fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
Wien | 29.11.2007 | 17:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '07: KW 48, Donnerstag.
 
 
 
 
80er-Jugend, part 2. Oder: sind wir nicht alle ein bisschen Linz?
 
Es gibt keine Zufälle.
Am selben Tag, an dem ich gleich zwei Bücher (eins älter und aus dem Anlass der Verfilmung in ein neues Medium transponiert, eins ganz neu) über die 80er-Jahre-Jugend lese, gibts am Abend eine weitere Präsentation eines weiteren Buchs, das exakt dieselbe Zeit abhandelt.

Okay, es hat mich nicht total überrascht, schließlich läuft Andy Kump, Spielmacher bei "Shy", schon seit einiger Zeit mit der Idee etwas über die Musikszene in Linz zu machen herum (und auch das Manuskript gibt es schon eine geraume Zeit). Trotzdem ist diese Ballung an Vergangenheits-Aufarbeitung erstaunlich.

Ich denke, dass es damit zu tun hat, dass man sich jetzt dieser Zeit erstmals halbwegs unverkrampft nähern kann. Auch weil selbst die Ausläufer (und das würde bis hin in die Anfangs-Neunziger reichen) bereits betrachtbar sind, ohne damit den sinnlosen Versuch einer Historisierung der Gegenwart (die ja gern oft bis zu zehn Jahre alte, sehr lebendige Wurzeln hat, deren Bearbeitung zu schmerzhaft ist) zu begehen.

 
 
Was Kumps "Es muss was geben"
  (Die Anfänge der alternativen Musikszene in Linz), erschienen in der ehrenwerten Bibliothek der Provinz, verblüffenderweise bestätigt, sind die gestern erwähnten schnellen Jahre, in Wien zwischen 79 und 82 angesiedelt.
Dass es im Fall von Linz die Jahre 77 bis 83 sind, hat lokale Gründe. Da in Linz vorher nichts war (denn Eela Craig und Waterloo & Robinson gelten da eher nicht) sind die Proto-Punk-Anfänge auch schon wichtig, zumindest erinnerungstechnisch.
Und 83 ist deshalb eine deutliche Marke, weil sich DIE große Linzer Band, Willi Warma, da aufgelöst hat.

Ansonsten dokumentiert dieses im Cut-Up-Statement-Stil gehaltene Buch (siehe auch Jürgen Teipel und Verschwende deine Jugend) die Geschichte der Jugendkultur/en in Linz, der einzigen österreichischen Stadt neben Wien, die sowas aufzuweisen hat.
Für Graz und Innsbruck, bei allem Respekt, würde ein Heft reichen, für Salzburg ein Löschblatt.

 willis, mollies
 
 
Das Interessante an dieser
  Linzer Szene war immer ihre Fähigkeit sich zielsicher abzuschotten, vor allem den immer wieder erfolgten Vereinnahmungsversuchen von Wien aus.
Auch wenn sich aus manchen Wortmeldungen (z.B. von Chef-Willi Kurt Holzinger) herauslesen lässt, dass das auch zufällig passierte.
Trotzdem wollten "die Linzer" eigentlich wenig mit "den Wienern" zu tun haben; auch wenn es Überschneidungen, Uni-Pendler und Kollaborationen gab.

Das hat vielleicht überhaupt mit den rigorosen Abgrenzungen zu tun, die im harten OÖ-Pflaster üblich sind. Denn auch für die internen Provinzler (egal ob aus Inn- oder Mühlviertel) galt und gilt erst einmal Vorsicht.

Es ist verblüffend wie stark in der Linzer Szene sowas wie Standesdünkel und Bezirks-Rivalitäten eine Rolle spielen - allesamt Dinge, die in der Wiener Szene (Punk, Postpunk, New Wave) genau gar keine (oder nur eine minimale) Bedeutung hatten.
Dort kamen die Einflussgeber und Mitspieler aus allen Ecken des Landes und der Stadt, weshalb es wurscht war, wo einer geboren war und was sein Papa macht. Das, was in Linz (und auch im Buch) oft lange abgehandelt wird, interessierte in Wien keinen.

