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Wien | 10.12.2008 | 15:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Schöne alte Welt.
 
 
 
 
Über den ersten "Tag der freien Medien" im Wiener Fluc.
  "Na geh", sagt die Leiterin der Podiums-Diskussion im Wiener Fluc, "das ist ja wie in Brüssel: Anstatt was zu unternehmen, fordert einen die Politik auf Lobbyarbeit zu betrieben. Das ist doch ein Skandal!"
Sie muss es wissen: Sie ist auf dem Ticket einer populistischen Anti-EU-Namensliste ins EU-Parlament gekommen und somit ein Teil dessen, was sie da mit semiempörtem Unterton anklagt.

Die anwesenden politischen Vertreter, die umtriebige Marie Ringler von den Grünen und ein bislang unsichtbarer Wiener Jugendsprecher (und SP-Gemeinderat) namens Jürgen Wutzlhofer nicken aber, und stacheln in ihren Wortmeldungen zu noch mehr Lobbying-Arbeit auf.

Auch der Veranstalter Martin Aschauer nickt.
Er hat den österreichischen Medienverband genau aus diesen Gründen gegründet - um da eine Lobby zu installieren. Insofern sind ihm die Entrüstungen der von ihm für die abschließende Podiums-Diskussion des ersten Tags der freien Medien engagierten EU-Parlamentarierin körperlich spürbar peinlich.

Nicht das einzig Befremdende an diesem Abend.
Aber der reihe nach.

 
 
Einschub - Factbox 1
  Was sind freie Medien?

Das dritte Standbein einer gesunden Medienöffentlichkeit demokratischer Prägung, neben dem kommerziellen und dem öffentlich-rechtlichen Bereich.
Freie Medien sind nicht gewinnorientiert und agieren meistens auch partizipativ (ein Vokabel, das wir später noch in einer wichtigen Rolle antreffen werden).

Praxis-Beispiel aus dem Radio-Alltag: Neben den kommerziellen und den öffentlich-rechtlichen Angeboten gibt's da eben auch die freien Radios (Orange, Fro, Helsinki, Freirad, die Radiofabrik etc). Die sind gut organisiert und agieren als offene Kanäle für alles, was eine Gegenöffentlichkeit haben will oder soll.
Diese Radios sind bewusst als Fleckerlteppiche angelegt, die ihr schmales, aber genau zuhörendes Publikum jede halbe Stunde fast komplett austauschen.

Im TV-Bereich funktioniert Okto ziemlich genauso. Finanziert werden diese lokalen Initiativen meist von den Gemeinden und über andere Subventionswege.

 
 
Im Print-Bereich gab es bislang keine Einheit.
 
Das hat damit zu tun, dass das Äqualvalent jeder Viertelstunden-Show auf Orange oder Okto ein eigenes Medium ist/braucht, und somit nur eine ganz mickrige Verbreitungs-Möglichkeit hat. Das Drum'n'Bass-Heft wird außerhalb der Community niemanden interessieren können. Und selbst ein Generalmusik-Magazin wie das Skug wird (und zwar bewusst, aufgrund seiner Haltung) nicht mehr als ein paar tausend Menschen ansprechen.

Letztlich sprechen wir da also von Fanzine-Kultur.

Irgendwann einmal aber, wenn ein Fanzine aber Ansprüche an Inhalte, Qualität, Vertrieb oder gar Marketing stellt, die über den reinen Core-Bereich der Community hinausgeht, stößt man (vor allem finanziell) an eine gläserne Grenze.

 
 
Da kommt dann die Lobby, der Verband ins Spiel.
 
Der hat nur ein Problem: den nämlichen Fleckerlteppich.
Während sich in linearen Medien alles irgendwie vereinbaren lässt, gibt es im Printbereich wenig Gemeinsamkeiten. Das Vice-Magazin hat mit den An.Schlägen exakt gar nichts zu tun, weder inhaltlich noch in seiner Zielsetzung.

Und auch in der Selbsteinschätzung sind die im neuen Verband vertretenen Projekte nicht auf einem einheitlichen Bewusstseins-Level. Während dem Vice-Vertreter völlig klar ist, dass sein Magazin von der Wirtschaftlichkeit, also auch vom Inseratenaufkommen abhängig und deshalb keineswegs frei (im Fanzine-Sinne) ist, dürfte es für An.Schläge nicht so deutlich sein, dass die Finanzierung durch das Frauenministerium bei ihnen das exakt selbe bewirkt.
Und auch die Spaß-Zeitschrift Hydra, die an weltweit genau 22 Stellen zum Verkauf aufliegt, wird durch ein Gefälligkeits-Inserat von Hoanzl am Leben erhalten.

