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Wien | 23.3.2007 | 11:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '07: KW 12, Freitag.
  Artefakte freipinseln.
 
 
 
Heute: Sachen von 82 - 84.
 
Meine Eltern sind gründlich. Wenn sie beschließen, ein Zimmer ausmalen zu lassen, dann wird bereits Wochen vorher geplant, wie denn die Kästen zu verschieben seien, wohin bestimmte Möbel kurzfristig ausgelagert werden und welchen Platz dann bestimmte dort lokalisierte und öfter verwendete Objekte einnehmen werden.
Als sich herausstellte, dass sich in einem der Kästen ausschließlich Klumpert von mir befand, war's mir dann also durchaus lieber, selber auszuräumen und dabei auch gleich ordentlich auszumisten.
Irgendwo im Hinterkopf wusste ich zwar, dass da noch was drin wäre und auch ungefähr noch was, trotzdem sind derartige Unternehmungen dann archäologische Trips in die eigene Geschichte; man schliemannt dann vor sich hin und schürft Gesteinsschicht um Gesteinsschicht frei, wedelt mit dem Staubdings die Artefakte frei und muss alle zwei Minuten Begeisterungsschreie ausstoßen, weil grad wieder was Ungeheuerliches aufgetaucht ist.

Im Fall dieses Kastens waren das Zeitschriften aus den vorderen 80ern.

Nun sind die 80er für die meisten von euch ein ferner und heute zurecht absurd anmutender Planet, insofern auch schon wieder mit ein wenig Patina überzogen und auch sinnvoll bewertbar.

 
 
Die 80er waren die Hoch-Zeit der Stadtmagazine.
  Diese meist aus holprigen studentischen Initiativen entstandenen Zeitschriften waren die ersten Sammelstellen von Gegen-, Alternativ- und Jugendkultur, die ersten Publikationen, in denen andere Musik, anderes Kino und andere Lebensentwürfe abseits einer voyeuristischen Sensations-Berichterstattung durchgesetzt wurde.
Trotzdem hab ich die allermeisten alten Tips, Zittys, Münchner Stadtzeitungen, den Schrott aus dem Ruhrpott und ähnliches mehr in den Papier-Container gekippt: die Relevanz, die derlei bloße Abbildung damals hatte, ist heute nicht mehr nachvollziehbar genug.

Die uralten Falter-Hefte und die ersten paar Wiener-Jahrgänge hingegen durften in große Säcke und gleich zu mir mit. Nicht nur, weil sie entsprechend umfangreich und komplett sind, sondern auch, weil sie eine Zeit, die ich als Jungspund aufgeregt mittendrin verbracht habe, tatsächlich covern. Und zwar nicht nur per Abbildung, sondern auch gleich mittels aufdringlicher Reflexion.

Denn der gerne von vielen als schlampig und ultrasubjektiv titulierte Wiener Rotzer-Journalismus der Post-Punk und New Wave-Ära schafft es heute noch, ein anschauliches und kräftiges Bild der damaligen Geschehnisse zu geben - etwas, das die Mainstream-Medien aus den gleichen Jahren (ein paar Zeitungs-Stöße lagerten da auch noch, Pressen aus 1984 und 85, hab ich alle entsorgt...) nicht einmal ansatzweise zustandebrachten: da lässt sich außer politischer Gefälligkeit nichts konstatieren.

 
 
Die Profile aus diesen Jahren,
  die im untersten Fach lauern, hab ich noch nicht durch, dafür ist erst nächste Woche Zeit - aber auch hier zeigt sich beim kursorischen Drüberschauen, wie sehr ein Korsett von Pseudo-Objektivität und ein sich freiwillig Reinzwängen in scheinbar tagesaktuell Unverzichtbares (allesamt, das sieht man heute, völlig blödsinniger Unfug) den Blick aufs Wesentliche verhindert, die Neugier auf Relevantes lähmt und somit etwas wie tatsächliche Geschichtsschreibung von unten verhindert. Da verkroch ich mich lieber in katastrophal beschissen gelayoutete Wiener- und Falter-Seiten, die in schlechten Texten und mit krakeligen Bildern die krude Realität abbildeten.

Der Rest der braven Mainstream-Medien kommt zum Herrn Bücher-Ernst, einer seriösen Buch/Zeitschriften-Zentrale, die mit den (natürlich gut erhaltenen) Exemplaren was anfangen kann. Auch die Sterns. Glücklicherweise, denn das Papier der Sterne ist schwer.
Beim Umschlichten bin ich dann auch über den April 1983 gestoßen und die wahrscheinlich sechs aufregendesten Stern-Ausgaben der Geschichte: die rund um die Fälschung der Hitler-Tagebücher.

Zwei Ausgaben lang hielt die Welt den Atem an, weil ihnen der Stern die originalen Tagebücher des Gröfaz präsentierte, dann stand alles ein Heft lang still, weil es noch nicht hundertprozentig bestätigte Fälschungs-Vorwürfe gab und dann widmete sich der Stern drei Ausgaben lang der Aufklärung, der Selbstkasteiung und der Reue, brachte Fälscher Konrad Kujau aufs Cover und legte alles offen, vom falschen Anfangsbuchstaben auf der Kladde (ich erinnere mich an die "Fritze Hitler, oder was?"-Witze in der burlesken Verfilmung der Affäre) bis zur Debatte über den Scheckbuch-Journalismus.

 
 
Diesen größten deutschen Medien-Scoop
  aller Zeiten im Schnelldurchlauf durchzuschauen, hat den Schliemann in mir natürlich begeistert. Und den Medien-Menschen in mir dran erinnert, dass es dieser Irrsinn war, der die bis dahin mit tierischem Ernst betriebene NS-Devotionalien-Industrie mit einem Schlag einer Lächerlichkeit preisgegeben hat, die ihr heute noch zurecht nachhängt.

Sogar meine zufällig auch anwesende Schwester hat kurz in die Tagebuch-Sterns reingeschaut, obwohl sie sich sonst genau gar nicht für Zeitschriften interessiert. Einer in der Familie reicht da, sagt sie immer.

Immerhin: in Fällen wie diesem können dann auch die Außenstehenden meinen Fetisch, meine Sucht, meine Abhängigkeit, mein lustvolles Verhältnis zumindest ansatzweise nachvollziehen; ich spreche von Print-Medien, die ich sowohl in aktueller Gier verschlinge als auch in aller Pracht staple und irgendwann mit dem Ausgrabungs-Pinsel freistaube. Ich halte das für eine vertretbare, weil konzentrierte und monogame Schwäche.

Dass manche z.B. nebenstehenden Stoß nicht nachvollziehen können, wohlan. Dass die wahre Schönheit des Eisbergs jedoch unter Wasser liegt, das werden sie nie erkennen.

 
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