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Wien | 23.8.2005 | 14:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '05: 23. 8. Dienstag.
  Die Wahlen und die Jugend und das Web.
 
 
 
  In der letzten Wochenend-Beilage der FTD gabs einen Zwei-Seiter, der mich zum Schmunzeln (das ist ein Art artifizielles Lächeln, das es nicht in echt, sondern nur für den schriftlichen Gebrauch gibt, wenn es drum geht, etwas als besonders bachen oder spießig zu diskreditieren) gebracht hat: in diesem Schwerpunkt suchten ein paar Webseiten-Macher und -Werber mit allen Tricks, die sie drauf hatten, zu erklären, dass der Wahlkampf der Zukunft ausschließlich übers Netz entschieden würde, und dass die Parteien bei der September-Wahl diesbezüglich viel zu wenig machen würden.

Das ganze hatte in etwa die Glaubwürdigkeit eines Eskimo-Vertreters, der alle lässigen Aspekte von Eis hervorhebt, oder die eines Musikers, der meint, dass die aktuelle Platte in echt seine beste ever wäre. Also keine ernstzunehmende.
Jeder Krämer lobt seine Ware.

Und im Fall des "Internets", das einer ältlichen Generation immer noch den Schrecken des Unbekannten einjagt, scheint der Novelty-Schmäh noch einen Deut mehr zu ziehen.

 
 
  Nun hat diese Debatte über den Umweg des gestrigen Busek-Interviews, in dem der eine Verjüngung der heimischen Politik einforderte, auch Österreich erreicht. Und spielt sich damit automatisch auf demselben plumpen Niveau ab.

Dem kann man scheinbar nicht entkommen. Der DocLX-mäßig umgestaltete Wiener Stadt-Sender Puls-TV etwa hatte gestern (ernsthaft) eine Studio-Diskussion mit dem Thema "Wie cool ist Religion?".

Die primitive Verschlagzeilung komplexer Topics in eine stumpfe Meinungs-Abfrage, die dann hauptsächlich die Stabilisierung von Vourteilen generiert, ist der Hauptträger von Debatten-Kultur in unserem Land.

Das nervt.
Vor allem, wenn es sich um schablonenhaft vorgetragene Klischee-Anballungen handelt. Wie in diesem Fall, wo sich die Debatte durch die Gleichsetzung von "Web" und "jung" schon von vornherein selber entwertet.

 
 
  Glücklicherweise wird auch die Frage wie jung ein Wahlkampf überhaupt sein kann, ob das Web eher ein Informations- oder ein Agitations-Medium ist oder was das von Busek eingeforderte jugendliche Profil überhaupt sein soll, ja eh auch gestellt.

In den meisten Fällen wird aber nicht über die erste Zeile hinausgedacht.

Ich frage mich, warum auch hier wieder sehr simpel bloß die Alters-Achse als alleinseligmachendes Kriterium aufgestellt wird, anstatt die Gesellschaft an den Punkten analytisch zu filetieren, wo es Sinn macht, weil sie dort viel eher auseinanderfällt.
Aber nein: lieber schneidet man hier Fleisch gegen die Faser, bürstet die Haare gegen den Strich, und wundert sich nicht einmal, wie blöde die Resultate aussehen.

Die Web-Nutzung ist zwar bei den jüngeren (logischerweise) prozentuell höher, Wertigkeit und Wichtigkeit lassen sich aber nicht am Alter, sondern an der Bildung der User festmachen.
Das Verwenden und vor allem Verstehen von Web-Content (oder Web-Propaganda) ist nicht an ein Alter, sondern an die Aufnahme-Fähigkeit, also die Bildung gebunden.

 
 
  Die Generation, die derzeit (gerade noch) an den Machthebeln sitzt, ist die letzte vor der digitalen Revolution fertigsozialisierte, also die letzte, die genau nicht mehr mit den heute alltäglichen Segnungen der Kommunikations-Technik mitgewachsen ist.
Das sind die, die (so würde es Kollegin G. sagen) ihre SMSen (sofern sie das überhaupt können) mit dem Zeigefinger schreiben, anstatt nebenbei mit dem Daumen.

