fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
Wien | 4.2.2004 | 21:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal de la CAN. Ronger les ongles.
  Die Vorrunde ist beendet, es war spannend und es gab Opfer.
 
 
 
Alles wird besser
 

Die letzten acht bei dieser bislang durchaus wunderbaren Afrika-Meisterschaft stehen fest, nach zwei Nägelbeißer-Tagen.
Ich hab mich, als ich zuletzt mit St. ein paar Minuten TV geschaut habe, an das letzte Turnier vor zwei Jahren erinnert. St. war damals mit seinem Freund Gr. irgendwo in einem Touristen-Hotel-Ressort in Kenya, um ein Programm zu schreiben, und hatte mir danach seine seltsamen Erlebnisse rund ums "mit Einheimischen Fußball schauen" erzählt.
Und während ihn die Hitze drückte und er für das damals katastrophal miese Turnier im heißen Mali Verständnis aufbringen konnte, hab ich anhand dieser Assoziationen meine damalige Enttäuschung über dieses stets Hoffnung verbreitende Turnier des drittbesten Kontinental-Verbands wiedererlebt oder nachgespürt.


 Hayatou und Milla, die Fädenzieher im Hintergrund.
 
 
  Diesmal, im klimatisch begünstigten Tunesien, wo auch auf gutem bis zumindest akzeptablem Turf gespielt werden kann, ist alles besser: das Klima, die Plätze, auch die Organisation, und dadurch auch die Technik und das Niveau.

Da sich nach den leidvollen Erfahrungen der letzten Weltmeisterschaften, als die afrikanischen Teams immer "on the brink" waren, es aber dann nie weiter als bis maximal ins Viertelfinale geschafft haben, auch die damals aktuelle Schule des über-europäischen Defensiv-Coachings verabschiedet hat, ist auch die Spielanlage + Taktik eine offenere, offensivere und damit attraktivere.

Mir kommt vor, dass sich die allgemeine Realmadridisierung des Fußballs auch hier extrem positiv ausgewirkt hat.

 
 
Meine Favoriten
 

Gestern also haben sich Kamerun und Algerien mühsam und mühsamer gegen unglückliche Ägypter und ein locker aufspielendes Zimbabwe durchgesetzt.

Und heute hat sich Nigeria mit Ach und Krach gegen den Außenseiter Benin behauptet, während Marokko mit einem Unentschieden gegen Südafrika genug hatte.

Ich mach jetzt etwas riskantes, und natürlich auch dummes, weil man mich damit natürlich genüsslich festnageln kann, aber das ist mir, mir Verlaub, egal: ich leg mich jetzt fest.
Mein CAN-Finale heißt Marokko gegen Tunesien.
Die Gründe für die Gastgeber kann man hier herauslesen.
Die Gründe für Marokko folgen nun.
 
 
 
  Marokko ist das einzige Team, das ein System verinnerlicht hat, tatsächlich eine Mannschaft und nicht wie z.B. Nigeria nur eine zufällige Ansammlung von guten Kickern ist und in jedem Mannschaftsteil gut und ausgeglichen besetzt ist.

Das kann man auch von Kamerun (und Senegal) nicht sagen. Was bei den begnadeten Spielern von Winnie Schäfer gestern beim von ihrer Seite indifferent geführten Spiel gegen Ägypten zu sehen war, wies auch im dritten Spiel auf ein großes Loch zwischen Defensive und Offensive hin. Nur der Abräumer vor der (auch sehr instabilen) Abwehr, nämlich Djemba Djemba, kann einen exzellenten Pass spielen. Geremi flankt nur dann präzise, wenn er Lust hat, der junge Mbami spielt zwar pushy und manchmal auch torgefährlich, aber nur für sich, und der Kerl mit der Nummer 14 war jetzt zwei Spiele lang nicht zu sehen. Kein Wunder, dass Eto'o und Mboma vorne ein wenig verhungern, was für sie, als Tor-Raubtiere (Gepard und etwas übergewichtiger Löwe respektive) natürlich eher unangenehm ist.

Coach Schäfer war gegen Spiel-Ende zurecht mehr als nervös, weil ein Treffer von Mido das Turnier-Ende für sein Team bedeutet hätte. Und auch die beiden richtigen Einwechslungen seiner Lieblingsspieler Idrissou und Olembe brachte erstaunlich wenig.

Gegner Ägypten spielt dasselbe System wie Marokko, hat aber alles vielzusehr auf seinen Star Mido abgestellt. Und sie waren nicht stark genug, um Kamerun wirklich unter Druck zu setzen.

Im anderen Spiel blamierte sich Ägypten-Killer Algerien bis auf die Knochen und kassierte gegen die von den Ndlovu-Brüdern geführte Mannschaft aus Zimbabwe bis auf die Knochen. Und: hätte Luphala noch einen weiteren seiner Konter versenkt, wäre Algerien mit seiner in Verkennung der Stärke des Gegners auf sechs Positionen veränderten B-Mannschaft die Lachnummer des Turniers geworden.


