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Wien | 22.1.2007 | 11:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '07: KW4, Montag.
  Bronner, Kehlmann und der Ruf der Arroganz.
 
 
 
Im heutigen ...
  ... Standard schreibt Daniel Kehlmann, durch seine jüngsten Romane berechtigterweise Österreichs neues Literatur-Aushängeschild, über den jüngst verstorbenen Kabarettisten, Liederschreiber und Autor Gerhard Bronner, den er als väterlichen Freund und Berater, als Forderer und Förderer zeichnet.
Kehlmanns Sicht ist eine persönliche, deshalb ist sie wertvoll.
Denn der unpersönliche Blick auf Menschen wird ja oft von Images zugestellt, die gern auch jenseits der Wahrheit balancieren.

Meine Bronner-Erinnnerungen sind aus zweiter Hand und via Medium, und die haben - über die Jahre - das Bild einer unangenehmen Figur angenommen, die zunehmend nichts mehr gemein hatte mit dem Schöpfer großer österreichischer Lyrik wie dem "Gschupften Ferdl" oder dem Halb-"Wilden", der unlängst von diesbezüglich Halb-Gebildeten versehentlich als Beginn der österreichischen Popmusik markiert wurde, wiewohl er eine simple kabarettistische Verhöhnung des neu entstandenen Rock'n'Roll war, also das Gegenteil eines Startschusses, ein Blockierer.

Meine Bronner-Schlüssel-Geschichte kam aus dem Radio, einer Sendung, die der damals in den 80ern schon hauptsächlich in der Vergangenheit Erfolgreiche und Wichtige moderierte: Schlager für Fortgeschrittene, von Spöttern auch ironisch Schläge für Fortschrittliche genannt.

Da erzählte Bronner von einer anderen seiner großen Blockier-Aktionen. Nach dem Rock'n'Roll in den 50ern hatte er nämlich auch die neue Popmusik in den 60ern abgelehnt und bekämpft, vor allem eine unerhörte Band namens "The Beatles". Indem er ihre holprigen und nach seinen Standards unprofessionellen Songs vorführte, belegte er natürlich auch dass sich diese Anti-Talente und die von ihnen getragene "Pop"-Wele niemals würde durchsetzen können.

 
 
Von dieser ...
  ... dummdreisten Fehleinschätzung aus den 60ern hatte ich nur vom Hörensagen erfahren.
Nun könnte man meinen, dass Bronner in den 80ern vielleicht bereits eine differenziertere Einstellung zu den Dingen hatte. Aber nein, eines Tages in einer "Schlager für Fortgeschrittene"-Sendung: Bronner doziert über die Beatles, ironisiert ein wenig, bagatellisiert die Wucht seiner damaligen Anschläge (die was von der Torberg-Hysterie für ein Brecht-Verbot hatte) nur um dann noch einen draufzusetzen.

Er kündigt eine Version von She's leaving Home an, die seiner Meinung nach ganz klar zeige, wo die Beates eigentlich hingehören würden: in die Autoren-Ecke, als Songschreiber, da wären sie doch eigentlich eh ganz brauchbar.
Interpreten wären sie hingegen nicht, das würde die nun folgende Coverversion des Stückes belegen. Und dann kam She's leaving home, gesungen von Mel Torme, einem schmelzend-schmalzendem Crooner der gehobenen Preisklasse, der sehr pathetisch und deswegen auch so hilflos durch einen Song steuerte, der ganz sensibel eine Emanzipitions-Geschichte einer erwachenden Jugend beschreibt, das plötzliche und der Erwachsenen-Generation unerklärliche Verlassen eines overprotektiven und dadurch rigiden Elternhauses, in dem man viel einsamer wohnte als es draußen in der unsicheren Welt jemals der Fall sein könnte.

Die bewusst wacklige und zarte Performance von McCartney und Lennon, der die Echos des Liedes singt, haben diesen Track vom Sgt. Pepper-Album zu einem zentralen Faktor des unsichtbaren Bandes gemacht, das die Beatles und ihre Zeitgenossen mit den Seelen der jungen Menschen verknüpfte.
Der arme Mel Torme konnte nur eine kitschige "'s Tochterl is weg!"-Ballade draus schmieden, und der hörbar gerührte Bronner achtete nur auf richtige Vibratos, ordentlich Schmalz und anderen Formal-Schas.

 
 
Mit einem ...
  ... derartigen Missgriff offenbarte er zum einen sein absolutes Unverständnis einer nachrückenden Generation gegenüber und auch so etwas wie Unbelehrbarkeit über Jahrzehnte.
Deshalb empfand ich Bronner als abstoßend. Und über die Jahre sammeln sich dann entsprechende bestätigende Geschichten an, die einem Leute über den Menschen oder seine Äußerungen erzählen, und wenn sie sich - wie im Fall Bronner - so mit dieser unangenehmen Erfahrung von kulturellem und persönlichem Versagen decken, dann ist man nicht weiter an tieferem Vordringen interessiert.

