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Wien | 13.2.2004 | 16:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Der Protestsong-Contest: das Finale.
 
 
 
 
  Es ist ja durchaus keine leichte Anforderung einen Themen-Song, einen Protest-Song zu schreiben.
Die Themen, das hat auch Juror Sigi Maron beim gestern Abend im Wiener Rabenhof abgehaltenen Protestsong-Contest-Finale berechtigt moniert, die lägen ja auf der Straße.
Allein: Wie setz ich's um? Und weil es doch um ein paar Hausecken schwerer und vor allem uncooler ist, eine gesellschaftspoltisch relevante Aussage zu einem Zustand, der viele Menschen betrifft zu versuchen, als aus der Untiefen seiner selbst herzblutende Poesie zu ziehen, war das Interesse an diesem wohl besten Songcontest des Jahres erstaunlich.

Das Finale war, ebenso wie die Vorschlussrunde bis auf den letzten Stehplatz besetzt, und wies - trotz höchst unterschiedlicher Zugänge - ein durchaus beachtliches Niveau auf, das ich gerade deswegen loben will, weil der sogenannte Themen-Song - außerhalb der auch in dieser Hinsicht vorbildlichen österreichischen HipHop-Community - einfach nicht vorkommt.

Das ist ein bissl faul und auch feig, hat viele - auch manch gute - Gründe, ist aber doch ein Makel in der heimischen avancierten Szene.
Auch deswegen tat der Rabenhof-Abend gut.

 
 
Stermann (r.) und Grissemann (l.), die beiden in Hochform agierenden Conferenciers, stellen die erste Band des Abends vor, eine von einigen Teilnehmern, die sich dem Thema Protest auf die Michael Moore-Holzhammer-Methode angenähert hatten.
 
 
Die wohl zeitgemäßeste Form eines Stücks mit politischer Botschaft kam von Binder-Krieglstein, der die Präambel-Rede des Bundespräsidenten mit einem Juliane Werding-Sample ("Alles verloren") kombinierte. Das traurigste Stück des Abends, Platz 2.
 
 
Stermann und Grissemann, die seit Dezember im "Salon Helga" zum Protestsongcontest aufgerufen hatten (Wer wenn nicht sie?) und damit ein Deutliches zur hohen Teilnehmerzahl (sowie zum Niveau) beigetragen hatten.
 
 
Stefan Weber weinte fast vor Freude: Conny Chaos & Band rotzten in ihrem "Lisi Gehrer"-Stück eine Minute räudigsten Punk. Verdienter Platz 4.
 
 
Das Gesamtkunstwerk Monochrom hatte mit der ausgefeilten Satire "Ich will Planwirtschaft" die Lacher auf seiner Seite, wiewohl die Performance nicht an den noch drahdiwaberleskeren Unfug im Halbfinale herankam. Platz 3.
 
 
Autlaw, die mit "A Gringo like me" den beachtlichen 5. Platz belegten und natürlich auf das Heftigste den Nachteil zu spüren bekamen, den es nach sich zieht, wenn man seine Inhalte nicht in der allen zugänglichen Muttersprache transportiert, sondern in holperigem Englisch. Dies mag im Pop-Kontext funktionieren, aber schon im textlastigen HipHop macht das - nicht unzufällig - ja auch keiner (unauffäliiger Fingerzeig...)
 
 
Elegante Themenverfehler: Christian und Michael, die eine orgiastische Bühnenperformance ihr eigen nennen konnten. Allerdings reicht die (hihi) Erwähung des Namens Benita einfach nicht aus, um damit ein poltisch' Lied gemacht zu haben
 
 
Wack're Gäste aus Teutschland: Abt. Liedermaching vom Bodensee. Sie rockten die Backstage-Garderobe noch bis spät in die Nacht...
 
 
Ohja, die Sieger: die bislang nur ganz Wenigen bekannten Georg Freizeit & die Rosaroten, die eine Mischung aus Bänkellied und Rock, und eine Stimme zwischen Gröne und Rio anzubieten hatten.
Zudem war dieses Stück wütend ohne populistisch-primitiv auf Vorzeige-Figuren einzudreschen, gescheit ohne sich in Ironie flüchten zu müssen und engagiert ohne platt zu enden.
 
 
Stermann vor der Weltklasse-Vidiwall, die in wahrhaft technologie-funkeliger Superstar-Manier die Balken mit den Jury-Punkten nur so wachsen ließ.
Schlussendlich wurde der Sieger erst im letzten Vergabe-Durchgang gekürt (Danke an die Jury mit Gaby Bone, Heidi List, Kathi Gruber und den großen Protest-Künstlern Stefan Weber und Sigi Maron)
 
 
Das Publikum: zahlreich und zufrieden.

Der Dank dafür (und für anderes mehr) geht ans hervorragende Rabenhof-Team, vor allem an Roman Freigaßner und den PSC-Erfinder Gerald C. Stocker.
 
 
  Der wahre Meister des Abends war natürlich der Chor, den den Abend mit dem Kampflied-Klassiker "Wir sind die Arbeiter von Wien" begann.
Denn: die Wahl des 12. Februars als Termin dieses Protestsong-Contests ist kein Zufall, sondern eine Form der Begehung des 70. Jahrestags des Ausbruchs des österreichischen Bürgerkriegs.

Allen, die jetzt "Hä, Bürgerkrieg?" murmeln und sich unwissend am Kopf kratzen (also etwa 63% von euch), befehle ich jetzt kurzen Geschichts-Nachhilfe-Unterricht, kursorisch hier und vertiefend hier und hier.

 
 
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