 willis mit lemmy
 
 
Diese szenische Enge
  hatte also eine, vorsichtig gesagt, seltsame Seite, andererseits war sie genau dadurch auch wesentlich familiärer geprägt als die vergleichsweise weltläufigere und größere Partie in Wien.
Dadurch dass in Linz wirklich jeder jeden kannte, konnte sich in den Zentren, dem Cafe Landgraf, dem E-Schmid, später der Stadtwerkstatt und dem Kapu eine Menge entwickeln - weil jeder probieren und experimentieren konnte. Das wieder war in Wien, wo man schon etwas vorzeigen und leisten musste, wenn man sich auf eine Bühne traute, nicht so leicht - da lag die Latte höher, war der Wind rauher.

Aus heutiger Sicht ist es kaum vorstellbar wie man sich in zwei doch nah aneinanderliegenden Städten so effektiv voneinander abschotten konnte - dazu muss man die damals kaum existenten Kommunikationswege in Betracht ziehen.
Schönes Beispiel: Didi Bruckmayr beschreibt, wie er nach einem Blümchen Blau-Konzert nicht wusste, wen er gesehen hatte. Etwas heute kaum vorstellbares, das damals durchaus vorkommen konnte.
Kontakt gab es durch Konzerte und (anfangs) durch gemeinsame Label-Bemühungen (in beiden Sparten höchst aktiv: Ronnie Urini, vielleicht durch seine Wachauer Herkunft als Mittler geeignet), über das Abhören derselben Programme (Musicbox) oder Besuche bei den zentralen Plattenshops (Why Not).

 
 
Mehr war da nicht.
 
Möglicherweise ist dieses Beispiel das historisch letzte einer regional abgeschotteten Entwicklung von Popkultur. Denn nach den "schnellen Jahren", also ab spätestens '85 wurden neue Medien und Tools (Videorecorder, Kabel-TV, MTV, Anrufbeantworter...) wichtiger und begann auch so etwas wie internationale Vernetzung (Label-Kontakte...).

War es bei den Linzer Superhelden Willi Warma und ihren Gegenspielern, der in Urfahr ansässigen Gemeindebau-Band Miss Molly's Favourites, noch wichtig, sich nicht von außen vereinnahmen zu lassen - selbst Interviews in Wien ließ man nur durch Vertraute durchführen - war es bei den nächsten Generation, den Hardcore-Bands ab 85, bereits wichtig sich in einer weltweiten Szene Gehör zu verschaffen.

Natürlich war nichts so stringent, wie es im Überblick klingt. Die Willies spielten auch für die JVP, und Target of Demand oder Stand to Fall legten auch eine Anti-Wien-Haltung an den Tag, der in ihrem Fall aber auch gerechtfertigt war.

 wer ist der junge herr in der mitte?
 
 
Denn:
  die Wiener Hardcore-Szene hatte nie die inhaltliche Substanz und auch die szenische Relevanz um mit den Stahlstädtern mitzuhalten.

Dass all diese Strömungen in heute noch existenten und zutiefst wichtigen Projekten wie Attwenger, Wipe Out, Fuckhead oder Texta münden, unterstreicht die Langfristigkeit dieses (inexistenten) Masterplans.

Das Linzer Modell beweist, dass der biotopische Ansatz einer Szenen-Bildung der bestmögliche ist; dass ein Basis-Ethos, der aus Punk heraus entstanden ist, auch dreißig Jahre später noch eine gut funktionierende Selbstkontrolle ermöglicht; und dass Sturheit ein wichtiger Faktor ist.

Und die zuletzt herumschwirrenden 80er-Jahre-Aufarbeitungen zeigen darüber hinaus, dass die 80er (zumindest in Österreich, vielleicht auch westweltweit) kein einheitliches Jahrzehnt, sondern die zentrale Bruchstelle der Entwicklung von Jugendkultur sind.

 target of demand
 
 
"Es muss was geben"
  (Die Anfänge der alternativen Musikszene in Linz), von Andreas Kump, ist in der Bibliothek der Provinz erschienen,
Präsentation in Linz ist morgen Freitag, nicht im neuen Landgraf, weil ja böse, sondern in der Kapu.

 durchbruch zu urfahr
 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick