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Wien | 22.10.2007 | 17:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '07: KW 43, Montag.
 
 
 
 
Das mit dem bayerischen Radio,
  das ist so eine Sache. An sich ist man, als guter Nachbar, ja bekannt, assoziiert, fast befreundet. Eigentlich. Dann aber doch auch wieder nicht. Die Geschichte der Bekanntschaft zwischen den avancierten Parts, den sogenannten Jugendradios bzw -sendungen des ORF und des BR war immer eine an sich positive, aber auch eine gehemmte.
Das war schon zu Zeiten so, als sich die Sendungen der Jugendredaktionen, die Musicbox oder ZickZack bzw der Zündfunk in den 80ern und 90ern begegneten. Man war immer dran interessiert, was denn der Nachbar so machte, aber einen tatsächlichen Austausch von Wort-programmen gab es kaum: die Sprache war zu unterschiedlich. Nicht die dialektale Färbung - das ist im gesamtbairischen Sprachraum kein Problem - sondern die Sprache, die der Zugang zu den behandelnden Dingen mit sich brachte.
Die Zundfunk-Beiträge, die wir in der Musicbox interessant fanden und deshalb bestellten, konnten wir deshalb nicht wirklich spielen, weil die Ansprache an den Hörer eine andere war, weil unser Zugang ein weniger erklärender und mehr assoziativ andockender war, oder weil wir dann doch zu zentralen Themen (welche Musik, welche Filme, welche gesellschaftspolitischen Initiativen) andere Ansichten hatten.

In den 80ern gab es einige Jahre lang einen mutigen Wanderer zwischen den Welten, den unermüdlich pendelnden Noe Noack. Ehe er in die Echokammer ging, war er ein aufmerksamer Reisender, einer der Konzerten und Interviews hinterherfuhr, die er dann sowohl für den Zündfunk als auch für die Musicbox bearbeitete. Und zwar immer vor Ort.
Und selbst dem alten Noe gelang es nicht wirklich, die Sprach- oder besser die Ansatz-barriere zu überwinden, in diese in unseren Musicbox-Köpfen verankerte kollektive österreichische Weltsicht der Dinge einzutauchen. Noe dockte an, immerhin.
 
 
 
Als sich dann
  vor über einem Jahrzehnt FM4 herausschälte, war der Zündfunk neben dieser immer schon vorhandenen Distanz dann auch plötzlich noch ein Spürchen zu alt.
Natürlich gab und gibt es zentrale Kontakte wie die Achse zu Hias Schaschko und Judith Schnaubelt, oder auch die Sumpf-Freundschaft mit Thomas Meinecke, aber die eh schon schwachen Bande wurden dünner.

Deshalb war das der Beziehung dann auch nicht gerade förderlich als sich, vor allem nach FM4 24/7, ein leiser Hörer-Konkurrenz-Kampf einstellte, weil FM4 im süddeutschen Raum (heißt es immer, wirkliche Zahlen sind rar) so gut dasteht, während in Österreich umgekehrt niemand die Nachbarn anhört.

Und so kam es, vor allem im Umfeld der Installierung des unregelmäßigen FM4-Fests in München, dass quasi on public demand initiiert wurde, auch zu vorher nicht dagewesenem Unmutsäußerungen - indirekt und in aller Vorsicht, aber es wäre sinnlos die diesbezügliche Verstimmung wegzuleugnen.
Vielleicht hätten wir auch gemuffelt, wenn der Zündfunk in Linz oder Salzburg eine Party macht, wer kann das sagen.

Auf einer anderen Ebene gab es dafür einen sehr seltsamen quasi ritualisierten Kontakt: alle paar Jahre kam eine Delegation des BR (immer wer anderer) zu FM4 auf Besuch, um sich das Modell dieses Jugendradios von innen anzusehen. Der BR mit seinen fünf Programmketten hätte da ja auch durchaus seine Möglichkeiten, ist aber anders aufgestellt; und zwar so, dass Ö1-Chef Treiber deftige Worte finden würde, was den Part des Info-, des Kultur- und des Klassik-Radios betrifft, die in ihrer Vereinzelung vegetieren, während sie hierzulande in einer fantastischen Summe leben.

