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Wien | 2.3.2005 | 14:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '05: 2. 3., Mittwoch.
  Das erste Programm von Grissemann und Stermann.
 
 
 
  Als Stermann und Grissemann damals als Wunderkinder im Fürstentum "ZickZack" Anno 1891 oder 92 erstmals ein paar Minütchen der damals noch viel kostbareren Sendezeit mit dem Erzählen von Witzchen füllen durften (über die sie dann mit ihren viel zu hohen Stimmchen auch noch selber lachten), gab es nicht allzuviele, die diesen Schabernack goutierten.

Ich, damals ein Heerführer des benachbarten Hunnen-Reichs der "Musicbox", war einer derjenigen, die einen absurden Gefallen an den trübe am Rand der Lustigkeit und immer in den düsteren Topf der Bitterkeit lappenden Scherzen der beiden gefunden hatten.

Wie überhaupt das standing der beiden Nachwuchs-Clowns eher vom Zuspruch von außen gefüttert wurde, denn von der eigenen oder der internen Akzeptanz.

S&G-Merksatz 1: Du musst dein eigener und schärfster Kritiker sein.

 
 
  Als die ZickZack-Grafschaft durch einen Putsch besetzt und ich als neuer Vizekönig eingesetzt wurde, pfuschten die dann schon heftig dem Bartwuchs zusprechenden Gesellen noch vierzehntägig vor sich hin und waren dementsprechend zaghaft in ihren Bemühungen.

Ich entsinne mich an einen heftigen Protest einer ansonsten gutmeinenden Prinzessin aus der Nachbarschaft, als Stere und Grisse, die sich damals noch verstohlen Hans-Herbert und Hans-Christoph nannten, einen Witz über einen Eineiigen machten.
Und den Aufruhr, den eine Sendung zur Folge hatte, in der sie sich über den aus der Mode gekommenen Maler Maitre Leherb lustig gemacht hatten.
Gerade diese Empörungen waren der richtige Zeitpunkt für ein wöchentliches Erscheinen und ein massives Sich-hinter-diese-Narren-stellen.

Aber das alles hatte noch eine zweite Konsequenz.
Ab diesem Zeitpunkt waren die bevorzugten Zielscheiben der beiden Hänschens nicht die ohnehin schon am Boden liegenden Schwachen, sondern andere: sie selber.

S&G-Merksatz 2: In deinen Untiefen lauert die gesamte Bandbreite der menschlichen Psyche.

 
 
  Innert kürzester Zeit erregte die Vorgangsweise der beiden Spaßmacher so viel Aufsehen, dass sich eine massive Fan-Base entwickeln konnte - soweit das im Rahmen der schmalen Zuhörerschaft möglich war.

Und es tauchten Gaukler und Seher auf, die versuchten mittels Auftritten oder CDs Kapital aus der Vertrauens-Seligkeit der beiden diesbezüglich völlig Unbedarften zu schlagen.

Mit dem Ende des Mittelalters und der sich sofort einstellenden Basis-Demokratisierung durch die Einführung von FM4 vor 10 Jahren kam es, dass Stermann und Grissemann ihrerseits selber so etwas wie Unantastbare wurden.

Die Bewunderung von außen wuchs in einem fast schon bedrohlichen Ausmaß; die Bewunderung von innen erarbeiteten sich die beiden mittlerweile zu Satirikern und Literaten Gereiften durch ihre ununterbrochene und niemals endende Beschäftigung mit den essentiellen Themen: Angst und Tod, Liebe und Verrat, Lust und Gier, Versagen und Sehnsucht.

Der durch ihr Leben und ihr Schaffen geschärfte Blick auf die Wirklichkeit und die zwar vordergründig witzige, in Wahrheit jedoch tieftraurige und hochpessimistische Umsetzung mittels verbal-akrobatischer Trauer-Arbeit, was die Sinnlosigkeit des Seins betrifft, ermöglicht es den von Hänsen zu erwachsenen Menschen, die sich per Nachnamen ansprechen, Gereiften, eine dauerhafte anerkannte Abbildung des Lebens durchzuführen.

S&G-Merksatz 3: Die Angst ist die stärkste Triebfeder.

 
 
  Während sich S&G im Rahmen ihrer Radioarbeit bei FM4 immer innerhalb einer geschützten Zone wähnen (und das auch kein Wahn, sondern die Wahrheit ist, was sich z.B. auch in der Haider-Klage-Krise von 2000 manifestierte), litt ihre Arbeit für andere Medien (so großartig das teilweise war und ist) immer ein wenig an der Beziehungslosigkeit mit dem Umfeld.

Ähnliches gilt für das wichtigste Zubrot des Kleinkünstlers, die Tournee. Obzwar sich S&G da in den letzten Jahren in die Obhut der sich (ähnlich wie FM4) in manischem Familiensinn verlierenden Firma Hoanzl begab, war auch die Tour an sich immer ein Hort steter Pein.
Was mit der Redundanz des Aufgeführten ebenso zu tun hat wie mit den Umständen einer andauernden Reise (Transport, Hotel, Auftritt, Hotel, Einsamkeit, Trunksucht, Exzesse etc.) und nur im geringen Maß an Dingen wie der TempoSucht von Tour-Begleiter Max.

Während S&G also dem Salon Helga einmal pro Woche mit einer gewissen Lust entgegensehen, haben sie vor einem neuen Live-Programm und der nachfolgenden Tour Angst.
Andererseits gilt Merksatz 3.

Das führte dazu, dass die bisherigen Live-Programme sich eher aus dem halt zuletzt Geschriebenen speisten und durch die Improvisation am Leben gehalten wurden.

S&G-Merksatz 4: Letztlich führt ja alles zu nichts.

 
 
  Mit "Harte Hasen", dem gestern uraufgeführten Programm, sind S&G über diverse Schatten und auch Ängste gesprungen und haben sich erstmals so etwas wie einem roten Faden, einer Struktur oder einem Gesamt-Konzept unterworfen.

Bislang wäre das nur durch Aufzwingen möglich gewesen, das allerdings eine automatische Abstoßung zur Folge gehabt hätte. Und so mussten wir warten, bis es S&G selber an der Zeit sahen, diesen Maximen zu gehorchen.

Es hat sich ausgezahlt.
Die Telefon-Zuspielungen kommen nicht mehr zufällig daher, das klassische Tagebuch ist klug eingebunden, die Streitereien sind logisch inszeniert, alte und neue Texte erfahren eine sinnige Verknüpfung.
Grissemanns Hang zur Schmiere ("Ich bin so allein...") war nie effektiver und Stermann überrascht mit einer in Wortlaut und Körpersprache wunderbaren Michael Moore-Parodie.

Unter Außerachtlassung der Tatsache, dass das Programm nach dem Start wie immer weiter wächst und die Performance immer eingespielter wird, ist "Harte Hasen" jetzt schon das dichteste und beste Programm der S&G-Geschichte. Und Herr Ostermayer war gerührt.

Gast-Merksatz von mb: Wer sich Regeln unterwirft, kann trotzdem Anarchie walten lassen. Es müssen halt die eigenen sein.

 
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