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Wien | 30.6.2008 | 17:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
EM-Journal '08. Eintrag 188. Nach der Party.
  So gehen die Deutschen...
 
 
 
Warum mir die deutsche Abschlussfeier in Berlin heute nachmittag so übel aufstieß.
 
Vor vielen Jahren, im Gefolge der die deutsche Sprache damals wieder einmal neu erforschenden neuen deutschen (und auch österreichischen) Welle gab es in Wien ein Avantgarde-Pop&Kunst-Projekt mit dem zynischen Namen "Rassemenschen helfen armen Menschen"; pure Provokation, die auch damit spielt, dass man sich mit diesem überheblichen und pseudo-elitären Ansatz gleichzeitig gut und politisch bewusst, andererseits aber auch lässig und politisch inkorrekt fühlen kann, weil man ja einer verwandten Kategorie deutlich überlegen ist: nämlich den völlig bewusstlosen selbsternannten "Rassemenschen", die den "armen Menschen", den Tschapperln und Armutschkerln nicht einmal helfen, sondern sie nur verarschen und verhöhnen würden.

Genau an diesem Unterschied machen immer noch viele ihr Selbstwertgefühl des "Besserseins" fest, weswegen dann auch kein Gedanke an die eigentliche Unhaltbarkeit dieser altvattrischen und arroganten Besserwisser-Position verschwendet wird. Es ist kein Zufall, dass diese Position in Österreich stark vertreten ist und dann zb auch gerne mit mir kämpft.
Soweit, So Selbstkritik.

 
 
So gehen die Anderen...
 
Nun schallt derzeit ein neu getextetes Kinderlied durch den öffentlichen Raum, aufgrund seiner simplen Melodie und seine einfachen Textes, der auf dem jedem Menschen verständlichen Call&Response-System fußt, ist es ein veritabler Hit. Außerdem funktioniert es auch als Polonaise, ist also wie geschaffen für eine deutsche Fete.
Man hörte es in Zügen, die Euro-Städte anfuhren, man hörte es in den Einkaufsstraßen und Fanzonen, und natürlich auch vor den Stadien.

Das Lied, das auch noch eine Art Tanz umfasst, geht so: zuerst schlurfen die Aufführenden gebückt, als wären sie körperlich gehandicapt oder zumindest mutlos und demütig; dazu singte man: "So gehen die Anderen, die Anderen gehen so, so gehen die Anderen, die Anderen gehen so!"
Wahlweise wird das gehen durch andere Handlungen (wie "singen", "spielen" etc) ersetzt. Und immer wird das "die Anderen" im zweiten Anlauf konkret. Es kann sich dabei um "Spanien", "die Ösis", "Ronaldo" oder sonst wen handeln - ist also für den fußballerischen Gegner konstruiert.

Nach diesem ersten, dem lächerlichen Teil, dem Call, kommt dann der Response. Man singt: "Und so gehen die Deutschen, die Deutschen gehen so, so gehen die Deutschen, die Deutschen gehen so!!
Dazu stolziert man - in Polonaise, im Marschschritt oder einfach nur fröhlich hüpfend.

 
 
Und so gehen die Deutschen!
 
Dieses ordentlich blöde Lied funktioniert nach einem Muster, das die Bedeutung der eigenen Position nur in Verbindung mit der Lächerlichmachung der anderen definieren kann. Das ist - im internationalen Vergleich anderer international üblicher Fan-Gesänge, die sich mit der Lobpreisung des eigenen Teams beschäftigen - ein wenig armselig.

Weil es nämlich nicht einmal nach dem "Rassemenschen helfen armen Menschen"-Muster funktioniert, sondern das, worüber sich dieses Modell zu stellen glaubt, repräsentiert: Rassemenschen (die die aufrecht gehen) höhnen alle anderen Menschen, denen diese Fähigkeit, die zur Aufrechtigkeit, nicht zugestanden wird, gleichsam im weltweiten Kollektiv.
Da es aber (glücklicherweise) keine Gesetze gegen inhaltliche Armseligkeit gibt, ist das ja ziemlich powidl.

Problematisch wird es erst, wenn man verfolgt hat wie dieses Dämlack-Lied seinen Weg in die kurzzeitige Popularität gefunden hat und wo das in letzter Konsequenz mündete.

