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Wien | 2.1.2009 | 15:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Acht, Neun, Zehn. Ideen nach dem Jahreswechsel. 1.
 
 
 
 
A Period of Transition - über die Übergangszeit.
 
Ich gebe zu: Für mich hat dieses seltsame Jahrzehnt, dieses hilflos Nuller-Jahre genannte Ding, erstmals ein Gesicht. Denn während in den 70ern ganz klar war, worin man sich gerade bewegte, während es in den 80ern zwar auseinanderklaffte, aber auch noch ein rundes Bild ergab, und während man in den 90ern zumindest noch das Grundgefühl eines zerrissenen Post-post-Jahrzehnts in sich trug, hatte es die Zeit nach dem Jahrtausendwechsel geschickt geschafft, unetikettiert über die Runden zu kommen.

Das hat sich in den letzten Monaten von 08 gedreht. Denn plötzlich ergibt die Klammer von 9-11 (2001) und dem börsenschwarzen September, der das, was man gemeinhin die Finanzkrise nennt losgetreten hat, 2008 sowas wie einen Sinn.

Man hat dieses Jahrzehnt auf Pump gelebt, nicht nur ökonomisch - auch sonst (politisch wie gesellschaftlich) war das meiste geborgt, imaginiert oder herbeikonstruiert. Denn vieles, was ansteht, macht vielen Probleme - also behilft man sich mit Abwehrhaltungen und prolongiert in verzweifelter Künstlichkeit Vergangenes.

 Ein Hinweis in eigener Sache: 2009 wird es wieder ein tägliches Journal geben, ja, sicher.
Allerdings erst ab Mitte Jänner, zeitgleich mit dem Relaunch der FM4-Website - das macht rein technisch sonst keinen Sinn.
Die Zeit bis dahin wird diese kleine Reihe überbrücken.
 
 
Auf Pump gelebt.
 
Der böse Kabarettist Dieter Nuhr hatte in seinem Jahresrückblick gemeint, dass die Administration Bush letztlich ein Projekt der Friedenssicherung gewesen wäre; und zwar schlicht deswegen, weil sich die USA künftige Militäreinsätze oder gar Kriege finanziell nicht mehr leisten können, sogar mittelfristig.

Darin steckt nicht nur ein wahrer Kern, letztlich haben die verdumpfenden Bush-Jahre tatsächlich auch mitgeholfen anderswo Ressourcen zu verbrennen, die eh keiner wirklich will. Große Projekte wie "Greed" oder "Kraft durch sich-Blödstellen" (weil jede intellektuelle Anstrengung die natürlich kostet, und jeder, der womöglich nachhaltig denkt, im Aktionsnachteil ist), das riesenhafte Projekt des gesellschaftlichen Neoliberalismus in seiner Raubtierausprägung oder auch die in der Folge von 9-11 aufgetretene Volksseuche der Weltverschörungs-Theorie sind abgewrackte Ex-Spieler auf dem Feld der zeitgemäßen Wahrnehmung; sie sehen sehr alt und sehr gestrig aus.

Das alles hat wiederum sehr stark mit der größten Veränderung zu tun, die die globalisierte (also letztlich bereits unabsichtlich vereinigte) Welt gerade durchläuft: der völligen Neuorientierung menschlicher Kommunikation.

 
 
Das Ende des Medienzeitalters.
 
Eigentlich hatte man es bereits in den 90ern ausgerufen, das sogenannte Medienzeitalter, wirklich aufgeblüht war es aber erst in den sogenannten Nullern. Und während die, die sich in der alten Weltordnung so fest eingerichtet haben, dass sie immer noch damit beschäftigt sind genau das als das Böse zu bekämpfen, sich in diesem virtuellen Abwehrkampf zerfransen, hat es sich bereits verpuppt und in ein Kommunikationszeitalter transformiert.

Wichtig sind nämlich nicht mehr "die Medien" (denn da gilt und geht mittlerweile einfach alles), sondern die Fähigkeit die relevanten Informationen (die Macht bedeuten) entsprechend zu platzieren. Der entscheidende Faktor ist mittlerweile die geschickte Diversifikation der Ausspielwege, der richtige Umgang mit dem Gesamtangebot.
Das hängt zwar auch mit der (mittlerweile auch die sogenannte dritte Welt schon recht kräftig) allumfassenden Digitalisierung des Planeten und dem aktuellen Stand (dem vielzitierten Web 2.0) zusammen - es bedingt aber vor allem das Verständnis dieser völlig veränderten Kommunikationskultur; und ist deshalb keine Frage der Technik, sondern eine des Verstands.

Insofern ist die Bush-Administration auch in diesem Fall das ideale Beispiel für den gestrigen Umgang damit: Ein Frontal-Vortrag, noch dazu ein schwachbrüstiger, der sich auf fundamentalistische Werte verlässt und dabei im direkten Duell mit einem diesbezüglich wesentlich fitterem, und auch dooferweise selbstkonstruiertem Gegner (der Al-Kaida) ganz alt aussieht.
Und im Gegensatz dazu: die Hoffnung auf das neue Obama-Zeitlater, das erstmals nach langer Zeit offensiv auf Innehalten, Denken, Abwägen und Ideen setzen wird.

