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Wien | 12.8.2007 | 17:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '07: KW 32, Sonntag.
 
 
 
 
Mehmets Heldentat
 
Ende letzte Woche geisterte folgende Meldung durch die FM4-Redaktion: "Nachdem die kanadische Queer-Folkband 'The Hidden Cameras' schon in Saunen, Pornokinos und Kirchen ihre wuseligen Auftritte absolviert hat, folgt nun ein Gig in der Münchner Allianz-Arena. Kein Geringerer als der Indierock-affine Bayern-Spieler und erklärte Fan der Band, Mehmet Scholl, hat die Kanadier angeheuert, um sein Abschiedsspiel gegen den FC Barcelona am 15.08. gebührend einzuläuten.
Joel Gibb, Chefdenker des Euphoriker-Kollektivs aus Toronto, will für den Gig die bisher größte Anzahl an Mitstreitern der ohnehin an Kollaborationen reichen Bandgeschichte auf die Bühne holen: darunter zehn Instrumentalisten, Gogo-Tänzer und ein Chor aus Münchner MusikerInnen (Die Moulinettes, Cat Sun Flower, Big Jim, Triska, Nova International u.v.m.)."

Das ist nun aus mehreren Gründen eine lässige Sache: zum einen, weil sich Gibb quasi eingedenk der gemeinsamen vorjährigen Soundpark-Idee eines Ensembles aus den Ländern, in denen die Tour-Konzerte stattfinden, diese weitergeführt hat; zum anderen, weil ein avanciertem Pop komplett unaufgeschlossenes Publikum sich mit den Cameras auseinandersetzen wird müssen; zum dritten weil die scheinbar so weit auseinanderklaffenden Gegensatz-Paare "schwul" und "Fußball" einmal zusammenkommen und natürlich zum vierten, dass (wieder einmal) Mehmet Scholl dahintersteckt.

 
 
Mehmet Scholl
  ist, vor allem in seinen reiferen Jahren, nach seinem EM-Titel von '96, so was wie der hinter den Kulissen wirkende Querdenker des deutschen Fußballs oder zumindest der bei Bayern München; auch weil er, der ehemalige Teenpop-Star, dem irgendwann alles zuviel wurde, bis er sich schließlich nur noch als Teilzeit-Profi zur Verfügung stellte, im Gegensatz zu denen, die er mit seiner Sicht der Dinge berät, Wahrheiten wie die massive Unpopularität der Bayern auch wirklich begriffen hat - wohingegen die Bosse das zwar wissen, aber nicht dementsprechend handeln.
Da Scholl nach seinem Anschiedsspiel zu 50% einen Job im Management der Vereins antreten wird, besteht sogar hier Hoffnung.

Dass Scholl für die Cameras schwärmt, hat mit seiner jahrzehntelang behutsam aufgebauten Leidenschaft für qualitätvolle Popmusik zu tun, etwas was ja nicht nur bei Fußball-Profis, sondern auch bei Professionals aller anderen Schattierungen allzuoft ein grauenerregendes Bild abgibt: Ärzte, Anwälte, aber auch Werber und Chefredakteure sind hier zu 95% auf der Joe Cocker-oder-schlimmeres-Schiene daheim, Ausnahmen wahrhaft selten.

 
 
Irgendwo
  hab ich eine Beschreibung des Münchner Theater-Fuffis Albert Ostermaier (no relation) gefunden:
"Mehmet Scholl ist ein Entwicklungsroman. Jemand, der etwas kapiert, in die Krise gerät und danach das Blatt wendet. Permanent musste er sich zurückkämpfen und konnte sich doch dabei diese Lässigkeit und Leichtigkeit bewahren. Es ist verblüffend: Du siehst Mehmet auf dem Platz und denkst, er ist der jüngste Spieler. Wenn Scholl spielt, sehe ich da immer einen Menschen, nicht nur den Fußballer oder jemand, der als Rolle definiert ist. Das ist eine ganz große Qualität."

Mehmet (für alle Nicht-Kenner seiner Biografie: aufgrund stranger Famliengeschichte eher zufällig türkischer Vorname, Typus freches Bürschlein, gewitzt, nicht nur spiel-intelligent, renitenter Rebell...) ist auch durch seine jahrelang Freundschaft mit Marc Liebscher, der treibenden Kraft des Labels Blickpunkt Pop, ein Teil der Indie-Pop-Szene Süddeutschlands. Dass Scholl sich irgendwann dazu breitschlagen ließ seine anfangs geheimen DJ-Auftritte irgendwann öffentlich zu machen, war ein kleines Wunder, dass er irgendwann Compilations für das Label zusammenstellte, ein größeres. Dass sich ebendort auch die Sportfreunde Stiller, genauso gute Typen, herumtreiben, ist auch kein Zufall.

