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Wien | 5.2.2004 | 21:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal de la CAN. African Geopolicy.
  Warum wieder der Norden gegen den Westen spielt und Süden und Osten ordentlich draußen sind.
 
 
 
N
 

Geopolitisch ist das, was bei den Afrika-Fußballmeisterschaften passiert ist, ja wieder eine interessante Sache: der Norden des Kontinents, die Mittelmeer-Nationen, die sowohl wirtschaftlich als auch politisch oder religiös ja völlig losgelöst von klassisch afrikanischen Interessen agieren, und wo man zudem den klassischen Hautfarben-Rassismus ebenso brutal anwendet wie in den alten Kolonial-Staaten, sind stark vertreten unter den letzten 8.

Marokko, Algerien und Tunesien, also der gesamte Maghreb, die Gegenüber von Spanien, Frankreich und Italien sind noch dabei, und das mit teilweise sogar guten Chancen.
Die Altmächte aus dem Nordosten, die in den 60ern sowohl politisch als auch fußballerisch dominant waren, schauen durch die Finger: der Sudan (in jeder Hinsicht völlig am Boden) und das von den Gaddafis ausgeblutete Libyen erst gar nicht qualifiziert und die Führungsmacht der Region, das stolze Ägypten, selbstbewusste Zivilisations-Wiege, unglücklich gescheitert.

 Das Logo zur Ziehung des CAN
 
 
W
 

Den fettesten Anteil hat sich aber abermals der Westen unter den Nagel gerissen: die Küstenstaaten Senegal, Guinea, Nigeria und Kamerun markieren exakt die Bandbreite dieser Region, dazu kommt mit dem angrenzenden Binnenstaat Mali noch ein fünfter hinzu.

Wenn man noch die anderen lokalen Fußball-Mächte wie die Cote d'ivoire, Ghana und die ausgeschiedenen Teilnehmer Burkina Faso sowie Benin dazunimmt, dann sieht man wo die zentrale (Fußball)-Power daheim ist: in der völkerreichen Region des Westens.

Angesichts der andauernden politischen Krisen, verheerender Inflation, Vielvölker-Streitereien, Landflucht, Überstädterung und der elenden Lage des einzelnen durchaus verwunderlich - oder auch wieder nicht: erfokgreiches Fußball-Spielen ist auch im ölreichen, aber in Korruption versinkendem Nigeria eine von maximal zwei Chancen für theboynextdoor um aus der Misere rauszukommen.

 Immer empfohlen: Focus on Africa
 
 
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Der Rest des Kontinents hat fußball-technisch nichts zu bestellen.

Und das überrascht angesichts der wirtschaftlichen Realitäten und hat in erster Linie mit der Krise des Team-Sports im alles dominierenden Südafrika zu tun: beim Rugby war der vormalige Weltmeister heuer peinlich ausgeschieden, beim Brit-Sport Cricket wurden sie blamiert und jetzt ist der CAN-Sieger von 96 bereits in der Vorrunde rausmarschiert - und das nicht wie Ägypten unglücklich, sondern durchaus zurecht.

Die zweite südafrikanische Fußball-Großmacht Zambia konnte sich nicht einmal fürs Turnier qualifizieren - und da darf die Flugzeug-Absturz-Katastrophe, die vor gut zehn Jahren eine ganze Nationalmannschaft tötete, nicht ewig als Ausrede gelten. Von Angola und Mozambik, den ehemals portugiesischen Kolonien, sollte man auch mehr erwarten dürfen.
Wenigstens Südafrikas Nachbar Zimbabwe machte als Erstteilnehmer ganz gute Figur, all das spiegelt aber die ökonomische Vormacht dieser Region keinesfalls wider.

 dieses afrika-special-heft vom ballesterer darf ich natürlich wieder allen ans herz legen.
 
 
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Dass der Osten des Kontinents wieder einmal so gut wie unvertreten ist, kann natürlich durch die katastrophale Lage von zb Äthiophien oder Somalia begründet werden.

Andererseits dominieren zb ebenjene Äthiophier und Kenya andere Sportarten weltweit eklatant (Langstreckenlauf...) - wieso sie im Fußball kein Gewicht haben, wäre einmal einen näheren Blick wert.

Immerhin spielte Kenya recht brav mit, und am jungen Mike Oliech werden wir weltweit, spätenstens wenn er in einer großen europäischen Liga spielt, noch viel Freude haben.


 Der beste special report around ist natürlich im guardian
 
 
Z
 

Der Rest ist die Mitte, das Herz, und dort waren in der Vergangenheit Zaire oder Uganda zumindest zeitweise wichtige Player. Heuer hat der kleine Newcomer Ruanda eine ordentliche Performance abgeliefert, beim Zaire-Rechtsnachfolger, der Demokratischen Republik Congo, ganz früher Kongo-Kinshasa, vormals Belgisch-Kongo, war in jeder Spiel-Sekunde die Krise des Landes messbar.

