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Wien | 5.10.2005 | 14:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '05: 5. 10. Mittwoch.
  die leid san zu de leid so schiach.
 
 
 
  Über alles in der aktuellen österreichischen Popmusik kann man diskutieren; nur über eines nicht: die Wichtigkeit von Attwenger.
Die ist inhaltlich und formal manifest. Punktum.

Wenn es dann - durchaus kluge - Menschen trotzdem tun (wie mir kürzlich passiert) dann muss ich eine Sekunde lang verwundert zurücktreten und dann darangehen den offentlichtlich vorhandenen blinden Fleck im Gesichtsfeld dieser Person wegzuputzen.

Attwenger sind die allereinzigsten, die eine wirklich originäre Musiksprache entwickelt haben; und zwar eine, die auch weltweit ihresgleichen sucht und nur in handverlesenen Maßen vohanden ist.

Attwenger bringen Alltags-Poesie, naturalistische Statements, persönliche Finesse und politische Wucht zusammen wie der Don Alonso sein Ildefonso.

Attwenger sind Mensch, Bauch und Hirn, Trägheit und Aktion, Spaß und Ärger, Assoziation und Reflexion.

Und dass das alle paar Jahre in ein neues Album mündet, das immer (immer) Spitze ist, weil es ja eben gar nicht anders sein kann, ist auch Spitze.

 
 
  Die 14 Cuts von "Dog" (offizieller Erscheinungs-Termin am 17.10., aber die Print-Geschichten laufen schon, und "Dog" spielt das FM4-Radio auch schon und "Dum" läuft im mittwöchigen Bonustrack schon seit 3 Wochen als Themensong, als was solls ...) lesen sich wie das Inhaltsverzeichnis eines reduzierten HC Artmann-Gedichtbands:

dog
dum
wüst
graas
sex
mir
eam
schaun
bam
tour
bled
glei
daun
komm.

 
 
  Graas hat nichts mit Wiese oder Dope zu tun, sondern beschreibt die Redundanz, mit der die Bewahrer die Welt zu versiegeln gedenken, sofern man sie nicht immer wieder dran hindert: "und waun de olle nur von dem ausgengan wos kennan, daun kennans oiwei nur im graas herumrennan."

Das ist ganz typisch Attwenger und noch typischer "dog". Denn da gibt es kaum noch Geschichten wie "Du und I und no a Mau", sondern kurze Moritaten, die vielleicht noch kurz in den Strophen mit Beispielhaftiigkeit unterfüttert werden.

Ich verstehe diese Reduzierung, denn: all das ist ja schon gesagt und erklärt und vorgeführt.
Nur die Verknüpfung und die Erkenntnis und der Erkenntnis-Gewinn stehen noch zwischen uns und jetzt und einer besseren Welt.
Attwenger sind da/wollen da Türöffner /sein.

In "sex" erklären Binder/Falkner sehr genau die klassischen Zusammenhänge zwischen Liebe und Sex und Geschäft und wie das so funktioniert seit Jahrhunderten schon. Aber sie machen das nimmermehr so sehr in ausschließlicher Stanzlform mit Beispiel-Strophen, sondern rund um den zentralen Satz, den jedes Stück hat.

In "sex" heißt der "jeder mensch zöhlt. jeder mensch zöhlt sei göd."

 
 
  Musikalisch ist "dog" wieder eine leichte Erweiterung. Ich höre einmal Massive Attack The Cure covern, ich höre Tom Waits und JJ Cale und Südstaaten-Laidback-Wüsten-Sounds, ich höre avant-classic und drum'n'Bass und ich höre einen Bonustrack-Schlager, obwohl ich doch immer nur Schlagzeug oder ein Schlagzeug-Programm und eine Harmonika höre.

Ich höre auch HPFalkner öfter singen als bisher, drei oder viermal. Und ein ganz großes Stück, nämlich "wüst", das endlich so mit call and response arbeitet, wie ich mir das bei Attwenger schon länger gewünscht habe - da fallen sich Falkner und Binder mit ihren Gegensatzpaaren fast ins Wort.

Tempo (pace, würde Tyler Brulee sagen...) ist überhaupt wchtig, oft hier: ich hab schon viele, zuallermeist ganz schwache, Stücke über das Tour-Leben gehört, aber bei "tour" bringt die Hektik und Geschwindigkeit der Musik das ganze eh schon auf den Punkt, noch bevor - auch hier - der zentrale Satz es dann noch verschärft: "sex dog nur dessöwe und üwaroi wos neichs".

 
 
  Binder und Falkner reden auf "dog" oft und viel davon wie die Leute blöd schauen.
Stimmt und stimmt immer, ist aber auch deswegen stimmig, weil ich ja finde, dass Binder und Falkner ganz große Blöd-Zurückschauer sind, die den Blödschauern ja immer das Gefühl geben weiter ordentlich blöd schauen zu dürfen. Vielleicht sind die Leute auch deshalb Attwenger gegenüber so ehrlich und vielleicht erfahren sie auch deshalb soviel über die Leut' und wahrscheinlich sind sie deshalb die, die es einfach stellvertretend für uns alle sagen müssen, wie es ist: "österreicher san brunza, waun d'hosn voi is, betens a vaterunsa".

Das ist eine Zeile aus "dum", dem wichtigsten Stück auf "dog", einem der wesentlichsten Beiträge, die es in Österreich zum Gedanken/denken/Gedenkjahr 2005 gegeben hat.

"dum" ist keine hasserfüllte Abrechnung mit sonstwas - denn Hass ist kein Attwenger-Wort, sondern eine recht nüchterne Bestandsaufnahme all der Eigenschaften, die dazu geführt haben, dass es notwendig war dieses Jahr auszurufen und dass es auch fürderhin notwendig sein wird, das nicht auszusparen.

Weil der Ungeist ja weiterlebt.
Und auch und vor allem dort, wo Attwenger sind.
Nicht nur am Land, sondern dort, wo die Leute blöd schauen; und blöd daherreden; und im schlimmsten Fall dann auch noch blöd handeln.

Aber es gibt Hoffnung, sagt Attwenger: "die leid san zu de leid so schiach - owa ned jedn dog".

 
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