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Wien | 17.2.2004 | 16:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
On a clear day you can see forever.
 
 
 
 
Randy Newman made my day.
 

Manchmal ist es bei sehr sehr sehr guten und eindrucksvollen Konzerten (wie dem, das Randy Newman Montag Abend in Wien gespielt hat) so wie an sehr klaren, hellen und sonnigen Tagen, vor allem wenn sie wie heute, Dienstag, noch in den tiefen Winter gefallen sind: "On a clear day you can see forever", heißt es.

Diese Momente der Klarsichtigkeit, die einem dann Aufschluss geben über Vergangenes und Künftiges, kommen gerade bei speziellen Live-Konzerten gern über mich, und ich lass sie dann perlen wie eine wohltemperierte Dusche.

Randy Newman hat gleich Mehreres auf- und eingelöst.
Seine Worte waren ein Schlusswort auf die seit Jahresbeginn schwelende Debatte, wieviel Ironie der Mensch, die Kunst oder der Protestsong verträgt.

 
 
  Und Newman, dieser fleischgewordene Großvati Petz, der aussieht, als könnte er keiner Fliege was zuleide tun und seine Sätze dann wie Seziermesser ansetzt und ganz flink die Geschwüre freilegt, hat da im Vorfeld in irgendeinem Interview was ganz Zentrales gesagt.
Dass nämlich Ironie als Lebenshaltung unabdingbar wie Atemluft ist, in der Kommunikation (also auch in Songs) jedoch reiner Luxus. Niemand will die wichtigen und simplen Botschaften "ironisch" verbrämt haben - das ist Zivilisations-Luxus. Es ist auch kein Wunder, dass die wirklich wichtigen Dinge (Fressen, Saufen, Ficken, Schlafen) völlig ironiefrei ablaufen.

Und da Newman den Widerstand gegen den Zustand der Welt auch als wirklich wichtiges Ding ansieht, weiß er um die minimale Kraft der Ironie.
Sein Pech ist halt, dass er ausgerechnet darin ein Weltmeister ist. Deshalb tut er, was er am besten kann - im Wissen um die relative Nutzlosigkeit.
Seine hyper-sarkastische Ansage vor einem "anti-racism"-Song, als er meinte, die fünf, sechs diesbezüglichen Stücke, die er geschrieben habe, wären offensichtlich der Auslöser für das Verschwinden jeglichen Rassimus in den USA gewesen, ließ die sinnenfrohe Verzweiflung über diesen Zustand vibrieren wie einen Cola-Automaten.

 
 
  Newman, der Großmeister der Ironie, sprach sich gleich mehrmals gegen die einseitige Verwendung selbiger aus.

Und in Zeiten, wo die Rückzugsgefechte einer in reinen Luxus-Denkwelten verfangenen Intellegenzia sich teilweise ausschließlich auf diesem Boden bewegen, ist das wichtig.
Die Ironie der politisch bewussten Toskana-Fraktion taugt ebensowenig wie die Dummigkeit der politisch bewusstlosen Spaßianer aller Coleurs.

Ich hab vor ein paar Monaten bei einem Diskussionsabend, der gutmeinend von einer in völliger pseudomarxistischer Verblödung gehirnerweichten regionalen Fraktion abgehalten wurde, folgendes Beispiel gebracht:
Es nützt nichts, wenn sich die, deren Herangehensweise eine humanistisch-libertinäre ist, im Sektor B, dem der Künstler, Kreativen und Freaks, herumtreibt und dort - so erfolg- und sinnreich wie nur möglich seine Faxen macht, diese unters Volk streut und Nachahmer und Versteher findet, solange Sektor A, der die gesamte ökonomische Definitionsmacht hat, immer und ausschließlich von den elitär gezirkelten Berechnern und Verwaltern der Macht nachbesetzt wird.
Das ist durchaus auch eine Selbstkritik.

 
 
  Daran hat uns Randy Newman an diesem Montag abend im sich wie immer in seinem tristesten und grauenerregendsten Gewande präsentierendem Gasometer, mit einigen gezielten Hieben errinnert.

Zudem hat er auf seltsame Weise ein Büchlein geechot, das ich in meiner Jackentasche trage und auf den Wegen in den Öffis so vor mich hin lese.

- Einschub -
Ich selber besorge mir dafür ja nur Zeitschriften und Zeitungen, aber keine Bücher. Bücher nehme ich nur mit auf diese Reisen, wenn man sie mir schenkt und in die Tasche steckt; am besten mit einer Widmung oder einem augenaufschlagendem "lies das!". Insofern Dank an Verena für Sloterdijks Frankfurter Vorlesungen.
Ansonsten müsste ich jetzt ein aktuelles Printmedien-Beispiel bringen, was mir anhand des von Morawa verschuldeten Verschwindens des Tagesanzeiger vom österreichischen Markt oder den Todesengeln die über der Frankfurter Rundschau oder dem Independent schweben, durchaus schwer fallen mag.
- Einschub Ende -

Das Zitat jedenfalls lautet: "Wer verrückt genug war, zur Welt zu kommen, sollte irgendwann begreifen, dass er reif ist für die Entbindung durch Poesie".

Randy Newman war eine Klasse-Hebamme.
Bei manchen Songs verzichtete er auf einzelne Strophen, ließ sie nach A-B-B einfach enden - weil weniger mehr ist. Es geht nicht um die Anzahl der Worte, sondern ihre Reihung und ihre Treffsicherheit.

 
 
  Zudem echote Newman an diesem Abend einige Male Cioran.
Den wiederum Sloterdijk in dem Kapitelchen, das ich auf dem Weg zum Gasometer gelesen hatte, nachhaltend zitierte. Und da vom Wesen der Sprache schreibt, oder besser ihrem Versprechen: Nämlich, den Nachteil geboren zu sein, in den Vorteil zu verwandeln, durch freie Sprache zur Welt zu kommen.

Ich will jetzt nicht auf das Destruktive und sich Entziehende bei Cioran hinaus, das ich für winseliges, fast schon ehrenösterreicherisches Gesabbel halte.

Newman, der in einem seiner schönsten (und traurigsten) Stücke, nämlich "Baltimore", die simple Zeile "Man it's hard just to live" zum Hook erklärt, hat aus diesem Wissen eine andere Lehre gezogen, eine unverzagte und dadurch auch kommunizierendere.

Wahrscheinlich meint Randy Newman nur einen überraschend geringen Teil der Texte, die er schreibt oder spricht "ironisch". Wenn man ihn als Autor wegblendet und die armen Teufel, denen er erbärmliche Lebensentwürfe wie in "Short People", "Leave Your Hat on" oder "Rednecks" in den Mund legt, in Betracht zieht, vielleicht sogar gar keine.

 
 
  Insofern hat Randy Newman mir da ein Fest bereitet. Und einen weiten Ausblick, wie es an einem klaren Tag halt so ist.

Da der Computer, an dem Herr Rotifer, der zwei Konzertsitze weiter zugange war, und seine Sicht der Dinge ebenfalls klarlegen wollte, nicht so ganz will (vielleicht wird das noch...) hier noch die Empfehlung für Anfänger: das Randy Newman Songbook Vol 1., eine Art Greatest Hits-CD. Für alle geeignet, die auch was mit Tori Amos, Tom Waits oder Nick Cave (meinen musikalischen Assoziationen bei diesem Konzert) anfangen können.

Da der Blick auf ein paar Alben, hier eine Lyrics-Sammlung.

 
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