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Wien | 19.5.2005 | 14:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '05: 19.5. Donnerstag.
  Die Werk-Treuen und das Niemals-Ende ihrer Popkultur.
 
 
 
  Während der letzten drei Wochen hab ich - wegen Eishockey-WM, FM4-Tour, diversen Fußballereien etc. - nicht nur einige Sozialkontakte vernachlässigt, sondern hier auch nur das sonst Allernotwendigste ausverhandeln können; anderes, was mir als 'wichtig' und 'muss-ich-was-dazu-machen!' auffgefallen ist, musste liegenbleiben.

Zum Beispiel ein Essay in der FAZ vom 6. Mai, das ich an diesem Freitag wohl auf einer U-Bahn-Fahrt gelesen haben muss und das mir seither im Kopf herumspukt.

Das Ding hieß Das Ende vom Lied, Untertitel: "Unüberhörbare Prostitution: die Zukunft der Popmusikindustrie", und behandelt auf durchaus weniger wehleidige Art, als es der Titel vermuten lässt, nicht so sehr das derzeitige Kardinal-Problem dieser Branche, sondern versucht, einen Schritt weitergehend, eine mögliche Zukunft darzustellen.

Das alles ist schon interessant genug, wenn auch ein wenig vergröbert dargestellt. Das was mich daran aber - weit über dieses Essay von einem Herrn Edo Reents hinausgehend - festgehalten hat, ist eine sehr schön auf den Punkt gebrachte Neu-Definition einer künftigen Konsumenten-Politik.

Kurz zu Reents Thesen, ehe ich euch mit meinen belästige: Zuerst analysiert er ein wenig den aktuellen Zustand der Musikindustrie, meint, dass ein paar Anleihen bei der Porno-Branche (Häppchen als Teaser, ehe man das echte Zeug dann für Cash runterladen kann) gar nicht so schlecht wären, (übersieht dabei, dass im Gegensatz zu Porno der Amateur-Schwarzmarkt bei Musik ein ungleich höherer ist, aber egal...) und bietet unter Rücksicht auf Klingelton-Überschwemmungen u.ä. einen ersten schönen Satz auf:
"Musik wird allgegenwärtig und damit irrelevant".

 
 
  Darauf folgt die These, dass das Handy künftig das Musikabspielgerät vollinhaltlich ersetzen wird (gewagt, aber möglich) und das gestylte Produkt als vorgestanzter Content überall nicht nur mit dem immergleichen Hook, sondern auch dem immergleichen Interview-Stehsatz oder dem immergleichen Bild präsent sein wird (nicht gewagt, ist ja schon so). Erinnert alles an die Werbungen in Blade Runner, klingt (visionstechnisch) allesamt vertraut.

Der interessantere Teil von Reents-These ist ein anderer:
"Die Mehrheit", schreibt er, "weiß mit dem Werkcharakter einer Platte nichts mehr anzufangen, wie sie es auch nicht mehr gewohnt ist, von einem festen Ort aus zu telefonieren."
Touche.

Das - ritualisiuerte - Abspielen von lebenswichtiger Musik ist an einen Ort, oder zumindest ein geliebtes Casetten- oder sonstiges Trum gebunden. Das jedoch ist mittlerweile zu einer absoluten Minderheiten-Kultur geworden.

Bei Reents stellt sich diese These (die er in dem schönen Bild, dass heutigem Nachwuchs Beatles-Alben so vorkommen wie Älteren Goethe-Erstausgaben, zusammenfasst) entlang der Alters-Achse auf.

Er rechnet vor, dass sich diejenigen, die Popmusik als Kulturäußerung begreifen, also diejenigen, die Musik herkömmlich kaufen, also die Konsum-Stützen der herkömmlichen Musikindustrie im weiteren Sinn (Indies inklusive) einer bestimmten Altersgruppe angehören, gemeinsam älter werden und ein in sich geschlossener Markt bleiben werden, der den Jüngeren versagt bleibt.

 donnerstag
 
 
  Hier irrt sich Reents, denke ich.

Er hat insofern recht, als sich einzelne Shops ja tatsächlich an ihrem Publikum orientierten und mitaltern.
Nur: das war - seit den Sixties in größerem Umfang - immer schon so. Und auch schon früher, wie uns Terry Zwigoff in Ghostworld lehrt.

Trotzdem ist daraus kein altersmäßiger Trend-Querschnitt abzulesen. Genauso wie immer gibt es auch heute die Teenager, die den vorhin zitierten Werk-Charakter wie eine Ikone vor sich hertragen und bis aufs Blut verteidigen werden. Es gibt sie im gleichen Umfang, und da es mehr junge Menschen als früher gibt, und die mittels ihrer Medien auch besser mit der Welt verknüpft sind, sind es auch absolut mehr. Natürlich sind sie weiterhin eine 5%-Minorität, die gegen den Klingelton- und Styropor-Stanz-Star-Konsumismus keine Chance hat.
Aber dies ist/war ja niemals Ziel und Sinn der Aktion "Pop & Rebellion".

Umgekehrt ist es - wieder entgegen der Reents-These - so, dass die älteren unter den Werks-Freunden, also die Träger, Macher und Manager der Jugendkultur, diejenigen sind, die - auf Grund ihrer panischen Angst den modernistischen Anschluss zu verpassen - sich jeglicher technischen Neuerung ultra-aufgeschlossen zeigen (wie ein alternder Galan, der immer neue lässige Frisuren trägt, die seinem furchigem Antlitz grotesk widersprechen) und damit zu dieser Verlagerung eher beitragen als die Jungen.

Die wirklich interessierten 5% der Jungen hören weiterhin ihre "Werke" an relativ festen Orten.

 mittwoch
 
 
  Die aus der Jugendkultur rausgealterten Deppen, die sich einzig eine kleine Tür einer speziellen Subkultur-Vorliebe offenhalten und alles andere für neumodischen Schas erklären, tun das auch - die werden von den Mitwachser-Shops bedient.

Die Jugendkultur-Profis hingegen haben den fixen Ort verlassen, laden - genauso wie die am Werkcharakter desinteressierten Massen-Konsumenten - ihre Lieder runter wie man früher 3 Meter Buch fürs Regal bei Donauland bestellt hat, sind viel eher die Umfaller als die bei Reents ein wenig pauschal abgehandelten Jungen.

Reents schreibt: "Die pophistorisch wichtige Dialektik aus Volkstümlichkeit und Geschmacksdistinktion wird ausgehebelt; der einst ganz genau definierte Ort, an dem Musik gehört und gedeutet wurde - am Plattenspieler und beim Konzert - ließe jenes Elitebewusstsein zu, das Abgrenzung ermöglichte und jetzt getilgt wird, weil Musikhören etwas in jeder Hinsicht Unbesonderes geworden ist."

Reents Irrtum besteht darin, dass er nicht erkennen kann/will, dass die Träger dieser Distinktionskulturen (und es sind immer die Entdecker, die Nachdrängenden, die Jungen, die Alles-Hinterfrager) genauso wie seit jeher, nach der Möglichkeit sich zu unterscheiden lechzen wie nach dem Erlöser, und nicht ausgestorben sind, nicht aussterben werden und nicht aussterben können.

Wahrscheinlich kennt er sie nicht - was daran liegt, dass (wie ich immer wieder am lebenden Beispiel feststelle) die allermeisten (deutschen) Macher/Manager aktueller Popkultur nur sich und ihresgleichen resp. die dumpfe Masse, aber eben nicht die Entscheider (die 5%er) kennen.

 dienstag
 
 
  Reents zweiter Irrtum besteht darin, dass die cleveren unter den Musikanten das alles auch längst erkannt und ihr Hauptaugenmerk auf diese Orte (das Konzert, und auch die intime Aufführung eines Werks, dessen Tonträger so gestaltet ist, dass dies möglich wird) gelegt haben.
Diese Akteure, diese Erschaffer von Werken werden überleben.

Reents dritter Irrtum liegt im Glauben an den Mitwachser-Markt, der jedoch der ständigen Gefahr des Weg- und Einbruchs unterliegt und für keinerlei Industrie eine feste Basis bilden kann. Gerade diese Publikums-Schicht jedoch ist nicht mehr als eine (ebenso peinliche) alternative Variante der Sting-Mittelschicht und trotz aller zur Schau gestellten Aufgeschlossenheit neuer Technik gegenüber - inhaltlich vollkommen unbeweglich.

Reents vierter (und größter) Irrtum besteht darin, dass die allgegenwärtige Verfügbarkeit von Musik den Werk-Charakter zerstören und für die Nachrückenden uninteressant machen kann. Gerade die Klingelton-Entsetzlichkeiten der Gegenwart und der noch zu erwartende Angriff des Superblöden in den Zukunft werden die 5% automatisch zu Rebellen und Werks-Kundigen machen, gleich dem Feuerwehrmann Montag in Bradburys Fahrenheit 451.

Reents Irrtümer basieren auf seinem Nichtwissen um diese 5% und deren immense Bedeutung für die Popkultur (für jemanden, der über Pop publiziert, eigentlich Irrsinn, aber schlechte bundesdeutsche Tradition).

 montag
 
 
  Jegliche dort getätigte Äußerung, die sich nicht als bloßer stinkender Krypto-Kommerz-Rülpser erwiesen hat, kam und kommt von denen, die ich nach Reents "Werk-Treue" nennen möchte. Und die sind es auch, die dann dummen Trash wieder zurückführen können, wie es z.B. Deichkind am Wochenende mit "Pump Up the Jam" gemacht haben.

Popmusik existiert genauso wie alles andere von Menschen Geschaffene auf diesem Planeten ausschließlich in der Rezeption derer, die sie aufgreifen und leben.
Schon allein deshalb ist der Popkultur-Pessimismus, so gern und lustvoll ich ihn in machen Details auch unterstütze, eine Fiktion, ein ausgemachter Blödsinn und letztlich ein ganz stupender Denkfehler.

 freitag
 
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