Schuld ist der deutsche Comedian Oliver Pocher, ein Mann, der nicht mehr Schmäh hat als Dominic Heinzl, darauf aber eine Karriere aufgebaut hat. Pocher hatte das Lied in seinen Fanzonen-Ansagen als ARD-Reporter so kräftig angesungen, dass es sich schließlich flächendeckend durchsetzte.
Deshalb wurde das Motto dieses Lieds zum Leitmotiv des Berliner Empfangs des DFB-Teams, der heute Nachmittag stundelang live in ARD und ZDF zu sehen war. Und nicht nur das: auch die deutsche Nationalmannschaft präsentierte sich in T-Shirts auf denen "So gehen die Deutschen!" draufstand.

 
 
Dergestalt wurde also ein Gesang,
  der auf die pure Verhöhnung der anderen aufbaut zum ganz offiziellen Marschlied von DFB, deutschen Medien und natürlich auch der Fans, die diesen Hit ja erst gemacht hatten. Denn wenn dieser Müllhaufen von Song bei den Menschen nicht ankommt, dann können noch so viele Pochers die Trommel dafür schlagen.

So kam es, dass ein schon in den letzten Tagen im öffentlichen Raum aufs Läppischste vertretene Lied, in dem (natürlich rein spielerisch) mal allen anderen klargemacht wird, wer hier der einzige aufrechte Mensch ist, sich zur offiziellen Aussage einer nationalen Feier zum Vize-Europameistertitel aufschwang.

Dieser nah am Herrenmenschendenken andockende Irrsinn wird vielen kritischen Geistern in Deutschland unangenehm aufgestoßen sein - keine Frage. Jeder Mensch mit einem Funken Anstand wird dieses Übel geißeln.

Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass eine Gruppe bei diesem Thema recht still sein wird: das sind die Deutschen, die entweder erst kurz in Österreich leben oder zur Euro ins Land kamen und sich hier (auch weil man diese Reise einigermaßen unvorbereitet angetreten hat) über eine Gesamtstimmung wundern, die - was den Sport betrifft - dazu führt, dass die überwiegende Mehrheit der Österreicher immer zum deutschen Gegner hält.
Das hat vielerlei historische, zeitgeschichtliche, auch aktuelle Gründe, von denen einige brunzdumm und viele falsch sind, deren Gutteil aber fest im kollektiven Bewusstsein verankert und deswegen nicht wegzuleugnen ist.

 
 
Diese angesprochene Gruppe
  (die auch einige Sympatisanten in Österreich hat) ist so geschockt über diese Tatsache, dass sie (zumindest in der ersten Denk-Runde - alle, die das dann einmal ausführlich behirnen wollen, kommen dann zu anderen Schlüssen) wild und wütend auf jedes kritische Wort einprügeln, als würde es sich um Hochverrat, Majestätsbeleidung oder gar angewandten Rassismus handeln, wenn man Unangenehmes wie das angesprochene Pochersche Lied erwähnt.

Das wiederum hat mit einem seltsamen Phänomen zu tun, das ich als Nachbar-Paradoxon bezeichnen möchte.

In den Argumentationsketten der von der mangelnden Unterstützung der deutschen Sportler enttäuschten Deutschen ist dann nämlich von einer nachbarlichen Solidarität die Rede, die man hier vermissen würde.
Ein treffliches und richtiges Argument. Aber eines, das jegliche Ernsthaftigkeit verliert, wenn man sich ansieht, welche Häme und Bösartigkeit durchschlägt, wenn es gegen den kleinen Nachbarn im Westen, nämlich die Holländer geht. Was da, sowohl medial als auch in Fan-Gesängen, seit Jahren immer wieder an Grauslichkeit zu hören ist, käme in diesem kniffligen Konflikt Deutschland-Österreich nicht einmal in kleinen Prozent-Dosen zur Anwendung.

