fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
Wien | 18.12.2008 | 15:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
"Das Internet" und "der Inder"
  Eine Replik auf Armin Thurnhers Leitartikel im Falter 51/08 "Warum ich mich weigere, das Internet als Medium wirklich ernst zu nehmen".
 
 
 
Man könnte
  es sich allzu einfach machen: Analysen, die mit Schlagworten wie "das Internet" operieren, haben allein wegen ihrer zu kurz gegriffenen Begrifflichkeit verloren. Denn "das Internet" gibt es ebenso wenig wie zB "die Jugend" oder "den Inder" - diese Worthüllen sind ein Popanz, mit dem man vielleicht die wenig gut Informierten beeindrucken kann.
Im konkreten Fall ist schon die heute bereits hofrätlich wirkende Praxis der ersten Internet-Gehversuche im 20. Jahrhunderts mit den aktuellen Möglichkeiten des Web 2.0 nicht einmal ansatzweise zu vergleichen.

Da es sich bei Thurnhers Leitartikel aber um wesentlich mehr, nämlich ein programmatisches Statement seines Mediums, eine aus Distinktionsgründen fällige Abgrenzung handelt, ist die Berufung auf diesen Formalfehler nichts wert. Jedoch legt der Falter 51/08 den Ball quasi vors leere Tor: es findet sich 38 Seiten hinter dem Thurnher-Kommentar nämlich das ganz praktische Gegenbeispiel zu seiner These.

 
 
Thurnher
  geht in seinem Kommentar vom Scheiß-Internet Spruch des ORF-Direktors Lorenz aus, den er - wie sonst leider nur wenige - als bewusste Provokation begriffen hat; dabei wäre es für alle ein Leichtes gewesen das festzustellen - die von Thurnher geforderte Text-Überprüfung durch den synonymhaften NZZ-Redakteur, der uns Medienleuten allen innewohnen sollte, hätte ergeben, dass es sich bei diesem Ausspruch beim Grazer Elevate-Festivals um einen verbalen Brandbeschleuniger in einer inhaltlich öde zu werden drohenden Podiums-Diskussion handelte.

Interessanterweise nimmt Thurnher den Sager dann trotzdem beim Wort und leitet daraus ein paar andere, nicht sonderlich provokativ, sondern sehr ernst gesetzte Feststellungen ab. In "dem Internet" ginge etwa "das Gefühl für Qualität" verloren, man würde "Meinungsfreiheit als eine Art Funktion des technischen Fortschritts" betrachten, zudem gehe der Wert des geistigen Eigentums verloren, außerdem sei die vorherrschende Anonymität schlicht "feig".
 
 
 
Einige dieser Punkte
  sind höchst berechtigt, fast alle Thema beinharter aktueller Diskussionen (deren Präsenz Thurnher offenbar nicht bewusst ist, weshalb er sie heftig einfordert), wieder andere bloße Vorbehalte einer wertkonservativ-ängstlichen Einschätzung. Ihnen allen ist jedoch eines gemeinsam: nicht das Medium ist es, das die Probleme verursacht, sondern der Umgang mit ihm.
Das erkennt und schreibt auch Thurnher. Warum sein Leitartikel trotzdem so klingt wie die Resolution der Protestversammlung der Kutscher gegen die nahende Dampfeisenbahn, erschließt sich, wenn man weiterschürft.

Natürlich hat Thurnher jedes Recht für sein Medium, den Falter, eigene Regeln aufzustellen, so scheinbar altmodisch sie auch sein mögen. Die Rückbesinnung auf die Wurzeln des alternativen Stadtmagazins ist ja per se nichts Schlechtes.

Im Gegenteil: die aktuelle Graphik/Layout-Reform, die sich stark an entsprechenden Vorbildern aus den 70/80ern orientiert, ist ein symbolisch äußerst klares Zeichen (und das nicht nur, weil ich der Minderheiten-Meinung anhänge, der neue Falter wäre optisch ausgesprochen gelungen). Auch der indirekte Verweis auf den bereits erwähnten Redakteur der Neuen Zürcher Zeitung (der im übrigen richtig "Redaktor" hieße, in der Schweiz schreibt sich dieses Wort ganz ohne EU), dessen Überprüfung einen Text erst glaubhaft mache, ist mehr als legitim.