 
 
Knapp keine Lachnummer
 

An diesem Schicksal schrammte das wieder einmal künstlich gebeutelte Team aus Nigeria (wieder gab es im Vorfeld des Spiels Krisensitzungen, wieder schossen Verband, Regierung, Trainerstab und Spielerclans kreuz und quer...) knapp vorbei: ein mühsames 2:1 gegen den liebenswerten Außenseiter Benin, das ist keine Visitenkarte fürs Viertelfinale.
Für den Benin (früher Dahomey) gab es immerhin auch ein erzieltes Tor, dass Olympiasieger Nigeria noch minutenlang peinlich zittern ließ, und es wurde (die Welt ist manchmal ja auch gerecht) von ihrem besten Spieler erzielt, dem großartigen Moussa Latoundji.

Dieser Sieg beraubte Südafrika letztlich jeder Chance auf einen Aufstieg - sie hätten in ihrem Spiel Marokko schon mit 4 Toren Differenz schlagen müssen.

Und das war für die bislang größte Turnierenttäuschung nie in Reichweite.

Immerhin war die Mannschaft im dritten Spiel so aufgestellt, als hätte sie aus den Fehlern der ersten Matches gelernt: das zentrale Mittelfeld war neu geordnet, Innenverteidiger und Kapitän Mabizela spielte vorgezogen, neben ihm ein neuer Mann und Zuma, der bislang immer sowohl rechts im Mittelfeld als auch vorne im Sturm spielen musste, wurde in eine Dreier-Spitze vorgezogen.


 
 
  Soweit, so gut.
Trotzdem ging alles schief, was dieser sowieso durch Vorfeld-Katastrophen (der Kader wurde noch vom eigentlich schon rausgeschmissenem Trainer zusammengestellt) ihrer realen Chancen beraubten Mannschaft noch schiefgehen konnte.
Die eh schon wackelige Abwehr wackelte durch die Hereinnahme des weißesten Mannes dieses Turniers, dem hopperdatschigen Winstanley noch mehr.
Die Mittelfeld-Nebenmänner des braven Kapitäns, vor allem Delron Buckley vom VfL Bochum, gingen jammervoll unter und im Sturm standen sich der brave Zuma, der beleidigte Mayo und der zunehmend genervte Nomwethe gegenseitig auf den Zehen.
Als in der 60. Minute noch ein Stürmer eingetauscht wurde, brachen alle Dämme: vor der gerade noch um Ordnung bemühten Defensive agierten 5 Spieler ohne jegliche Absprache, balgten sich minutenlang z.B. allesamt nur auf der rechten Spielhälfte um die Bälle.

Südafrika fährt also zurecht heim.

 brave captain
 
 
Ego-Shooter
 

Marokko hat mir, wiewohl sie gegen diese absurd agierende Mannschaft nicht gewinnen konnten (aber ja auch nicht mussten...), sehr gut gefallen.

Da stimmt die Abstimmung zwischen den Mannschaftsteilen, da ist überall Qualität vorhanden.
Der Tormann macht nicht allzuviele Fehler, das alte Schlachtross Naybet (Deportivo La Coruna) organisiert eine Dreier-Abwehr mit zwei jungen Kerlen, die in Frankreich spielen wirklich gut. Der rechte Verteidiger ist verdammt schnell, der linke, Kharja, ist ein echter Super-Talent.
Das defensive Mittelfeld hat die richtigen Tugenden (alles wegbeißen, umschalten, gut passen, aus der Distanz schießen etc...) und für die Offensiv-Position gibt es zwei Kandidaten, einen Kerl aus Osasuna und einen Jungspund, der bei Wacker Burghausen, gleich hinterm Inn, im bayerischen Grenzgebiet, spielt.
Und vorne sind mit Hadji (ja, es ist Youssuf, ein identisch aussehender Cousin des großen Mustafa...) und Zairi zwei dribbelstarke Ego-Shooter drin.



 naybet
 
 
  Das alles hat auch Tunesien. Und vielleicht auch mehr: nämlich eine fabelhafte Viererkette, zwei umwerfende Außenspieler und gleich vier solche Stürmer - wovon allerdings einer (Jedidi) leider verletzt ausfällt.
Und den Heimvorteil. Und Hatem Trabelsi.

Nicht dass ich Kamerun, Senegal, Nigeria oder auch Mali völlig abschreiben will. Die haben allesamt genug Potential. Bei dessen Vollausschöpfung können sie alle das Turnier gewinnen.
Nur: genau davon war bislang eben nichts zu sehen.

On va voir.
Die Viertelfinals sind am Samstag (14 Uhr Mali - Guinea, 17 Uhr Tunesien - Senegal) und am Sonntag (14 Uhr Kamerun - Nigeria, 17 Uhr Marokko - Algerien).

 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick