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Wien | 2.10.2007 | 17:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '07: KW 40, Dienstag.
  Vordenken; und die jungen Menschen dabei ausschließlich als Auszubildende zu nummerieren und ihre inhaltliche Kraft ignorieren.
 
 
 
Das VP-Perspektiven-Papier
  ist ja nicht nur aufgrund der Passage zum Thema Homo-Ehe interessant. Ein Papier, in dem sich eine große Partei Zukunftsgedanken macht und mehr als die Hälfte des Volumens für Medien, Kindheit, Familie, Jugend, Bildung, Wissenschaft und Forschung aufwendet, ehe sie dann zu den klassischen Themen (Arbeitsmarkt, Sozialstaat, Klimawandel, Ökonomie, Landwirschaft, Sicherheit und Integration) zuwendet.

Das ist durchaus ungewöhnlich.
Denn selbst wenn man dem Papier politisches Kalkül und ein kräftiges Schielen auf junge Frauen und Familien des Mittelstands ankreidet, ist die Bevorzugung dessen, was der frühere deutsche Bundeskanzler Schröder verächtlich "Gedöns" nannte, ein Risiko. Bei den sogenannten Kernschichten (und andere werden sich das im ersten Durchlauf nicht wirklich anschauen; Anna und Otto Normalverbraucher interessiert dieses Papier noch weniger als die Euro 08) kommt das nicht so gut.

Das bringt uns dazu, wofür und für wen so ein lang hinentwickeltes Konzept-Papier für die Partei-Zukunft in Wahrheit verfasst wird: für die eigenen Leute, zum Zwecke der langfristigen Überzeugung.
Es geht der Gruppe um Josef Pröll darum die alten Strukturen der Ära Khol aufzubrechen und sich damit bei den eigenen Funktionären und Umsetzern durchzusetzen. Auch weil das wohl eine Überlebensfrage zu sein scheint.

 
 
Denn natürlich
  lösen die sechzig formal und inhaltlich dicht beschriebenen Seiten kein akutes Problem. Sie bieten aber jedem VP-Umsetzer die Möglichkeit sich darauf zu berufen und Entscheidungen im Sinn dieses De-Facto-Programms zu setzen, haben also mittelfristig durchaus Macht und Einfluss.
Wäre die VP eine große Firma, dann müsste Pröll, als Leiter der Entwicklungs- und Forschungs-Abteilung, jetzt die anderen Abteilungs-Chefs aufsuchen, dort sondieren, konkrete Vorschläge machen, wie man das eine oder andere Angesprochene umsetzen kann. Ob und wie sehr das passiert, erst das macht die Wirkungskraft des Perspektiven-Papiers aus.

Trotzdem gibt es da drin ein paar Zugänge und Gedanken, die sich in anderen, sich fortschrittlicher gerierenden Programmen oder Absichtserklärungen fehlen resp. nicht so zentral herausgestrichen wurden.

Das VP-Papier spricht z.B. davon das duale Rundfunk-System weiterzuentwickeln und spricht da etwa davon, dass Qualitätsangebote, die nicht im öffentlich-rechtlichen Rahmen passieren, auch entsprechend unterstützt werden sollten. Außerdem wird hier auch der Begriff der Nachhaltigkeit eingeführt.
Das deutet, sofern man das alles ernsthaft und nicht nur - wie bislang - politisch opportun definiert, darauf hin, dass die alte Paranoia vor den bislang eher bloß als anstrengend empfundenen Qualitätsmedien auf die Ofenbank geschoben wird. Ein kleiner Paradigmenwechsel zwar nur, aber immerhin.

 
 
Eine Idee
  wie die des Jugend-Laptops, den jedes Volksschulkind zum Abschluss überreicht bekommen soll, kann man zwar lächerlich quatschen (und im Theresianum hier ums Eck lachen sie da schon drüber, durch die Nase natürlich) aber die Richtung des Denkens ist zumindest nicht verkehrt.

Und wenn dann auf Seite 9 die altbackenen Lebensrealitäten mit denen die VP-Ofenbankler bisher ihre vorsintflutliche Sicht auf die sich verändernde Welt draufgepropft haben mit ein paar Federstrichen auch intern für überkommen erklärt werden, dann macht das sogar sowas wie Spaß. Denn die Anerkennung von "entstandardisierten Lebensläufen" ist für eine behäbig denkende bürgerliche Partei ein Riesenschritt.

Natürlich entzieht sich das VP-Papier einer konkreten Beurteilung, weil es sich in gleich zwei zentralen Punkten auf eine sehr breite Perspektive zurückzieht. So müssen "Kindheit und Familie" ebenso "neu gedacht" werden wie das obligate Gesamtschulproblem mit dem Hinweis "zu kurz gedacht" auf eine diversifizierende Ebene gehoben wird.
Beides ist natürlich nicht falsch.
Im Kinder- und Familienbild fehlen die alten vorkriegsähnlichen Gedanken der Vorgänger-Generation so ziemlich völlig.
Und auch die Laptop&Lederhosen-Ideologie der CSU schimmert (durchaus überraschend) nirgendwo durch.

 
 
Schwer tut sich
  die Pröll-Gruppe mit der Jugend.
Wo Kinder und Familie ganz klare und unendlich viele Ansagen erfahren, wird Jugend mit Bildung gleichgesetzt.

Die zuvor anerkannten unterschiedlichen Lebensentwürfe will man gerade hier nämlich nicht anerkennen. Für die unter 18-Jährigen gilt das nicht: Da stehen Sätze wie "Wer Leistung verweigert, handelt unsozial."
Natürlich meint das etwas anderes. Auf der Basis von vielen Studien weiß die Perspektiv-Gruppe, dass ganz klassische Werte-Muster wichtig sind, und will sie durch eine Neubewertung glänzend putzen: "geschmähte Tugenden wie Fleiß, Leistungsbereitschaft, Ehrlichkeit, Ordnung, Zuverlässigkeit, Gründlichkeit, Pünktlichkeit und Selbstdisziplin" würden in einem größeren Zusammenhang neu geordnet.
Weil jung sein bzw. sich in Ausbildung befinden heute bedeutet sich auf eine recht geschlossene Arbeitswelt vorzubereiten und trachten dort gut unterzukommen, kann man das schon so sehen und diese Parameter entstauben und neu sortieren, einer neuen Generation als durchaus anstrebenswert verkaufen; was auch klappen kann, wenn man das Rohrstaberl und die verlogene Ofenbankler-Moral wegnimmt.

Bloß: Nicht ein Nebensatz deutet hier eine alternative Möglichkeit auch nur an. Die im Papier emotional nur gestreifte Jugend (die im Gegensatz zu Familie und Kindern, die verbal gestreichelt, umarmt und gehätschelt werden, hier keinerlei Liebe erfährt) wird als Einheits-Modell betrachtet, in das es Bildung zu stopfen gilt, damit es auf dem bösen Arbeitsmarkt bestehe.

Auch das ist nicht falsch.
Aber es ist zuwenig.

 
 
Sicher ist es
  richtig statt sinnlosem Wissen eine "Daseinskompetenz" einzufordern, die will, dass man sich Geld einteilen und Ziele setzen kann, um das Leben "eigenverantwortlich zu gestalten".
Bei all der Menschen-Vorbereitung via Bildung (als soziale und auch ökonomische Zentral-Frage) bleibt das Papier just an der Bevormundung der Jungen picken, die es so selbstgerecht von sich weist.

Der junge Mensch als verändernde Kraft, sowas wie jugendkulturelles Potential findet in diesem Perspektiven-Papier einfach nicht statt.

Das ist es, was all die neuen (und überfälligen) Ansätze der konservativen Groß-Partei dann wieder mit einem etwas traurigen Schatten überlagert, so schön die Visionen von Schulabschluss und Lehrabschluss für alle, von Bildungsverbesserungen auch sein mögen.

Im Gegensatz zur liebevollen Vereinnahmung der Familie und der Kindheit durch die ÖVP-Perspektiven-Gruppe kriegt die Jugend, das lauernde rebellische regelbrechende Potential nur eine kalte Hand gereicht.
Das kann damit zu tun haben, dass man sich in der VP mit Non-Konformismus immer schon schwergetan hat und sich jahrelang begnügte im anpasslerischen Segment zu fischen. Die an einer Hand abzuzählenden der VP zuordenbaren Künstler oder Kreativen erzählen da eine deutliche Geschichte.

 
 
Ich befürchte aber
  dass die neuerliche Außerachtlassung dieses Kraftfelds, das innerhalb so kurzer Zeit soviel bewegen kann, ein bewusster Akt ist.

Wenn man sich schon, für VP-Verhältnisse, so weit aus dem Fenster lehnt, erstmals auch Schwule, verstärkt den jungen Mittelstand, die Bobos ebenso wie die jungen Biobauern und Jung-Familien anspricht, dann gehen sich die anstrengenden Jugendlichen, die Rotzlöffel, einfach nicht aus - als politische Quantité négligeable sind sie ohnehin wurscht.

Dass diese Politik allerdings dann andere Positionen, in denen man sich dem vormals als "anstrengend" Betrachteten aufgeschlossen zeigt, nachträglich entwertet, kam niemandem in den Sinn.

Ja schade.
Die beschworene "Denkfabrik Österreich" wird ohne den ehrlichen Input derer, die sich aufgrund ihres schwierigen Alters zu den oft einzigen originellen Positionen, die dieses Land anzubieten hat, aufschwingen können, ganz schön fade aussehen. Und nur Fabriksware herstellen, wo Umwerfendes veranstaltet hätte werden können.

 
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