 
 
Denn genau hier
  ortet Thurnher die Bruchlinie zwischen Journalismus in einem seriösen Medium (zB dem Falter) und der kruden Veröffentlichung in "dem Internet".

Über all das ließe sich trefflich diskutieren, wären zwei Voraussetzungen gegeben: zum einen eine differenzierte Ansprache der zentralen Themenstellungen. Solange Thurnher hier aus der Warte eines den Kulturpessimismus frontalvortragenden Professors beim Forum Alpbach agiert, wird das allerdings schwer möglich sein.

Die zweite Voraussetzung wäre das gelebte Beispiel innerhalb des ureigensten Hoheitsgebiets, nämlich im Falter.

Absurderweise findet sich in derselben Ausgabe aber ein redaktioneller Text, der die hehren Ansprüche des Chefredakteurs nicht nur nicht erfüllt, sondern sämtliche Parameter des hemmungslosen Weblogismus erfüllt - und somit auf Seite 43 alles unterläuft, was der Chef auf Seite 5 für sich und das Seine in Anspruch nimmt.
 
 
 
Dort reagiert
  nämlich der Humorist Tex Rubinowitz in einem als Portrait, also als redaktionellen Beitrag ausgewiesenem Text, auf ein kürzlich erschienenes Weblog mit dem Titel: "Vorurteil ohne Stolz. Ein paar Worte zum neuen Style-Magazin FAQ."

Mein Thema ebendort war folgendes: warum es mir nicht möglich schien, die angesprochene Zeitschrift auch nur halbwegs objektiv durchzusehen, weil sich im Vorfeld große Vorurteile dem Chefredakteur gegenüber angesammelt hatten - die wiederum viel mit einer misslungenen Lesung anlässlich einer viel zu früh rausgeschossenen Hansi-Lang-Biografie zu tun hatten. Das alles geschieht, wie es sich für einen anständigen Blog gehört, auf hochpersönliche, das Ego mehrmals decouvrierende Art und Weise.

Thurnher nennt die Blogs "egomanische Ich-AGs", ich nenne sie klassisches Geschichtenerzählen, das jedermann zugängliche Äquivalent zum Autoren-Kino. Diese Themenstellung benötigt nichts außer einer plastischen Beschreibung von Erlebtem und der offenen Zurschaustellung von Gedanken. Alles im von Thurnher geforderten Bereich der Bekenntnis zu Grundsätzen.

So funktioniert die Weblogik.

 
 
Die von Rubinowitz
  - mittels des hübsch altbackenen Kerl-Ausdrucks - "nicht Manns genug Sein" angemäkelte Tatsache den Betreffenden nicht mit diesen niedergeschriebenen Gedanken zu konfrontieren, missversteht das Selbstverständnis des Blogs. Es handelt sich dabei eben NICHT um eine vom bereits zweifach zitierten NZZ-Redaktor zu überprüfende, objektiv sein wollende oder gar müssende Geschichte klassischer Print-Prägung, sondern um eine Sondierung eigener Positionen im Rahmen einer im besten Fall glavinicistisch erzählten Geschichte und steht somit im Gegensatz zum dokumentarischen Thurnher/Falter-Verständnis des Mediums.

Den von ihm eingeforderten Parametern hingegen unterliegt Rubinowitz selber, solange er sich in einem von Thurnher so deutlich eingemahnten redaktionellen Umfeld des Falter bewegt. Wenn er einen feuerköpfig-wütenden Verteidigungs-Text des von mir (wie auch von Festival-Chef Hurch) vielleicht wirklich zu Unrecht gedissten jungen Mannes verfasst, dann hat der als Kommentar/Pamphlet oder gar Hohn/Spott/Satire jede Berechtigung.

Als redaktioneller Beitrag im Rahmen der Thurnherschen Anspruchs hat ein Text in dem Tiermetapher/Auslöschungs-Fantasien, Entlassungs-Anmahnungen (die anlässlich des unfreiwilligen Abschieds von Rubinowitz' Figur des Herrn Baumann aus "Willkommen Österreich" maximal psychologisch nachvollziehbar sind) unter Zuhilfenahme der aktuell in Printmedien wieder heftig geschwungenen ORF-Keule oder lustige Erfindungen (wie "ein hüftlanges, geflochtenes Zöpfchen", dessen Besitzer ich gewesen sein soll) umhergeistern, nichts verloren.
 
 
 
Aber:
  nicht Rubinowitz, der ja kein Journalist oder gar Mediendenker ist, hat da versagt - er hat einfach eine Stange Ärger abgestellt, etwas was im neuen Denken der Weblog-Welt völlig in Ordnung ist; von ihm als sich bewusst inszenierendem Weißclown der absurden Unangreifbarkeit, als Alf Poier der Dunklen Seite, kann man eine Einschätzung nicht erwarten, nicht verlangen.

Versagt hat der Falter bzw der von Thurnher ideell eingerichtete NZZ-Redaktor, der "den Tatbestand überprüft, ehe er ihn veröffentlicht". Denn nicht nur das ist nicht geschehen (es stimmen allzu viele allzu leicht nachzucheckende Fakten nicht), auch die Untergriff-Dichte ist für einen Falter-Standards entsprechenden Artikel deutlich zu hoch.

 
 
Rubinowitz
  aberwitzige Anpatzerei ist also das Musterbeispiel für die Herangehensweise, die in "dem Internet" durchaus Usus ist - und dort auch kein gröberes Problem darstellt. Immerhin findet sie offen statt, ob sie das "das Gefühl für Qualität" bewahrt hat, obliegt durchaus einer privaten Beurteilung - eines allerdings ist sie aber definitiv nicht: das, was der Kommentar von Thurnher als Gegenposition seines Mediums zu all den dreisten Schleißigkeiten "des Internet" einfordert.

Rubinowitz ist nicht anderes als "der Inder" seines Mediums, eine Figur, die Thurnhers Ideal, dem NZZ-Redaktor durchgeschlüpft ist. Das vielleicht auch deshalb, weil man sich selbst in der Zentrale des hehren Abwehrkampfs gegen die Grauslichkeiten des WorldWideWeb mittlerweile von den in der bereits verdorbenen Öffentlichkeit gepflogenen Standards der von der Event-Industrie gepriesenen Neo-Liederlichkeit hat anstecken lassen.
 
 
 
PS:
  eine notwendige Richtigstellung. Die Foren der FM4-Site unter den Berichten/Analysen nach dem Tod Jörg Haiders mussten keineswegs geschlossen werden, wie Thurnher das pauschal behauptet hat (auch hier wäre ein NZZ-Redaktor hilfreich gewesen...). Und zwar deshalb, weil die Diskussion in den FM4-Foren genug Anstand und auch Qualität besaß - das ist wiederum eine Frage der politischen Bildung, die ein Medium seinem User angedeihen lässt.
Und hier ist "das Internet" - allein wegen der Möglichkeit des direkten Kontakts mit dem User/Leser/Hörer/Seher - den alten Medien deutlich überlegen. Das klappt dann, wenn man sie so ernst nimmt wie sich selber.

Anbei die Belege:
http://fm4.orf.at/station/224385/
http://fm4.orf.at/connected/224398/
http://fm4.orf.at/blumenau/224406/
http://fm4.orf.at/rotifer/224762/

 
 
Ein PPS noch
  zu einem der zahlreichen Fehler in der Rubinowitz-Geschichte: es gibt ihn keinesfalls, den dort erwähnten "täglichen Weblog". Der erscheint als Projekt bekanntermaßen immer nur in ungeraden Jahren, startet also Anfang/Mitte Jänner, zeitgleich mit dem kleinen Relaunch der fm4.orf.at-Website.
 
 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick