahren Wert (es wird schon noch genug Spielraum drin sein, da machen wir uns keine Sorgen...) zu kaufen, und damit den Markt wieder aus dem Koma zu holen, gebracht wird.

Letztlich wird die heute zutagegetretene Taktik der europäischen Musikindustrie der letzte Auslöser für ihren Untergang sein.

Noch ist es nicht zu spät.
Aber bald ist die letzte Tankstelle vor dem Highway, über dem schon die Geier-Schwärme kreisen, außer Sichtweite.

 
 
  Die Info auf orf.on.

Und das ist der fuzo-Nachtrag vom Freitag.
 
 
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