So soll eine Regierungs-Delegation in der Halbzeit des zweiten Spiels in der Kabine den englishcen Trainer quasi entmachtet und taktische Anweisungen gegeben haben. Kein Wunder, dass das Team punktelos heimfahren musste.

Vom anderen Congo, der Republik Congo, vormals Kongo-Brazzaville, vormals Kongo-Leopoldville, vormals Französisch-Kongo, hat man leider lange nichts mehr gehört.

 Und auf dieser site namens africafoot gibts all diese schönen bilder.
 
 
Organisation
 

Die wirtschaftliche Instabilität der afrikanischen Volkswirtschaften schlägt sich also teilweise im Sport nieder.
Und im fußball-verrückten Afrika, wo niemand etwas hat, aber die Kids in Counterfeit-Shirts von Beckham, Zidane, Raul und Ronaldo herumlaufen, ist dieses Turnier ein guter Gradmesser.

Andererseits ist gerade in diesem hochprofessionellem Bereich, wo die erfolgreiche Disposition von einer Gruppe Menschen über den Erfolg bestimmt, eine klare Organisation schon der halbe Sieg.
Daran ist der ärmliche und zerrüttete Congo ebenso gescheitert wie das reiche und dominante Südafrika. Und nur die Sonderklasse der nigerianischen Stars hat sie (noch) vor diesem Schicksal bewahrt.
Vom Trauerspiel, das der Verband des vierfachen CAN-Siegers Ghana seit Jahren veranstaltet, erst gar nicht zu reden.

 
 
WM 2010
 

Am stablisten sind derzeit die nordafrikanischen Staaten, die sich großteils ja auch für die WM 2010, die - wenn Sepp Blatter diesen Beschluss durchbringt - auf afrikanischem Boden stattfinden wird, bewerben: Marokko, Tunesien, Lybien und Ägypten rittern da mit.

Einziger gefährlicher Gegner: Südafrika.
Der Rest hat kein Geld und keine Infrastruktur, um dieses Turnier auch nur ansatzweise auszurichten.

Und nur die klugen National-Verbände können längerfristig mitmischen: Kamerun oder Senegal haben die Achtunsgerfolge der letzten Jahre recht gut angelegt.
Der Vertrag, den die Fédération Camerounaise de Football mit Puma geschlossen hat - vorbildlich.
Da wird ein Image clever vermarktet, da ist man mindestens zweimal im Jahr (wenn die neue Kollektion kommt) mit irgendeinem Trikot-Schmäh (einmal ärmellos, einmal Einteiler) in den Medien und die FIFA tut ihnen dann auch noch den verkaufsförderden Gefallen des Verbots.

 Hier sind alle FIFA-Infos zur Bewerbung für die Fußball-WM 2010
 
 
alt-koloniales...
 

Der Rest der westafrikanischen Verbände und Teams profitiert von einem Einbahn-Transfer-System mit den europäischen Ligen, wobei vor allem Frankreich und Belgien auf Grund von Kooperations-Verträgen mit frischen jungen afrikanischen Talenten gespeist werden.
Hat also alles noch was Alt-Koloniales, manchmal wird direkt auf alte Seilschaften aus den 50ern und 60igern zurückgegriffen.

Afrikanische Spieler, die es dann in die großen Ligen nach England, Spanien oder Italien schaffen, sind wichtige Impulsgeber für die Nationalverbände.
Auch damit ist der leise Aufstieg von an sich schwächeren nationalen Verbänden wie Guinea oder Mali erklärbar.
Leute wie zb der ehemalige Weltklasse-Stürmer George Weah haben ihre Heimat-Federation (in seinem Fall Liberia) quasi im Alleingang finanziert.

 
 
 

Die aktuelle fußballerische Macht-Verteilung in Afrika, deren Spiegel wir in diesem 24. CAN-Turnier sehen, ist also nicht nur von geopolitischen Zusammenhängen, ökonomischer Potenz oder post-kolonialen Seilschaften dominiert, sondern hängt zu einem überraschend großen Anteil von den tatsächlichen Erfolgen und der spielerischen Potenz der Spieler und Teams ab.

Es handelt sich also um ein System in Bewegung.

Das ist insofern bemerkenswert, als der Rest der fußballerisch relevanten Welt ja keineswegs irgendwelchen saisonalen Veränderungen unterworfen ist: innerhalb Europas (und auch in Südamerika) sind die Reviere klar abgesteckt.
Real Madrid oder die gesamte italienische Liga KÖNNEN zb gar nicht pleite gehen oder ihre Vormacht-Stellung einbüßen.
Sie sind innerhalb einen Systems gegenseitiger Abhängigkeiten von Staaten, Regierungen, Verbänden, Medienanstalten und Industrie geschützt.
Gleiches gilt im Kleinen für alle national wichtigen Player.

Afrika ist anders.

Die Viertelfinals finden, wie bereits hier erwähnt, am Wochenende statt.

 
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