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Wien | 24.8.2005 | 14:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '05: 24. 8. Mittwoch.
  Subjektivität ist die neue Objektivität.
 
 
 
  Heute hab ich beim Herumstöbern in einer Bücherkette, die plötzlich einen neuen Namen hat, wiewohl sich sonst nichts geändert hat, einen Shopping-Guide gefunden, der nicht - wie die meisten Wien-Lokal-Bücher - aus dem Falter-Verlag, sondern aus einer anderen Werkstatt kommt.

Ich kenne "Quader" flüchtig als Flyer-Zeitschrift, die hin und wieder irgendwo herumliegt, und da dieser Vienna Shopping Guide optisch ganz ansprechend aussieht (quadratisch, ringbuch-artig), darf er mit.

Ich hab ja durchaus ein Faible für diese alternativen Wien-Guides, seit jeher. Ich erinnere mich an einen der ersten Versuche dieser Art, einen Wien-Führer, der in einem dieser Alternativ-Reisen-Verlage erschien.
Projektleiter war ein damaliger Kollege aus der Jugendredaktion (die die Musicbox oder ZickZack produzierte), der heute im übrigen in der Religions-Abteilung im Fernsehen arbeitet (nur um wieder einmal diesen süßen Mythos der linkslink unterwanderten Hörfunk-Jugendredaktion aufzuschrecken) und es war eine lustige Arbeit.

 
 
  Dazumals (Anfang der 80er) war es opportun ALLES in so einen Guide reinzunehmen, was es an auch nur ansatzweise alternativen Ansätzen gab: also die zwei Buch-, die drei Plattenläden, die vier Clubs und die fünf Konzertspielorte, weil man nur mit einer umfassenden Abbildung der Szene diesen Führer auch füllen konnte.

Mittlerweile sind die Kriterien ganz andere.
Mittlerweile, mehr als 20 Jahre später, geht es darum in den Dschungel von alternativen Shops, Lebensstil-, Musik-Anbietern etc einzudringen und ihn nach einerseits konsumentenfreundlichen und andererseits nach inhaltlichen Kriterien abzuklopfen und dann dementsprechend vorzustellen.

Die zuständigen Abteilungen (der Falter und sein Verlag, der da immer viele kleine schlaue Büchlein herausgibt und seit jüngerer Zeit auch das City) machen das ja auch eh ganz gut.

 
 
  Manchmal werden einzelne Lokale oder Shops dann in einer erweiterten medialen Wahrnehmung zu einem kleinen Hype (jüngst zb das "phil" in der Gumpendorferstraße), manchmal sind und bleiben special interest-Angebote einfach auch nur innerhalb der Szene, für die sie Treffpunkt oder Heimat bieten.
Und manchmal entstehen und verenden Shop/Lokal-Projekte auch so schnell wie es etwa in Berlin der Dauerfall ist, und entgehen so einer allzu großen Öffentlichkeit.

Mir ist anläßlich dieses Guides aber hauptsächlich etwas anderes aufgefallen: nämlich die Text-Beschreibungen, deren Qualität und Ansatz.

Natürlich erwartet man sich von einem Guide so etwas wie Objektivität, eine Beschreibung von Qualitäten und Inhalten, man nimmt sogar die Weglassung von wesentlichen Dingen, die man dann erst im Lokal wahrnimmt, billigend in Kauf.

 
 
  Es gibt aber trotzdem einen spürbaren Unterschied zwischen wohlwollender Präsentation, die alles, was neu und ambitioniert dasteht, erst einmal schonend vorstellt und fördert, weil ja jede Initiative einmal belohnt werden muss, und einem dauerfröhlich-grinsenden PR-Geschmiere.

Und wenn mich nach spätestens 5 von über 60 vorgestellten Projekten der diesbezügliche Brechreiz packt, dann stimmt etwas nicht.

Ich habe bewußt ein vordergründig harmloses Beispiel gewählt, um hier ein prinzipielles Problem hervorzustreichen: der produkt- und konsumentenfreundliche, faktensammelnde und scheinbar objektive Journalismus ist heutzutage nichts mehr wert, weil er mittlerweile von der PR komplett überwuchert wurde.

Vielleicht war klassische PR früher einmal marktschreierisch.
Heute tarnt sie sich als "objektiv", nimmt eine Gestalt an, die Journalismus im Copypaste-Verfahren einsetzen kann und hat damit den altbewährten Begriff der Objektivität desavouiert und getötet.

 
 
  Die vielzitierte Objektivität hat ja vor allem den Zweck, den Leser/Seher/Hörer als präpariert für seine Meinungs-Bildung zurückzulassen, ihn mit den wesentlichen Fakten versorgt zu haben.

Das ist mittlerweile aber fast flächendeckend von reiner Propaganda unterlaufen, also weder wertfrei noch sinnvoll.

Subjektivität ist die neue Objektivität.

Der subjektive Ansatz des Berichterstatters ist, sofern die nötigen Fakten zum Verständnis transportiert oder verlinkt werden, für die Meinungsbildung um ein paar Eckhäuser zielführender und wertvoller.

Um beim Beipsiel zu bleiben: kein einziger der windelweichen Wischi-Waschi-Texte über die 60 Lokale und Shops in diesem grauenerregenden Quader-Machwerk sagt auch nur einen Millimeter mehr als "Voll ur-super, echt!" und ist damit völlig wert- und sinnlos.

Nun sind aber die allermeisten "objektiven" Medien-Texte von dieser Mentalität bereits derart unterwandert, daß sie genausoviel/wenig vermitteln.

 
 
  Deshalb ist eine radikale Denk-Umkehr vonnöten.

Niemand aus der aktuellen Informations-Gesellschaft nimmt irgendein offizielles Communique für bare Münze. Genausowenig glaubt noch irgendwer an eine Wahrheit hinter scheinbar objektiven Darstelllungen. Und zwar weil sie in der jüngeren Vergangenheit allzusehr entwertet wurden; weil sich die Orwellschen Umkehr-Begriffe tatsächlich erfüllt haben.

Nur der subjektive Ansatz bietet genug Ausgangs-Material und auch die emotionale Basis, sich überhaupt mit etwas beschäftigen zu wollen, das über die körperlichen Grundfunktionen hinausgeht.

Ich darf alle bitten ihre Schulzeit zu memorieren und sich an den ersten Moment zu erinnern, in dem einem irgendeine Lehrkraft an etwas Interessantes herangeführt hatte. Was war das entsprechende Stilmittel? Ein objektiver Faktenvortrag oder eine subjektive Stellungnahme? Peter Fichna oder Robert Hochner? Eben.

 
 
  Nataürlich kann bösartig eingesetzte Subjektivität einiges an Schindluder treiben, ganz übel manipulieren und gefährlich populistisch vereinfachen.

Subjektivität ist aber trotzdem der einzig mögliche Ansatzpunkt, um aus der Glaubwürdigkeits-Krise, die das veröffentlichte Wort umfaßt, wieder rauszukommen.

Also muss man durch die Gefahren durch, so etwas wie einen persönlichn Subjektivitäts-Screen-Filter entwickeln, der einen vor einer bloßen Übernahme von Ansätzen und Meinungen bewahrt, so verlockend das auch manchmal ist.

Nur das Bewußsein der Subjektivität von öffentlichen Worten kann es noch vor seiner völligen Erstarrung und Bedeutungslosigkeit retten.

Zudem würde uns das vor den vielen faden und braven "objektiven" Pflichtaufgaben, mit denen wir medial überfüttert werden, bewahren. Und auch vor elenden Shop-Guides.

 
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