 
 
Und die Partizipation, natürlich.
  Die zeigt wo der Hase im Pfeffer sitzt.

Denn einerseits ist sie das Gegenmodell zu den dumpfen Bush-Jahren (die man mit den dumpfen Schröder/Merkel-Jahren oder hierzulande mit den dumpfen Streit-Koalitions-Jahren teilweise gleichsetzen kann) und somit ein leuchtender Streif am Demokratie-Horizont.
Zudem ist sie das perfekte Zugeständnis an die neue digitale Bürgerlichkeit, die den Schein der Mitbestimmung mehr schätzt als deren Realität.

Per se rein positiv ist das natürlich nicht.
Denn sowohl Meister der Campagnisierung als auch die Erfinder der rechten Avantgarde (dazu mehr im nächsten Teil von Acht, Neun, Zehn) haben bereits deutlich belegt, dass sie auch mit diesem Tool umgehen können.
Technik hat noch niemals bedeutet, dass Manipulation oder Verdummung dadurch abgeschafft werden. Und Populisten sind die ersten, die sich einer frischen Technologie so bedienen, dass ihre Bauernfänger-Talente darin aufgehen.

Und wie fragil die scheinbar so gesettelten westlichen Gesellschaften sind, hat ein anderes wichtiges Ereignis im Winter 08 deutlich vorgeführt: Wo die Riots in den französischen Banlieus noch deutlich speziellen Milieus zuordenbar und deswegen auch bekämpf- und eindämmbar waren, ist der kleine griechische Volksaufstand etwas, womit niemand richtig umgehen kann.

 
 
Vorbild Griechenland.
 
Dort zeigt eine bislang für völlig abstrus gehaltene Koalition von gesellschaftlichen Verlierer-Gruppen prototypisch vor, dass sich eine dämlich agierende politisch/ökonomische Machtblase ganz flott in eine Zwickmühle der Unentrinnbarkeit reinmanövrieren kann. Wer lange alles tut, um sein Bildungssystem zu versaubeuteln, wer der Perspektivlosigkeit für fast alle Jungen (wurscht welcher gesellschaftlichen Klasse) ein korruptes Herrschaftssystem gegenüberstellt, wer noch dazu seine faschistische Geschichte nie wirklich aufgearbeitet hat, der reitet sehenden Auges in die Scheiße.

Der deutsche Autor der letzten Jahre, Dietmar Dath, hat unlängst in der Zeit ein spaßiges Szenario mit einem wahren Kern entworfen: wie nämlich Deutschland in ein paar wenigen Schritten einer Revolution anheimfällt.

Da (in der Fiktion) wie dort (in der griechischen Realität) ist es so, dass die Kommunikationswege zwischen den Anschaffern und den Rezipienten verstopft sind - man spricht zunehmend nicht nur nicht dieselbe Sprache, man erreicht einander auch gar nicht mehr.
Das ist wie bei einem Fernseher, der ohne Ton läuft: man sieht zwar möglicherweise die Emotion des jeweiligen Sprechers, bekommt inhaltlich aber gar nichts mehr mit.

 
 
Das Ende der Ideologien
  (nach der Implosion der Fiktion des märktregulierenden Kapitalismus) ist derzeit also auch deswegen ein größeres Problem als erwartet, weil es mit einer völligen Verschiebung der Welt-Kommunikation einhergeht. Und weil beides eine gewisse "Anything Goes"-Mentalität anschiebt (die in den Nullern der Ära Bush ein wenig verschüttet war, sich ein wenig derangiert und zerrieben hinten angestellt hat) herrscht in dieser Period of Transition, der angesprochenen Übergangszeit zur umfassend durchdigitalisierten Welt gar viel an babylonischer Begriffsverwirrung.

Natürlich gab es das immer schon: die Bremser-Generation, die die Nachdränger weghalten wollte. Bloß war die noch nie so chancenlos wie heute - kein ideologisches Gerüst, kein Herrschaftswissen schützt die aktuelle Nomenklatura davor sich der neuen Welt anpassen zu müssen.

Ich bin im übrigen davon überzeugt, dass das was nachkommt inhaltlich keinen großen Unterschied/Fortschritt machen/bringen wird. Es wird nur einfacher werden, in den Zehner-Jahren dann, weil man zumindest wieder eine einheitliche Sprache sprechen wird.

Der Übergangszeit der Nuller-Jahre, die von Optimisten derzeit als neues Fin de Siecle ge'fileunder't wird (nur weil am Golf derzeit ein paar dekadente Hyperluxus-Spaßettln abgehen), droht hingegen eine historische Nebenrolle.

 
 
Demnächst bei "Acht, Neun, Zehn. Ideen nach dem Jahreswechsel".
  Die rechte Avantgarde in der Republik der Neffen. Österreich als Vorreiter.
 
 
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