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Wien | 15.10.2003 | 16:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '03. fünfzehnteroktober.
 
 
 
 
Malina, von Friedl und die Sprecher
 

Am Freitag ist der 30. Todestag von Ingeborg Bachmann, hab ich gelesen (ich bin ja derzeit sensibel für derartige Sachen).
Und unlängst, Sonntag nacht, hab ich die Werner Schroeter-Verfilmung ihres Romans "Malina" mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle gesehen, nicht lange, es ist kein Film, der mir liegt und ich war auch zu müde, aber die komplette Szene, in der die Huppert im Cafe den schwerkranken Peter Kern trifft und ihn dann mit Hilfe des ihr treu ergebenen Oberkellners abschasselt, die hab ich geschafft.

Ich muss ja zugeben, von der Bachmann kaum was gelesen zu haben, aber auch von Handke wenig oder von Bernhard. Und auch die Jelinek, die das Drehbuch zu"Malina" verfasst hat, liegt bei mir höchst unterrepräsentiert im Bücherstapel.

Aber darum gehts jetzt nicht.

 Bachmann
 
 
  Heute am späten Vormittag, hat mich mein erster Weg im Funkhaus wie jeden Tag in die Kantine zur Kaffeebar geführt, die von der Frau Ida regiert wird.
Und ich grüße höflich den Mann, der gleichzeitig mit mir auf seinen Capuccino wartet. Das ist der Fritz von Friedl.
Und da fällt mir ein, he, das ist ja der, der in der Cafe-Szene in "Malina" den Ober gespielt hat.

Fritz von Friedl ist Vorsitzender des Verbands der österreichischen Filmschauspieler, aber als solcher ist er nicht im Funkhaus.
FvF ist einer der klassischen 'Sprecher', die für größere Radio-Produktionen gerne gebucht werden, nicht nur Hörspiele, sondern auch für Features, die man - so sie bleibenden Wert haben und auch wiederholbar sein sollen, gerne von einer sonoren und professionell ausgebildeten Sprecherstimme gelesen haben will.

Von daher kenne ich FvF auch.

 FvF
 
 
  Früher, als Ö3 noch ähnlich produziert wurde wie Ö1 heute, war von Friedl ein gern gebuchter Edel-Sprecher für spezielle Musicbox-Features.

Das klingt heute unwirklich und überholt, aber in den 80ern und teilweise auch noch den frühen 90ern (von davor gar nicht zu reden...) waren es diese wohlgefälligen, markigen und doch gleichzeitig sehr speziellen Stimmen, die sich unserer Manuskripte über (Hausnummer) Nick Cave, Sonic Youth oder die Talking Heads annahmen und daraus einen überzeugenden Vortrag machten.

In der Musicbox, dem legendären Aushängeschild heimischer Popkultur in der frühen noch völlig kulturlosen Zeit, gab es lange Jahre kein ausgewiesenes Autoren-Prinzip.
Nur die Götter (zu unserer Zeit Wolfgang Kos oder Michael Schrott) durften selber sprechen. Und für bestimmte Reihen wie die "Komplette LP" nicht einmal die.

Vor allem für alle längeren Beiträge und natürlich die einstündigen Features also die Dienstags- und Donnerstags-Boxen, gab es eben den professionellen Sprecher.
Das hatte ua auch den Vor- und Nachteil, dass man vorproduzieren und deshalb rechtzeitig sein Manuskript fertighaben musste.

 direktor kos
 
 
  Irgendwann als Ende der 80er alles aufgeweicht wurde, gab es auch eine seltsame Mischform.

Der Sprecher-König der Musicbox, Franz Katzinger, las da zB die "Komplette LP" live. Heute ist sowas eh klar und eine Selbstverständlichkeit, damals war das gewagt.
Radio hatte gediegen und langsam zu sein. Redakteure, die ihre Beiträge selber ediert haben, wurden schief angeschaut.

Katzinger, ein kleiner scheuer Mann, Schauspieler und Profi-Sprecher hatte von avancierter Popmusik keinen Dunst, trug unsere teilweise verschwurbelten Texte über sinistre düstere Welten, über obskure Bands aus Neuseeland, Newcastle oder Louisiana aber vor, als hätte er sie verfasst und zumindest verinnerlicht.
Katzinger war diesbezüglich eine Art Zelig, ein Genie.

Weit affiner war Hans Piesbergen, der unsere Texte manchmal mit ironischen Anmerkungen versah und dann mit spitzbübischer Ironie las.

Natürlich gab es auch Horror-Sprecher, wie zB H.R., ein Koloss von einem Mann, mit einer dunklen, sarkastischen Stimme, ein sehr körperlicher Akteur, der bei der Sendunge-Produktion immer das Studio übernahm.
Zunächst platzierte er seinen aktuellen Geliebten, meist ein kleines, dürres Bürschchen im Aufnahmeraum, dann schrie er zehn Minuten lang über die äußere Form des Manuskripts herum ("Das ist ja voller Tippfehler und Striche! So kann ich nicht arbeiten!"), um sich dann in weiterer Folge auch noch in die Inhalte einzumischen, die ihm nicht passten.

Wenn man all das in stoischer Ruhe ignoriert und somit überlebt hatte, beruhigte sich H.R. und las das Feature in einer einzigartigen Qualität, dass man ihn dafür küssen mochte.
Manche Band-Portraits hatte ich bereits im Bewusstsein von H.R.'s donnernder Teufels-Stimme hingeschrieben.

 piesbergen
 
 
  Ich könnte jetzt auch von den diversen Schauspieler-Erfahrungen erzählen, die wir Anfang der 90er im Rahmen von "Blauberg", der von Mischa Zickler für "ZickZack" erfundene Jugend-Soap, die sowas wie "24" mit wenig Action war, gemacht haben, aber da ich da nie viel mit den Akteuren zu tun hatte, verwechsle ich sie gern.

Wir haben alle damals aufstrebenden Jungschauspielerchens gehabt, Rupert Henning war dabei, Alexander Lutz, Klaus Händel oder Margarete Pesendorfer, die unlängst irgendwo eine Intendanz übernommen hat. Und Xaver Hutter, der eine Zeitlang ein echter Jungschauspieler-Popstar war, aber mittlerweile wieder abgetaucht ist.

Nach diesem Projekt hab ich nie wieder was mit Schauspielern, die Texte veredlen, zu tun gehabt. Die Budgets wurden enger, und das Medium schneller.
Die extreme Langsamkeit und Behäbigkeit von Programmen, die die Afficionados damals in tobene Begeisterung trieben, würden heute für abwechselnde Gähn- und Lachanfälle sorgen.

Und manchmal, wenn wir - etwa für den Salon Helga - dringend eine seriöse Sprecherstimme brauchen, die einen kurzen Text liest, dann kommt Wilfried Schirlbauer, der Meister aus der Ö1-Sendeleitung, und spielt die Feuerwehr.

 xaver hutter
 
 
  Das alles ist mir eingefallen, während die Frau Ida uns einen Cappucino gemacht hat, dem Fritz von Friedl und mir. Er ist dann zu einer Ö1-Produktion gegangen und ich rauf in den 4. Stock zu FM4.
 
 
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