Das "frei" im Terminus "Freie Medien" ist also ein Relikt, das alle an diesem Tag teilnehmenden Projekte bereits hinter sich gelassen haben - niemand ist frei, hinter jedem steht ein Geldgeber, wurscht ob eine Stiftung, die Gemeinde Wien, ein Verlag oder ein Inserent.

Am freiesten ist wohl, sagt einer auf dem Podium, die Kronen-Zeitung, die lässt sich nicht kaufen, da funktioniert es eher umgekehrt.

 
 
Immerhin gibt es da ein beginnendes Bewusstsein
  für eine realistische Einschätzung der Dinge.
Auch, dass der Ruf nach einer prinzipiellen Förderung von "freien Medien" eine wirklich präzise Definition benötigt - auch weil aus einem "freien" Medium ganz schnell ein kommerzielles werden kann; da ist die Durchlässigkeit potientiell ja extrem hoch.

Die schlimmste Denk-Lücke am Podium, im Saal und auch im neuen Verband ist allerdings die Komplett-Auslassung des Mediums, das all die Mikro-Interessen, auf denen die freien Medien fußen, in den nächsten Jahren aufsaugen wird (wahrscheinlich in einem Umfang, der die freien Print-Medien zurückwerfen wird in den Dualismus 'kommerziell-funktionierend' und 'Fanzine'): des Webs, vor allem des Web 2.0.

Der Initiator, der erwähnte Martin Aschauer, ist Vertreter der Web-Plattform FM5, eines Netz-Magazins der alten Schule. Es gibt nicht einmal Kommentierungen unter der einzelnen Geschichten - man hat hier schlicht ein Print-Produkt ins Web gespiegelt (Oh, ich merke gerade, dass es Foren gibt - sie sind mir bloß nie aufgefallen, weil keine Kommentare existieren). Nicht dass das nicht legitim wäre - die Web 2.0-Revolution wird derlei (nämlich an den Partizipations-Bedürfnissen Vorbeiarbeitendes) aber zwangsweise hinwegfegen.

Und: vor allem, wenn man einen partizipativen Ansatz hat (der sich derzeit in der Tatsache, dass journalistische Laien schreiben, erschöpft - was allerdings kein Kriterium für Partizipation ist, sondern ein Merkmal aller freien Medien), ist der Austausch mit den Usern eigentlich Grundvoraussetzung.

 
 
In dieser Hinsicht hat sich das Podium
  der ersten Tags der freien Medien nicht von den Podien des von mir kürzlich besuchten Forums Alpbach unterschieden: beide (sowohl die wertkonservativen als auch die sich für avanciert haltenden) glauben gänzlich ohne den Blick in die nächsten Jahre auskommen zu können, beide Gruppen haben die Möglichkeiten und Wirkungsweisen des Web 2.0 nicht einmal noch ansatzweise überdacht, beide Kreise krallen sich an einem Medienverständnis des vorigen Jahrtausends fest.

Das war für mich nicht einmal im Fall der Konservativen zu erwarten - auch weil ihre Gesinnungsgenossen im angloamerikanischen Raum oder selbst in Deutschland da viel weiter sind. Dass sich aber der Bereich der "Freien Medien", der sich selber für avanciert hält, hier nur das zerzauste Bild einer basisdemokratischen Protestbewegung aus den 80ern bot, dessen aktionistische Fantasie beim Malen eines Transparents endet, das war dann doch ein wenig überraschend.
Denn, auch wenn man derzeit das Web hierzulande nur für den Frontalvortrag nutzt - jeder, der sich mit dem Machen und der Wirkung von Medien auseinandersetzt, muss sich dieser Tage Gedanken über die zukünftige Handhabung machen.

 
 
Die österreichische Wirklichkeit
  sieht natürlich anders aus.
Der Veranstalter ist im Handling der oberflächlichen Einigkeit seiner Print-Kollegen gefangen - mehr als eine Lobby von vormaligen Fanzines, die jetzt ein Stück von irgendeinem Kuchen beanspruchen, lässt sich da nicht rausholen.

Und dort, wo die Think Tanks ansetzen wollten, herrscht erstaunliche öde Leere: In den Blogs von Ringler und Wutzlhofer ist bis dato nichts über die gestrige Veranstaltung veröffentlicht worden - so als wären sie nicht passiert, als hätte man gar nicht teilgenommen, so als würde man die Öffentlichkeit nicht von öffentlichen Auftritten informieren möchte.

Ringlers letzter Eintrag betrifft das Theater, Wutzlhofer denkt über die Angelobung der Regierung nach - wie es sich für Mediensprecher halt so gehört, hierzulande. Dass es in beiden Blogs keine Kommentierungen gibt, versteht sich. Es reicht nämlich nicht die tollen Applikationen der neuen Medien auf der Site draufzuhaben - sie müssen auch mit Leben (=Inhalten, aktuellen) gefüllt werden.

Schöne alte Welt. Komm, bleib!

 
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