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Wien | 12.12.2008 | 15:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Das Fußball-Journal 08. Eintrag 64.
 
 
 
 
Bilanz der Herbst-Saison, Teil 2.
 
Vor der letzten Runde der heimischen Meisterschaft lässt sich ein wenig Bilanz ziehen über ein durchaus schlimmes Halbjahr des heimischen Fußballs, als in der Post-Euro-Phase fast alles schiefging, was schiefgehen konnte: völliger Verfall der Bundesliga, die sich aufgrund krassen Qualitäts-Mangels in Eishockey-Resultaten ergeht (und das auch noch als lässig verkaufen will ...); vollständiges Versagen im Europacup; völlig überflüssiges Scheitern in der U21-Quali; Selbstzerstörungs-Modus an der ÖFB-Spitze und ein hirnloses Kaputtmachen und -reden der kleinen Fortschritte, die der (seit Jahren) erste Teamtrainer mit Substanz anfänglich eingefahren hat, daraus resultierendes, stetig schwächer werdendes Selbstvertrauen im internationalen Vergleich.

Die kaputten Strukturen waren hier gestern Thema.
Heute solls um Details gehen; nicht in der Nationalmannschaft, das ist hier schon durchbesprochen, sondern in der Liga.

 
 
1 - Die akute Tormann-Krise
  Man kanns drehen und wenden, wie man will: es spielt kein Tormann wirklicher Klasse in der Bundesliga. Im Gegenteil, auf dieser Position, die Österreich jahrzehntelang als sichere Bank, als Backbone einer brauchbaren Weltranglistenplatzierung galt, herrscht hochgradige Unterdurchschnittlichkeit.

Selbst Torleute der zweiten (HP Berger) oder gar dritten (Gspurning) Reihe flüchten verzweifelt ins Ausland - um zu lernen und sich zu entwickeln, anstatt hierzulande zu vermandln oder zu verpayern.

Überschätzte Keeper wie der solide, aber bei Flanken immer unsichere Safar, der Fliegenfänger Cavlina oder der solide, aber in kritischen Situationen nicht belastbare Ochs zeigen zunehmend ein Gesicht, das auch die hirnrissigsten Schönfärber nicht mehr leugnen können.

Untere Mittelklasse-Keeper wie Michl, Gebauer oder Susko blockieren völlig sinnentleert die Ausländer-Kontingente.
Und die Jungen (Lukse, Zaglmair, Eisl ...) bekommen ihre partiellen Chancen durch reine Zufälligkeiten anstatt einen systematischen Aufbau zu genießen - und erfahren dementsprechend den klassisch österreichischen Knick (der so rund um 20-23 flächendeckend grassiert). Glücklicherweise hat ein Tormann meist bis 25, 26 Zeit, ehe er sich wirklich etabliert haben muss.

Dort steckt derzeit der rekonvaleszente Gratzei fest, der noch nicht an seine Top-Saison anschließen kann. Und ob Helge Payer je wieder an seine Top-Saison (die der letzten Meisterschaft) herankommt, ist eine andere Frage.

So bleibt Andreas Schranz, 29, als bester und stabilster Tormann des Herbstes: zum einen, weil er nicht (wie etwa in Mattersburg geschehen) in Frage gestellt wurde, zum anderen, weil die Abwehr vor ihm halbwegs schlüssig agiert.

 
 
2 - Die Krise im Abwehrspiel
 
Nirgendwo ist Österreichs Liga so brüchig wie in den Abwehrreihen. Da machen Stürmer, denen international die wegprallenden Bälle immer abgeluchst werden, Triple-Packs im Stundentakt. Alles Leistungen, die gegen internationale Gegner nur im Ausnahme-Fall (Janko in den Länderspielen, Maierhofer im Anorthosis-Rückspiel) gelingen.

Abwehrreihen wie die aus Altach, Matterburg oder auch Kapfenberg agieren auf einem Niveau, das in früheren Jahren immer nur beim jeweiligen Fixabsteiger zu sehen war - mich erinnert das sehr an das Bregenz-Abstiegs-Jahr, mit bis zu neun Gegentoren pro Spiel.

Wenn dazu auch noch scheinbare Führungsspieler wie Baur oder Bak, Tokic oder Opdam bei den "besseren" Teams ihre Formationen runterreißen, grassiert der Emmentaler-Virus ligaweit. Und reißt hoffnungsfrohe Kräfte wie z.B. Hoheneder mit sich.
Wenn der junge Herr Dragovic der Garant im Strafraum der Austria ist, dann stinkt eine Abwehr vom Kopf her.

Dazu kommt auch, dass viele BL-Teams ihre Viererreihen halt immer noch einstellen wie früher, als zu einer Fünfer-Abwehr auch noch zwei destruktive Ballwegschießer im Mittelfeld dazukamen (meist sind das jetzige Coaches, ein wahrer Teufelfskreis ...) - nämlich gar nicht.
Deshalb sind alle Abwehrspieler, die von Österreich in eine richtige Liga wechseln, bald automatisch eine Klasse besser - weil man dort nämlich lernt, warum man wie im Raum agiert, anstatt sich "Anweisungen" wie "tua hoit do vateidign!" zu unterwerfen.

Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass sich Paul Gludovatz, ein Viererketten-Narr aufgrund der (strukturbedingten) Unbelehrbarkeit seiner Mannschaft zu einer Dreier-Formation entschlossen hat - die ist simpel kommunizierbar. Ein Notsignal, ein indirektes Armutszeichen.

 
 
3 - Die Legionärs-Krise
 
Es gibt in Österreich zwei Typen von Legionären.

Zum einen den "Kämpfer" - früher waren das meist Deutsche oder Osteuropäer, heute können das auch Finnen oder Argentinier sein. Die kommen halbwegs kostengünstig auf seltsamen Wegen aus absurden Ligen ins Land.
Und zum anderen das Mimoserl, das Halb-Genie, der selbsternannte Star, den vor seinem Transfer keine Sau gekannt hat. Die kommen komplett überteuert auf seltsamen Wegen aus absurden Ligen ins Land.

Legionäre, die mehr als nur das eine (fighten, beißen, rutschen) oder das andere (dirigieren, wehleidiges Schönwetterspiel abliefern) sind, also richtige Fußballer, die sogenannten kompletten Spieler, lassen sich (abseits von Salzburg) im einstelligen Bereich orten.
Weil es für Österreich nämlich reicht eine der genannten Tugenden abzurufen um sich immer noch irgendwie durchzumogeln.

Mit dem, was Bazina, Acimovic, Boskovic und Co in Österreich zeigen (und wofür sie von einzelnen Pseudo-Berichterstattern, die in Wahrheit Schänder des Sports sind, auch noch gelobt werden) kriegen sie in einer echten Liga keine Sekunde Einsatzzeit.

Leider haben sich die beiden Legionär-Klischees bereits so verselbstständigt und in den Köpfen festgesetzt (Ausnahme: Hofmann und eben Salzburg), dass es kaum noch möglich ist, auf die Anforderungen des modernen Fußballs, also den kompletten Fußballer umzusteigen - weil dann sofort der Ruf nach der Gigerl oder dem Treter auftauchen würde, weil die sich selbst verdummt habende Trainer/Funtionärs/Spielervermittler-Gilde anderes gar nicht mehr durchdenkt.

Insofern ist jemand wie Nacho in Ried ein Exot. Und das ist natürlich ein Krebsübel der Liga.

 
 
4 - Die Krise der sogenannten Führungsspieler
 
Wie schaut die Struktur einer Mannschaft aus, die international gut mitmischt? Viele komplette junge Spieler, ein paar echte Stars und ein, zwei ältere Herren, meist so um die 30, die Ruhe und Substanz reinbringen.

Wo wird derlei in der Bundesliga geleistet?
Bei Sturm Graz natürlich, wo Muratovic und Haas diese Führungsspieler-Rolle einnehmen, dazu noch mit Feldhofer und Hlinka zwei Adjudanten haben, die es dem Rest, der jungen Garde, erlauben, sich auszubreiten, sich zu erproben.

Damit hat sich's aber auch schon wieder.
Bei der Austria wären diese Korsettstangen neben Kapitän Blanchard die Herren Standfest und Bak - also Mitläufer. Beim LASK sind das Baur, Vastic und Mayrleb, die allesamt schon derart überreif sind, dass sie jeder einen (manche sogar zwei) Zivildiener brauchen, die sie am Feld betreuen.

Bei Rapid gibt es diesbezüglich (wie ja auch im gesamten) überhaupt keine Philosophie, weswegen die Mannschaft in kritischen Situationen sich dann ja auch nicht aufraffen kann - wenn Hofmann einen schlechten Tag hat, gibt es niemanden, der eine Ansage tätigt; weil es ja auch von außen keine gibt.

In Ried kämpft Gludovatz gerade einen heimlichen Machtkampf mit Wickerl Drechsel, in Klagenfurt und der unteren Tabellenhälfte gibt es diese Art Spieler gar nicht mehr - weil sie entweder zu schwach (Lindström, Ze Elias...) oder altersjahrgangsmäßig schlicht fehlen.

In Salzburg bricht Adriaanse die gewachsene Struktur gerade auf, indem er Kovac demontiert hat, Zicklers Rolle einschränkt, seinen als Abwehrchef gedachten Landsmann Opdam links spielen lässt und überhaupt so durchmischt, dass eine Routine à la Sturm erst gar nicht entstehen kann.

Wohl auch deshalb ist Salzburg nur wenige Punkte voran, wiewohl die Kader-Qualität eigentlich einen Durchmarsch garantieren müsste.

 
 
5 - Die Coaching-Krise
 
Was Franco Foda in einer mittelfristigen Aufbauarbeit geleistet hat, steht im vorigen Absatz, derzeit bastelt Frenk Schinkels an einem vergleichbaren Konzept.
Zudem hat Neuling Paul Gludovatz eindrucksvoll belegt, dass man auch eine schwächere Mannschaft mit einer richtigen und guten Taktik (die nur von richtig Ahnungslosen als "defensiv" bezeichnet wird - denselben Ahnungslosen, die auch in anderen Fällen (Brückner) nicht abchecken, dass es nicht auf Nominelles, sondern die gelebte/gespielte Praxis ankommt.

Diese drei sind die Aufsteiger der Halbsaison.

Co Adriaanse und Karl Daxbacher sind die Enttäuschungen. Ersterer hat nach einem fulminantem Start zu viele strukturelle Seltsamkeiten und zu viel unnötiges Hin-und-Her fabriziert, zweiterer hat sein zentrales, aber eben auch einziges (und bereits vererbtes) Problem, die Auffächerung seines Mittelfeld, erst sehr spät in den Griff bekommen.
Denn erst die in den allerletzten Spielen eingesetzte neue Flügelzange Krammer & Sulimani bringt Acimovic/Bazina in die Zentrale, in der sie am ehesten wirken können. Dass Daxbacher seine Lösung beim Derby am letzten Wochenende wieder aufgab, zeigt, wie wenig sicher er sich seiner selbst ist. Traurig.

Bar jeglichen Willens zur Problemlösung bleibt Pacult: auch zuletzt wieder der Standard-Fehler. Wieder ist seiner Ansicht nach der rechte Verteidiger schuld dran, dass er keinen rechten Mittelfeldspieler aufstellt. Der kleine Lösungsansatz von vor ein paar Wochen war nur Zufall - so wie fast alles, was bei Rapid taktisch auf dem Platz zu sehen ist.

Zu den armen Würsten im Tabellenkeller ist bereits alles (Lindenberger, Lederer) oder das meiste (Altach, Kapfenberg) gesagt. Vor allem Letztere zeichnen sich durch die anhaltende Hysterie der Nachbesserung aus, die sich dann in Unsinnigkeiten der Marke Ailton erschöpfen.

 
 
PS: das Nutella-Team.
 
Das wird neu aufgestellt.
Statt des wegen Krankheit ausgefallenen Payer (der kriegt allerdings einen Solo-Spot) und des in Ungnade gefallenen Ivanschitz kommen zu Marc Janko und dem von Pacult gern als Sündenbock für letztlich alles ausgemachten Andi Dober zwei Neue: der lange Maierhofer und der alte Vastic.
Also das Offensichtliche und die scheinbar sichere Bank.
Wobei man Ivo offenbar gleich nach der Euro engagiert hatte und seine akute LASK-Seuchenform seither nicht einkalkulieren wollte - was jetzt ein bisserl gar blöd daherkommt.

Dass man die Chance auf einen starkes Symbol - etwa durch die Wahl eines Secondos wie Okotie oder Junuzovic - natürlich auch versemmelt hat, versteht sich; es bleibt ein Spiegel österreichischer Unsensibilität.
Vernetztes Denken findet im Fußball nicht statt, findet auch in der Werbung nicht statt - warum sollte es dann in einer Spot-Serie mit Fußballern stattfinden?

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