Nun ist der Mann also gestorben, Ende letzter Woche und Daniel Kehlmann zeigt ihn jetzt als einen Anderen her, einen Unterstützer und Aufmunterer, wo andere nur einen sarkastischen Präpotentling gesehen haben, der sich von anderen arroganten Figuren des Kulturlebens auch dadurch unterschied, dass in seiner unangenehmen Lakonie nichts gleichzeitig Charmantes oder Vorwärtsdrängendes lag, wie es zb den Hellers dieses Genres zufällt.
Im Gegenteil: Bronner, ein von den Nazis Vertriebener und von der nicht stattfindenden Restitution eines feigen Nachkriegs-Österreich Verbitterter, hatte einen Drang zum Bewahren, prügelte weniger die alten Missetäter (wenn, dann nur pauschal) um eher die Nachrücker niederzuhalten.
Und das alles, wiewohl er mit einem Grund-Wissen um eine Nicht-Herstellbarkeit von vergangener Glorie ausgestattet war.

Daniel Kehlmann weiß ganz offensichtlich um diese Außenwirkung und ist bemüht diesen Irrtum geradezurücken: man habe Bronner hauptsächlich deshalb eine spezielle Arroganz zugeschrieben, weil er in den berühmten Doppel-Conferencen mit Qualtinger und später Peter Wehle diese Rolle, die des obergscheiten Nörglers eingenommen habe.

 
 
Und dann ...
  ... sagt Kehlmann etwas sehr Wahres: "Um in den Ruf der Arroganz zu kommen, braucht es in Österreich üblicherweise nicht mehr als Sprachgewandtheit, die Ausstrahlung von Intelligenz und niedrige Toleranz gegenüber Dummheit." Um Bronner im nächsten Satz dann aus seiner Sicht als hilfsbereit, warmherzig und vor allem zuverlässig zu beschreiben, allesamt zentrale Eigenschaften hinter etwas Davorstehendem, was immer interpretatorische Fassade bleiben muß.

Natürlich hat Kehlmann mit diesem wunderbaren Satz weit über Bronner hinaussehend recht; er kennt das auch wohl aus eigenem Erleben. Auch Kehlmann tut sich zb in Deutschland, wo man nicht derart sonderlich auf sprachliche Gewandtheit reagiert wie in Österreich, leichter.
Hierzulande gilt - in guter alter Monarchie-, Ständestaat- und Nazi-Tradition (die in den dumpfen Anfängen einer sich absichtlich in Vollnarkose befindlichen Zweiten Republik anhielt und erst in der 70ern auftaute) jeder, der einen Gedanken formulieren kann, als verdächtig und wird vom allgegenwärtigen Herrn Karl auch entsprechend denunziert.

Ein Atheist, Anti-Faschist und Sarkast wie Bronner hatte es da natürlich dreifach schwer.

Warum er allerdings seine von Kehlmann eindrücklich hervorgehobene Courage nicht eingesetzt hatte um dem Neuen und Frischen, das dem muffigen und ekligem System ordentlich den Marsch hätte blasen wollen, zu helfen, läßt sich nur aus einem anderen von Kehlman sogar im Titel zitierten Leitsatz herauslesen: Leben ohne Krücke.

Motto: letztlich bist du allein und keiner hilft dir. Das war etwas, was den jungen Bronner, der sich auf der Flucht vor den Nazis nur mittels Durchschwimmen eines reißenden Stromes retten konnte und dabei (ebeso wie vorher seine gesamte Familie) seine Begleiter verlor, geprägt hat.

 
 
Was dann ...
  ... wohl auch dazu führte, dass er seine Kraft nur sehr sehr vereinzelt, wie zb in den jungen Kehlmann investiert hatte, was dann ein wenig nach Geklüngel riecht. Nachvollziehbar. Trotzdem nicht wirklich vorbildlich.
Wobei: einen Zwang zur Vorbildlichkeit gibt es ja auch nicht. Jeder, wie er kann.

Kehlmann, dem dieser Nachruf merklich wichtig ist (und das ist ein Zeichen hoher Qualität) zitiert noch einen ihm (und wohl auch Bronner) wichtigen Lebensgrundsatz, einen von Joseph Conrad, auch einem Vertriebenen.

Conrad sagt: Wenn die Ziviisation versagt, bleibt dem Einzelnen nur die innere Stärke und Anständigkeit.
Der Gegenentwurf dazu findet sich, weil's gestern gerade im TV zu sehen war, in Michael Hanekes fantastischem Post-Zivilisations-Portrait Wolfzeit.

Diese innere Stärke und Anständigkeit sei aber, laut Conrad, nicht genug.
Kehlmann aber meint, am Beispiel seines verstorbenen Freundes, der ein solches Versagen ja bereits erlebt hatte, sagen zu können, dass es schon eine ganze Menge wäre.

 
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