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Wien | 22.12.2008 | 15:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Das Fußball-Journal 08. Eintrag 66.
  Wie politischer Wille Austria Kärnten ins Aus schickt.
 
 
 
Die Abstiegsfrage ist gelöst!
 
Altach kann aufatmen, Mattersburg die Trainer-Debatte einstellen und Kapfenberg getrost für 2010 planen - mit heutigem Datum hat sich die Abstiegsfrage auf dem grünen Tisch geklärt.
Sofern es nicht noch wilde hakenschlagende Umstürze im Verein gibt oder einzelne Proponenten zu Kreuze kriechen und nochmal die Parteifarbe wechseln, wurden heute die Weichen dafür gestellt, dass Austria Kärnten die Lizenzauflagen für die Saison 2009/10 nicht erfüllen können wird.

Denn: heute hat die FPÖ ihren Spitzenkandidaten für die Landtagswahl im März präsentiert. Es ist der von Jörg Haider als Präsident bei Austria Kärnten eingesetzte Mario Canori.

Das bedeutet, dass Austria Kärnten massiv in den Landtagswahlkampf hineingezogen - und dort wohl zerrieben wird.

 
 
Machtkampf BZÖ vs FPÖ
 
Im Vorfeld hatte FPÖ-Chef Strache ja bereits andersweitig gestichelt. Er hatte verlautbart Gespräche mit der Witwe des jüngst zu Tode gekommenen Landeshauptmanns führen zu wollen, um sie zu einer Kandidatur zu überreden.
Dagegen ist die Verpflichtung von Canori, der bis heute früh noch BZÖ-Mitglied war, und extra für die Bekanntgabe ausgetreten ist, ja nur eine vergleichsweise kleine Provokation.

Die Folgen können trotzdem verheerend sein.
Denn diese Bekanntgabe ist die Kriegserklärung auf Landesebene. Durfte sich das von Haider aus seiner eigenen FPÖ herausgelöste BZÖ bislang sicher fühlen in der heimatlichen Trutzburg Kärnten die einzige Kraft des dritten Lagers, die einzige rechtspopulistische Kraft zu sein (die FPÖ vegetiert bei 2%) geht die FPÖ jetzt daran, hier Prozente wegzuknabbern.

Einfach wird das nicht.
Canori, als dessen beste Qualifikation Kritiker die Trauzeugenschaft Jörg Haiders bei seiner Hochzeit sehen, ist ein Proponent des urbanen Flügels der Kärntner früherFPÖ-jetztBZÖ-Gesellschaft. Und steht damit in einem krassen Distinktions-Gegensatz zum Herrenbauern-Flügel der Brüder Scheuch, die die ländlichere/kleinstädtische Fraktion hinter sich haben.
Canori ist einer, der sich unter den Wörthersee-Schickies bewegt wie ein Fisch im Wasser - und fällt damit quasi über die Flanke ein wie ein Viktoria-Barsch.

 
 
Das Spezielle an dieser Situation
  ist jedoch, dass Canori ausschließlich durch Haider und daher seit seinem Bestehen von dessen BZÖ in seine Machtpositionen kam. Er war Klagenfurter Vizebürgermeister, wurde aber vor zwei Jahren entmachtet: als er "nur mehr" für die Kultur zuständig war, trat er zurück. Im Juni 07 holte ihn Jörg Haider als Präsidenten für das wichtige Renommiert-Projekt Austria Kärnten zurück.

Als Präsident des Vereins (dessen Aufsichtsrat eine Zeitlang Claudia Haider leitete) war es seine Hauptaufgabe zwei Termine im Auge zu behalten - die Euro 08 (die Haider und Kärnten aufgrund der Auslosung mit Polen und Kroaten nicht die erhofften Bonuspunkte brachte - Russen oder Franzosen wären willkommener gewesen...) samt Stadion-Neu/Um- und schließlich Rückbau zum einen und die Landtagswahl im März 09 zum anderen.

Bis dahin sollte sich der Verein stabilisieren und so dem Vater der Operation wichtige Imagepunkte bringen.
Der Vater war, wie immer, Jörg Haider, der dem völlig maroden Kärntner Fußball (sein erstes Projekt, das Vehikel FC Kärnten war gerade hochgradig gescheitert) ein neues Spielzeug kaufte: den zum Verkauf dastehenden FC Pasching, das Spielzeug eines anderen Gutsherren.

Unter dubiosen Umständen und - nach den aus diesem Fall heraus präzisierten und nachgebesserten Richtlinien heute gar nicht mehr möglichen - Seltsamkeiten brauchte der Retortenclub eine ganze Menge an technischem und finanziellem Rüstzeug um in der Bundesliga zu bestehen.

Die mag von außen wie eine Kasperlliga wirken - so lässig aus der Portokassa, wie sich das so mancher Gutsherr vorstellt, geht es dann aber doch nicht mit der Führung eines komplexen Spartenbetriebs.

 
 
Der Austria Kärnten
  mangelt es jedenfalls heute noch an Basis-Infrastruktur, an einem sportlichen Masterplan sowieso und natürlich auch an verständigem Personal.
Dabei tat sich Präsident Canori unter anderen als jemand hervor, der aufgrund völliger Unkenntnis des Betriebs und der Spieler einige Kandidaten vertrieb. Auch einen Sportdirektor hielt der Präsident (der sich selber offen keinen Fachverstand zubilligt) ganz öffentlich für unnötig.

Überraschenderweise verstand es Trainer Frenk Schinkels in einer gewaltigen Kraftanstrengung den Verein im gesicherten Mittelfeld zu platzieren - da konnten die zahllosen allesamt auf Nicht-Management zurückzuführenden Spielausfälle und -verschiebungen, die katastrophalen Trainingsbedingungen und ununterbrochene Budget-Unsicherheiten nichts ausrichten.

All das ist jetzt allerdings in allergrößter Gefahr.
Denn mit seiner Kehrtwende, seiner vom BZÖ als Desertation gewerteten Übertritt zum "Erzfeind" FPÖ setzt Canori die Zukunft des ihm überantworteten Vereins aufs Spiel.

Der war bislang von Geldern abhängig, die in den Lizenzierungsverfahren im letzten Moment auftauchten und den immer knapp am Aus balancierenden Retorten-Verein retteten. Die kamen von "anonymen" Spendern oder Banken im politischen Einflussgebiet (wie der Hypo Alpe Adria) - wurden also allesamt vom Chef persönlich angeleiert und aufgestellt. Darauf konnte man sich bislang felsenfest verlassen.

 
 
Mit Haiders Tod,
  den aufbrechenden Diadochen-Kämpfen und der neuen Lust der FPÖ in eine geschwächte Feind-Organisation hineinzuoperieren, wurde die Position von Austria Kärnten geschwächt. Eben, weil dieses Renommier-Projekt eher die Schicki-Szene ansprach, die im neuen Machtzentrum des Landes (rund um die Herrenbauern) nicht soviel Bedeutung hatte wie davor.

Das gibt Canori auch als Mitgrund für seine Austritt und seine Kandidatur beim "Feind" an: es habe ihn die "Teilnahmslosigkeit des BZÖ gegenüber dem Fußballklub Austria Kärnten, der ja auch ein Erbe Haiders sei, gestört."
Zuletzt war das anlässlich der Strukturprobleme rund um den Vorgänger-Versuch, den FC Kärnten, klar ersichtlich.

Mit Canoris Paukenschlag ist nicht nur der Landtags-Wahlkampf, sondern auch der Machtkampf um den Prestige-Verein eröffnet.
Das, was eigentlich Haiders BZÖ dienen sollte (die gute Performance von Schinkels Verein), dient nun eventuell der aus dem fernen Strache-Wien dirigierten neuen FP-Spitze rund um den publicityerfahrenen Canori - das wird die Landeshauptmann-Partei nicht hinnehmen.
Da der Hauptsponsor der vom Land und seiner BZÖ-geführten Regierung kontrollierte Energieversorger KELAG ist, sind die Möglichkeiten der Gegenmaßnahmen unbegrenzt.

Da es einen Begriff wie Nachhaltigkeit im Instrumentarium der beiden rechtspopulistischen Parteien praktisch nicht gibt, und es beim Kauf der Bundesliga-Lizenz um die kurzfristigen Ziele 08 und 09 ging, ist es der aktuellen Landesführung moralisch ein Leichtes das Projekt auch wieder zu beenden.

 
 
Es gibt also drei Szenarios
  für das Austria Kärnten-Frühjahr.
Es stehen zwar vor dem Wahltermin nur drei Spiele an, trotzdem werden beide Fraktionen wohl um die Kontrolle über den Verein kämpfen.

Szenario 1: das BZÖ wirds Canori als Präsidenten so schnell wie möglich (am besten noch über die Feiertage) los und stellt seinerseits einen der Öffentlichkeit bekannten Mann an die Spitze des Vereins.

Szenario 2: das BZÖ kriegt Canori aus juristischen Gründen nicht los, schnürt den Verein aber finanziell ein, stellt womöglich Kredite fällig und treibt ihn so das gesamte Frühjahr vor sich her.

Ob Austria Kärnten eines dieser Szenarien überlebt, hängt stark vom Ausgang des Landtagswahlen ab - und auch davon, wer sich schließlich personell durchsetzt. Werden das die Gegner der Schicki-Micki-Szene sein, dann wird die Austria geopfert werden. Dass man jetzt bereits Zusagen/Verträge für die nächste Saison habe, wird in einem Umfeld, in dem Zugehörigkeiten nichts gelten, nichts nützen.

Wäre Jörg Haider der unberechenbare Taktieren am Leben, würde es eine Unzahl anderer möglicher Szenarien geben. In seinem Nachfeld jedoch ist das (auch aufgrund der hier angeführten versäumten Ausbildung möglicher Nachfolger) weniger wahrscheinlich.

Bleibt Szenario 3: der Streit über den Fußball-Verein führt zu einer Wiederannäherung und Wiedervereinigung. Aber auch das wird auf dem Rücken des Vereins stattfinden.

 
 
Kärnten-Coach Frenk Schinkels
  hat die politischen Implikationen bislang im übrigen immer als normal und auch nicht anders gelagert als anderswo abgetan und sich auf die politische Ausrichtung seiner Chefs angesprochen gerne als ahnungsloser "Ausländer" (ein Schmäh: der gebürtige Holländer ist längst Österreicher) getarnt.

Die immer schon prekäre Situation in einem Verein arbeiten zu müssen, der direkt einem politischen System (und damit auch dessen Labilität) unterstellt ist, hat sich mit heutigen Datum zu einem GAU für den Verein ausgewachsen. Es zahlt sich in den seltensten Fällen aus Tatsachen wegzublenden oder Strukturen zu "übersehen", vor allem, wenn man in einem Bereich arbeitet, der Nachhaltigkeit bedingt - wie im Fußball.

Ich bin schon auf Schinkels neuerliche Ausreden gespannt. Und auch darauf, ob sich wenigstens ein paar der vielen und umfangreichen Sportseiten im Print- und im Web-Bereich traut die Sache zu thematisieren.
Die Reaktionen dort bislang: Null.
Man wird sich sinnvollerweise hier kundig machen müssen.

 
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