 
 
Wenn die
  BR-Delegation dann wieder abfuhr, war uns - aus den Gesprächen und ihren Plänen und Ansätzen - klar, dass sich wieder nichts ändern würde, dass wieder kein qualititives Jugendradio entstehen würde.
Zu weit waren die Parameter auseinander, zu sehr konzentrierten sich die Macher auf den vagen Begriff Jugend (und versuchten das über einen Leisten zu scheren) als sich anhand einer lebendigen Jugendkultur entlangzudefinieren.

Und alles, was von Zündfunk-Seite zu diesen fast ein Jahrzehnt kursierenden Plänen zu vernehmen war, machte klar, dass auch hier Zutaten für ein Bewusstsein für einen Sender-Entwurf fehlte: die Koalition der kulturellen Minderheiten, das uneitle Zusammenstehen und vor allem das Hintanstellen von herkömmlichen Karriere-Mustern als dringendst notwendige Bausteine für einen Sender, der mehr als nur ein loser Durchlauf von Interessen oder gar Karrieren sein soll, sondern sich als Beförderer von Wichtigem versteht.

Der Zündfunk erfüllt diese Ansprüche wohl seit jeher - für etwas Größeres jedoch müsste man auch noch andere popkulturelle Spieler und Szenen hinzuziehen, die das auch schaffen. Und das stand nie so richtig an.

Das FM4 des BR, von dem seit Jahren die Rede ist, kommt also weder an der Direktion noch an der Basis vorbei. Und beides wäre nötig, um durch ein Startfenster zu fliegen.
Dafür war plötzlich der Zündfunk selber in Gefahr in dieser dauernd besprochenen Reform-Diskussion zu kippen ohne dass man eine sinnvolle Lösung gefunden hatte.

Das führte zu einen schönen Initiative, die sich Jahre zuvor vergeblich gestreckt hatte, um das großartige Jetzt-Magazin des SZ-Verlags zu retten - mit mehr Erfolg.
 
 
 
Typisch für diese
  Initiatoren ist es im übrigen, dass sie sich für alles, was sie mögen stark machen - egal ob es sich jetzt um die Zukunft des Zündfunks oder den Ärger rund um das kurzfristige Kippen von FM4 aus dem Münchner Kabel handelt; eigentlich vorbildlich.
Und man hatte einen gewissen Erfolg: Der Zündfunk läuft weiter auf Bayern 2, immer zwischen 19 und 20.30 sowie im Nachtmix um 11 Uhr nachts. Meine rote Nachtmix-Umhängetasche hat also weiterhin reelen Werbewert.

Nun ist mit Oktober tatsächlich ein neuer Jugendsendeer des BR gestartet, das Bavarian Open Radio. Auf Mittelwelle, also mühsam im Radiogerät zu kriegen, aber dafür mit hohem interaktiven Aufwand, um sich so der beweglichen jungen Zielgruppe anzupassen, und sie dort zu erreichen, wo sie eh oft genug steckt: im Netz.
Das ist ein mutiger Akt, riskant, weil auf recht unbeacktertem Terrain (nicht vom Träger her, sondern was die Inhalte betrifft).

Der Noe Noack unserer Tage ist im übrigen die Frau, die mit ihm am Donnerstag das Zündfunk-Magazin moderieren wird: Nina Sonnenberg alias Fiva MC. Sie tut sich zwanzig Jahre später die Schwierigkeiten der Sprachverwirrung an, die heute auch noch mit den letzten zehn Jahren des leisen Konkurrenz-Denkens belastet waren. Als Nina Sonnenberg moderiert sie sowohl im Bavarian Open als auch im Zündfunk, als Fiva reimt sie sich durch ihren Podcast. Und sie tut sich auch noch Projekte wie den Ponyhof an, als Parlamentär.
Das ist genauso mutig.

 
 
Das mit dem bayerischen Radio,
  besser seiner Jugendschiene und uns, das ist so eine Sache.
Aber wenn man sichs genauer anschaut, ist sie aber auch keine, die irgendwann zu einem Problem werden sollte - nur weil man zwanzig Jahre nicht wirklich zielführend miteinander geredet hat, sondern sich ein wenig aus der Distanz beäugt und die eigentliche gegenseitige Wertschätzung so unterkühlt zum Ausdruck bringt.
Vielleicht frischt man ja was auf, diesen Samstag.
 
 
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