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Wien | 15.3.2005 | 14:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '05: 15.3. Dienstag.
  Der Burggarten, die Freaks und die Presse.
 
 
 
  Ich pflege immer, wenn die ersten warmen Tage uns signalisieren, dass wir unsere Heiz- und Anzieh-Gewohnheiten ab sofort abrupt ändern müssen, ein kleines Ritual.

Ich durchquere den Burggarten.
Das hat viel mit mir, meiner Kindheit, meiner Jugend und meinem Erwachsenen-Leben zu tun.

Dass ich's gleich heute, am allerersten Frühlingstag geschafft hab, hat damit zu tun, dass ich mir die halbe Nacht über einen Text fürs Booklet der 10 Jahre-FM4-DVD (die im April erscheinen wird) aus den Rippen geleiert und mir demzufolge den Tag freigenommen habe.

Gute Wahl.

Der Burggarten ist zu jeder Jahreszeit begehbar, klar.
Aber sinnvoll ist seine Durchquerung, Umrundung oder gar der Halt in ihm drin erst nach Ende des Winters.

 der eingang, von herrn mozart bewacht...
 
 
  Mein Schulfreund M. hat einmal, als wir just auch um diese Jahreszeit durch den Park gestrollt sind, etwas gesagt, was mir im Kopf geblieben ist.
Er hat auf die spärlichen Figuren, die sich auf den Park-Bänken (im Burggarten waren das früher aneinandergekettete Einzelsessel, sehr klassische Dinger) und an den Rändern des damals noch unbewirteten Palmenhauses herumgedrückt haben, gedeutet und ein fröhliches "Schau, die Freaks, wie sie alle aus ihren Winterlöcher kommen!" abgelassen.

M. war selber auch so ein Freak, aber wir waren eben noch Schulbuben, zu klein und zu wenig arg um wirklich zu diesen Hippie-Kiffern dort zu gehören und ein wenig ironisch distanziert waren sowohl M. als auch ich damals schon.

M. ist im übrigen der einzige meiner Schulfreunde, die ich immer noch regelmäßig sehe, was aber eher mit seiner Profession zu tun hat. Er spielt ein klassisches Saiten-Instrument, und zwar so gut, dass er in diversen Ensembles neuer und alter Musik, bis hin zu Experimentellem und Jazz engagiert ist, und zwischen seinen Touren durch Japan und Russland auch immer wieder im Funkhaus gastiert, um da Musik einzuspielen.
Ich schweife ab.

 ... die slalom-piste ...
 
 
  Der Burggarten war aber schon vor meinen pubertären Entdeckungs-Touren ein wichtiger Anlaufpunkt.
Als Kind an der Hand von Papa oder Mama, mit Kurz-Auslauf zum Ententeich, hat mich der kleine edle Park immer mehr angezogen und fasziniert als zb das große, prunkvolle und in seiner Vielfätigkeit viel anziehendere Schönbrunn, in dem wir auch oft waren.
Ich denke, der Burggarten ist neben dem Belvedere mein All-time-Lieblingsplatz, wenn es um den kurzen Eintritt in eine Oase der Ruhe geht.

Ich will heute und wollte scheinbar auch damals immer die Option besitzen, da auch schnell wieder raus zu kommen.
Und da ist der Burggarten perfekt: er ist schließlich das Tor in die Stadt.

Es war also wundervoll im rechten hinteren Eck rumzuspielen, wo es diesen kleinen Aufgang mit den großen Steinen gab, eine kleine Bank, deren Erreichen wie ein Gipfelsturm war, das große Steingeländer, von dem aus man das alles übersehen konnte.

Aber es war ebenso schön, wieder einen der Ausgänge zu nehmen, und sich etwas anderem zuwenden zu können.

Wenn man so wie ich im 6. Bezirk aufgewachsen ist, dann ist der logische Weg in die City nicht unbedingt einer mit öffentlichen Verkehrsmitteln, sondern der zu Fuß: Mariahilferstraße runter, die letzte Kurve vorm Messepalast mit hohem Tempo nehmen, durch den Burggarten durch und schon pickts du mittendrin, spuckt dich der kleine Park zwischen Albertina und Oper aus.

 ... vorbei am alten kaiser ...
 
 
  Früher, in meiner Spät-Schüler und Studentenzeit, als alles, was von zentraler Wichtigkeit war (Plattenshops, Buchläden, Kinos, Trinklokale, Cafes...) im ersten Bezirk stattfand, war dieser Weg immer ein lustvoller.

Ich hab mir den Burggarten also nicht nur als Kind, sondern auch dann erobert.
Und dabei eine der zentralen Lektionen jugendlicher Subversion gelernt.

Ich bin mitten hineingeraten in etwas, was man die Burggarten-Bewegung nannte, eine heute absurd anmutende kommunale Posse, deren Kampf aber nachhaltige Wirkung zeitigte.

Die Burggarten-Partie entstand aus den Freaks, die M. und ich da als Kids so halb bewunderten und mit denen M. und auch mein anderer Schulfreund B. dann später assoziiert waren.

So ab 78/79 gab es eine andauernde, völlig hirnrissige Kraftprobe zwischen der damals aufkeimenden sichtbaren Jugendbewegung (zuvor waren die, die als Freaks in Frage kamen, ja nicht aufgefallen, weil zahlenmäßig zu klein, oder zumindest nicht öffentlich aktiv, sondern eher sartre-mäßig in verrauchten Cafes zugange) und der dem Burggarten sehr benachbarten Exekutive.

Es ging um etwas heute selbstverständliches. Dass man nämlich in der Wiese sitzen durfte.

 ... und den enten ....
 