Oder: was ich mir selbst dann, wenn ich mir Drecksblätter, die da böse xenophobe Suppen kochen wollten, erspare, von deutschen Fans (selbst in der alternativen Viewing-Zone des WUK, wo eher ein 11Freunde-Publikum ankommt) zum Thema Polen anhören musste - da wird mir jetzt noch übel. Blödes Gerede über Podolski, der nicht deutsch könne und doch wieder rüber solle (das alles teilweise in windschiefen Akzenten, die man eigentlich untertiteln müsste, vorgetragen) - selbst von Menschen, die seit Jahren in Österreich leben, durfte ich mir die Euro über diesen


 
 
verbalen Sondermüll
  anhören.

Um dann im nächsten Satz drüber zu jammern, warum denn die Ösis, die Sprach-Nachbarn nicht solidarischer wären. Ohne dabei die Absurdität dieser Denke zu erkennen: der, der nichts anderes tut, als die Nachbarn zu bepöbeln (spielerisch versteht sich, oder rein politisch, man wird ja noch sagen dürfen was man sich denkt und so?) fordert da Unterstützung ein, Minuten nach dem letzten Ösi-Witz.

Dieses Paradoxon ist so einfach und klar zu durchblicken, dass ich über die Krokodilstränen, die dann von den arg enttäuschten großen Nachbarn kommen, immer ein bissl lachen muss.

Denn: Wehleidigkeit in allen Ehren - aber als großer Nachbar steht einem das nicht zu. Das mag den USA, Frankreich oder England gegenüber eine richtige Gangart sein, also den Märkten/Nationen an denen man sich misst. Gegenüber kleinen Nachbarn ist diese weinerliche Policy moralisch einfach unzulässig. Wie überall sonst auch im Leben, wo der Große/Mächtige eben vieles nicht darf, was dem Kleinen/Machtloseren sehr wohl zusteht.

Nicht dass da andere besser wären: die international diesbezüglich verurteilten Kroaten aber verstehe ich glücklicherweise nicht; und in Österreich hat diese Euro den Beleg der Besserung, zumindest was den Sport betrifft, gebracht. Über Vastic koffert niemand mehr, dem wird (auch übertrieben, das andere Extrem dann wieder) Heiligen-Status zuerkannt. Und everbody's Darling Ü-Ü-Ümit, der zweite Generations-Knuddel von nebenan erfuhr nur in den üblichen rechten Rülpser-Kreisen die übliche Behandlung.

 
 
Von diesen Kreisen rede ich aber nicht,
  wenn ich die deutschen Edel-Fans auf Reise (denn das sind ja keine Hools) oder die Live-Vorsänger bei der DFB-Feier anspreche.
Das ist die Mitte, das ist der Mainstream, das ist die Mehrheit.
Solange die sich darin suhlt, dass die anderen "so" gehen, nämlich wie die Sklaven im "Planet der Affen" (und mit diesem Bild erspare ich mir und euch die viel logischeren Assoziationen) und es nur der Deutsche ist der "SOOO!" geht, dass man sich also aufgrund einer nationalen Zugehörigkeit über den Rest der "armen Menschen" erhebt, solange wird es kulturelle Missverständnisse in Hülle und Fülle geben.
Diese Haltung fördert nämlich in seiner Konsequenz Fehleinschätzungen in Selbst- und Fremdbild quasi in Serie.

Und auch ich bin einem Irrtum aufgesessen: ich dachte, dass das neue seit 2004 im Amt befindliche System Klinsmann/Löw derartigen Mist nicht unterstützen kann. Spielerisch hat sich die Mannschaft nämlich deutlich über den hässlichen Rumpelfußball der Ära Vogts/Kohl erhoben und eine spielerisch ansprechende Variation entwickelt.
Leider hält - wie die heutigen T-Shirts gezeigt haben - die Botschaft nach außen mit der inneren Entwicklung nicht Schritt.
Auch weil sie sich an ein Publikum wendet, dass diesen Wandel nicht einmal noch ansatzweise mitgemacht hat, sich noch tief in den schlechten alten Zeiten befindet und - wenn man da nichts unternimmt und die angesprochenen Dissidenten was bewirken - dann wohl auch noch 2010 den Rassemenschen-Marsch durch Jo-Burg antreten wird, und dann vielleicht auch gleich die Südafrikaner als "die Anderen" verhöhnt, die eben wie die "armen Menschen" nichts darstellen.

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