Diese Techno-Steinzeitler kann man also wegen ihres Nicht-Wissens mit "neu!" und "internet!" und "cool!" und "Jugend!" wegbluffen, weil sie's einfach tatsächlich nicht wissen.

Das Netz ist nicht mehr als einfach ein neues, zusätzliches, schnelles, direktes und ultra-praktisches Medium, in dem man suchen, forschen, kommunizieren und spaßen kann; und zwar ohne viele Regulative, global und getreu der Adenauer-Doktrin ("Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern"). Denn im Web wird täglich neu aufgestellt.

Politische, massenkompatible Inhalte lassen sich - verschlagzeilt oder hintergründig - im Web also genauso an- und unterbringen wie in jedem anderen Medium.

 
 
  Aber darum gehts in diesem Diskurs nicht. Es geht vielmehr um einen oberflächlichen Heilsbringer-Effekt.
Und der ist so eklatant unterdurchdacht, dass man weinen möchte.
Man erreicht "die Jugend" nicht mehr. Anstatt das zu hinterfragen (und draufzukommen woran es liegt, oder gar festzustellen, dass das vielzitierte Desinteresse der Jungen auf ein Missverständnis zwischen herkömmlichem und neuem politischen Verständnis zurückzuführen ist) wird es als gottgegeben hingenommen und muss nun von Marketing-Experten behandelt werden.
Da man in diesem Heuschrecken-Gewerbe auch zahlen- und nicht ursachen-orientiert arbeitet, versteht man sich mit der politischen Nomenklatura blendend und schlägt die banalen Gleichsetzer vor: Jugend = Event. Und: Jugend = Internet.

Ja, da sind viele Junge dabei und drin. Sicher eine ganz hohe Prozentzahl. So wie auch eine ganz hohe Prozentzahl der Jungen in anderen Medien drin ist, über die es die Parteien vorher versucht haben.
Da es also keinen neuen Ansatz und keine neuen Ideen gibt, sondern nur ein neues Medium verstärkt eingesetzt werden soll, KANN sich am momentanen Zustand allerdings gar nichts ändern.

 
 
  Es können die Seiten von KHG oder Christoph Chorherr noch so schön und bunt blinken, man kann noch zu oft sagen, dass das Web jetzt das Wahl-Plakat (schließlich wählen im Herbst auch Wien und die Steiermark) ersetzen wird - it will make no difference.

Zum einen bleibt Content Content. Wenn der bislang nicht vermittelt werden konnte, wird das auch im Netz nicht klappen. Nichts, was vorher fad und öd war und abgelehnt wurde, hat sich allein durch einen Netz-Auftritt durchgesetzt.
Und zum anderen wird Parteien-Präferenz zwar auch ein bissl durch Propaganda mitgestaltet (wenn auch nur zu einem schwachprozentigen Maß, wesentlich schwerer wiegt da Herkunft, Umfeld, Peer-Group, Privates und spezielle Interessen), aber die setzt sich eher auf der gefühligen optischen Ebene durch.
Es ist - kandidatentechnisch - viel wichtiger wie sich jemand bewegt, wie er/sie spricht, wie er/sie dabei dreinschaut, wie er/sie rüberkommt. Diesbezüglich ist das Web nur ein geringer Unterstützer.

Und die aufgeregten "Wir brauchen einen perfekten Internet-Auftritt für die Jungen!"-Hilfeschreie, die derzeit durch die Partei-Zentralen gellen, helfen letztlich nur der gesundgeschrumpften Blasen-Industrie, die von solchen Jobs lebt und sich dieser Tage schon verzweifelt mit Quasi-Inseraten wie der oben beschriebenen FTD-Geschichte um Aufmerksamkeit heischen muss.

 
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