 
 
...und die Kehrseite des neuen Mäzenatentums.
 
Ich schweife ab, weil eigentlich wollt ich auf was anderes hinaus, aber auch diese kleine Fußnote der Pop & Fußball-Geschichte musste gewürdigt werden.

Diese Vorgangsweise (ganz schön talerschwerer Fußball-Star holt sich zu seinem Abschiedsspiel seine Lieblingsband) ist die positive Variante einer Entwicklung, die insgesamt hochproblematisch ist.

Die negative Seite les ich heute in einer Schweizer Zeitung: eine superweltbekannte Band macht sich zum Affen, nicht indem sie einen Stadion-Auftritt für eine Kundenparty des Lebensmittelriesen Migros absolviert hat, sondern weil sie bereits im Vorfeld eine extrem schleimische und hündische Grußadresse absonderte, in der von der beeindruckenden Geschichte und dem Respekt vor dem langjähirgen Kultur-Engagement des Multis die Rede war.

In diesem Zusammenhang stellt sich nämlich die Frage: war nicht genau eine Unabhängigkeit von gesellschaftlich sonst scheinbar nötiger Schleimscheißerei der Ausgangspunkt von Rockmusik? Und: ist die Ankunft beim Ausgangspunkt dieser Bewegung auch ein bisserl ihr Endpunkt?

 
 
Endpunkt?
 
Die Schweizer Zeitung zitiert andere miese Figuren (vom Viertel-Politiker Sting, der sich für Privatparties russischer Oligarchen ins Zeug legt, bis zum armen Gigolo Robbie Williams, der sich bei ungarischen Hochzeiten zum Deppen macht) und vergleicht das ganze dann mit dem Österreicher, dessen Gedenkjahr 2009 drankommen wird. Joseph Haydn, meint die Basler Zeitung, wäre in seiner Rolle als braver Hofmusikus da eine passende historische Entsprechung. Denn erst "Mozart gilt gemeinhin als erster großer Musiker, der sich von dieser Abhängigkeit zu lösen vermochte."

Soweit muss man gar nicht zurückgehen: in die erste Welle der Rebellion, die ein anderer Jubilär (der demnächst abgefeierte König E.) und ein paar Compagneros lostraten, fuhr nach nur wenigen Jahren bereits eine vergleichbare Restauration brutal hinein und vernichtete die ersten Ansätze einer unabhängigen Gegenkultur.
Elvis und Co wurde zu braven "Yes, Ma'am!"-Nickern umfunktioniert, die Doris Days wischten alle Flecken weg, Paul Anka und Pat Boone sangen brave (fade) Lieder, die erst von der zweiten Rock-Welle (Beatles, Stones, Dylan...) weggefegt wurde.
Das Mittelchen zur Machterringung waren gezielte Inbesitzname der Musik durch Mächtige, Multis, PR und Marketing, das Mäzenatentum kam mittels Presentings durch die Vordertür - der Preis war anständiges Benehmen, also der Tod des Rock'n'Roll.

 
 
Nun ist es evident,
  dass in Zeiten, in denen weder die Musikindustrie noch die Künstler - wie früher - von Plattenverkäufen leben können, andere Quellen erschlossen werden müssen. Einige (die mit den Superhits) schaffen das via Tantiemen, andere ausschließlich durch private Merch und niemals endende Touren. Und andere lassen sich zunehmend von Privat-Party zu Firmenfest weiterreichen.

All das ist legitim, um mich da nicht misszuverstehen. Jeder kann mit der Musik, die er/sie macht, anstellen, was ihm/r beliebt.
Und manchmal, eben dann, wenn ein gewitzter Kerl (siehe Scholl, Mehmet) es schafft durch eine subversive Hintertür etwas Ungewohntes in ein Mainstream-Stadion zu bringen, dann hat das sogar Charme.

Die Diversifizierung der Möglichkeiten ist auch keine schlechte Sache - und manchmal hat auch klassisches Mäzenatentum seine Vorteile: in rigiden Gesellschaften, wo sonst gar nichts geht, womöglich.

Wenn sich allerdings eine aus ihrer Geschichte heraus subversiv sein müssende Kunstform wie die Pop/Rockmusik allzu sehr vornüberbeugt, dann kann ein frei floatendes System leicht in eine Art Vormärz fallen und sich als Schoßhund, als reines Ornament, als Hofnarr wiederfinden.

 
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