 
  Die wilden Burggarten-Kids wollten das und taten das, die Behörden, allen voran die damals stocksteife, auf ihr touristisches Kulturerbe bedachte Gemeinde Wien wollte das auf keinen Fall.

Es kam zu regelrechten Kriegen, Belauerungen, Strafaktionen und Festnahmen, die in mehreren Demos, Bestzungen und Aktionen die Burggarten-Bewegung mündeten, die zb auch die Ringstraße lahmlegten.

Nicht nur die Gemeinde, sondern auch die Medien spielten diese Kleinigkeit als eine Art österreichische RAF hoch, und kriminalisierten harmlose und berechtigte Anliegen (die heute völlig selbstverständlich sind) auf eine unerhörte und geradezu verbrecherische Weise.

Im Sommer 80 war ich (damals 19) Volontär bei der "Presse", gemeinsam mit ein zwei anderen, die der Presse-Chefredakteur aus seinem Kurs am Publizistik-Institut gefischt hate, weil er sie für talentiert hielt.

Zum Beispiel auch H., ein bedachter Querdenker, einer der Freaks, zu dem ich einen guten Draht hatte, weil er sich vermitteln konnte und glaubwürdig war, auch in seinen politischen Aktionen; also kein Bürger-Söhnchen, der kurz Revolte spielt, ehe es dann in eine vorgeplante Karriere absackt, sondern einer, ders wirklich so meint.

 ... hi freaks ...
 
 
  H. war bei den Burggarten-Leuten dabei, kein Heißsporn, kein Steinewerfer, sondern ein kluger Kopf mit witzigen Sponti-Ideen.

Irgendwann entdeckte ihn einer der Redakteure der Presse auf einem der Fotos, die von den Burggarten-Protestierern gemacht wurden.
Er war da einfach nur dabei, sonst nichts.
Am gleichen Tag wurde ihm mitgeteilt, dass er nicht mehr zu kommen brauche, sein Volontariat wäre hiermit beendet.

Ich hab damals tagelang mit allen Menschen, die mir zugehört haben, über dieses Thema herumgestritten, soweit man das als wunziger Volontär eben kann - und es ging, ich erinnere mich, dass der damalige Ressortleiter in seinem Versuch mir die Position der Zeitung - von wegen objektive Berichterstattung und aktive Beteiligung und deren Unvereinbarkeit - näherzubringen, auch immer wieder durchklingen ließ, dass er es in diesem Fall für überzogen hielt, aber nichts machen könne usw.

Letztlich hat mich mein Engagement im Fall H. dann die Möglichkeit gekostet, über den Sommer hinaus weiter für die Presse zu arbeiten.
Man würde mich zwar wegen meiner Qualitäten schätzen und wollen, ich wäre aber diesbezüglich, wegen meiner nicht opportunen Einstellung, zu sehr aufgefallen.

 ... zum letzten anstieg ...
 
 
  Ich hab dieses Kapitel nie bereut. Es war lässig in eine echte Zeitung und deren Enstehen reinzuschnuppern, aber ich bin so zum einen der Gefahr entgangen, in einem klassischen Medium eine klassiche Karriere zu machen und betriebsblind zu versauern.
Und ich habe aus dieser (und den vielen anderen subversiven Aktionen dieser Tage, von der Phorushalle bis zur Gassergasse) gelernt, dass es besser ist, sich deutlich zu positionieren, auch auf die Gefahr hin dabei rauszufliegen oder Schaden zu nehmen, weil ich für mich nur so existieren kann. Alles andere, alles Verlogene, würde verhindern, dass ich morgens in den Spiegel schauen kann. Und das kann ich, jeden Tag.

Und ich habe gelernt, wie die zweite Wahrheit hinter der Fassade funktioniert, wie die Mechanismen in Medien oder anderen größeren Einheiten laufen, wie und mit welchen Vorwänden Machtkämpfe laufen.

Denn die gleiche Scheiße war auch in sogenannten basisdemokratisch organisierten Medien, oder Basis-Gruppen auf der Uni oder sonstwelchen selbstdefiniert fortschrittlichen Bereichen an der Tagesordnung: auch die scheinbar debattenfreudigste K-Gruppe mobbt Unliebsame so schnell weg wie die Presse einen Burggarten-Freak.
Ideologie schützt nicht vor menschlicher Dummheit und Eitelkeit.

H. hab ich vor ein paar Jahren wiedergetroffen. Ich hab vergessen was er macht, es hat weder was mit Medien noch mit alternativer Subkultur zu tun, aber es war was sinnvolles und passendes.

 ... durch den alpengarten ...
 
 
  All das schwingt mit, wenn ich den Frühlings-Gang durch den Burggarten unternehme: mein Kinderspiel-Eck, die Schüler-Freak-Abteilung, die Burggarten-Rasenbesetzer und der Blick auf die, die dann später, als auch die verstockte Gemeinde einsehen konnte, daß Rasenfreiheit auch den Touristen gefällt, selbige nützen.
Derzeit ja noch nicht: der Boden ist noch matschig.
Und der kleine Ententeich ist auch noch im Trockendock.

Ja, die Palmenhaus-Nobel-Gastro hat zuviel pseudo-italophilen Charme in den Garten gebracht; und natürlich: die Besetzung der Passage am Ring durch die Schnösel-Afterworker ist ein Jammer, aber im Vergleich zum Strich, der da jahrelang drin abging, doch auch wieder eine Verbesserung.

Die City, die ist dank der Erstarkung von Mariahilf und Neubau auch nicht mehr die einzige Möglichkeit um ans Gelbe vom Ei zu kommen.
Aber die Pforte in die Stadt bleibt mein Burggarten-Weg auch weiter. Noch alle Frühjahre lang.

 ... bis zum tor zur stadt.
 
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