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Wien | 30.12.2008 | 15:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Rewind 08: Best of TV-Series, Teil 2.
 
 
 
 
Die Top Ten der Fernsehserien von '08.
  immer noch streng objektiv. Und immer noch nur das, was ich sehen konnte - und ich schau keine Serien auf DVD, so fast aus Prinzip.

Teil 2: Platz 5 bis 1.

Nicht dabei: "How I met your Mother" - obwohl es womöglich die beste klassische Sitcom unserer Tage ist, keine Frage. Auch nicht "Eli Stone": gute Grundidee, aber dann kommt halt zu wenig. Auch nicht "Resuce Me", das ist mir dramaturgisch zu holprig - auch wenn ich es gern sehe und gern drüber lache.

Und: sorry an alle, die persönlich beleidigt sind, dass ich Californication nicht für Top5-würdig gehalten habe und es somit "nur" hier in Teil 1 vorkam - das hat wohl mit dem politischeren Zugang der heute vorkommenden Reihen zu tun.
Ist ja schließlich alles streng objektiv hier.

 
 
Platz 5: Criminal Intent (NYC).
 
Das bezieht sich auf die Folgen dieser klassischen Detectives-Serie (und Spin-Offs des eigentlich schrecklichen Law & Order-Reihe) mit dem Ermittler-Paar Goram & Eames. Und da eigentlich wieder letztlich auf den von Vincent D'Onofrio gespielten Bobby Goren.

Der ist über die Jahre hin zu einer erratischen Figur geworden, einem Momument der Nuller Jahre. Der von D'Onofrio in körperlich beklemmender Eindringlichkeit gespielte Detective Goren ist eine der großen Klammern dieses Jahrzehnts, seit seinem Erstauftritt 2001, bis zu seinen wahrscheinlich letzten Zuckungen 2009 (wohl wieder im ORF zu sehen).

Er zeichnet eine Studie des moralischen Verfalls, der in erster Linie über seinen Körper sichtbar wird. Der immer schon als "spooky" angelegte Charakter des Goren (der nahe am Asperger-Syndrom gebaut ist) hat sich im letzten Jahr (vor allem in der 7. Staffel) zunehmend in Richtung Schizophrenie entwickelt. War Goren zu Beginn ein Profiler, der aufgrund seiner Fähigkeit um die Ecke zu denken verblüffte und sich so erbitterte Kämpfe mit fast gleichwertigen Rivalen lieferte (die Goran-Duelle mit dem grandiosen Nicole Wallace-Charakter gehören zum besten des Genres) wurden die Fälle in den letzten Jahren immer mehr zu Kommentaren zum Zeitgeschehen, durch die Goran mehr taumelt als das er sie kontrolliert.

Ich halte die von D'Onofrio kontrollierte Figur des Goren für einen der großen künstlerischen Kommentare zur Bush-Ära, die große Teile des Landes und der Gesellschaft in gleicher Weise verheert hat.

 bobby
 
 
Platz 4: CSI (Las Vegas)
 
Was bei Criminal Intent an einem Einzel-Charakter durchgespielt wird, schafft das CSI-Erfinderteam rund um Anthony Zuiker der letzten Season (in den USA lief die im Frühjahr, bei uns jüngst) gleich für eine ganze Reihe.

Die 8. Staffel zeigt das komplette Zusammenbrechen eines Gefüges, das seit dem Start der Reihe im Jahr 2000 systematisch gewachsen ist und trotz eines scheinbar festen inneren Zusammenhalts nichts mehr funktionieren kann. Und das war mehr, als nach dem diesbezüglich schon erschütternden lethal endenden Gastbeitrag von Liev Schreiber in Staffel 7 noch zu erwarten war.

Die von außen einwirkenden Kräfte der Zerstörung sind stärker als die innere Koheränz eines Teams - auch das ist nichts anderes als die finale Bilanz der Bush-Jahre: innere Leere, Ausgebranntheit und Kraftlosigkeit.

Der komplette Burn-Out des Sarah Sidle-Charakters, das langsame Abgleiten des Warwick-Charakters in die pure Selbstzerstörung, das Abstumpfen des gebrochenen Stokes-Charakters und vor allem der Rückzug von CSI-Laborchef Grissom in eine unrettbare innere Emigration gehen weit über das sonst in Serien Mögliche und Übliche hinaus. Die Langsamkeit und die Unerbittlichkeit mit der dieses Abdriften gezeigt wird, sind durchaus unique.

 Sara & Gil
 
 
  Andere gute Reihen wie House gehen in ihrem politischen Engagement durchaus weit: man baut Text-Referenzen ein oder lässt eine der Protagonistinnen (die von Existenzängsten geplagte "13") auf einem Klo vor einem "Change 08"-Wahlpickerl verzweifeln um den Zusammenbruch einer Werte-Gemeinschaft zu verdeutlichen. Der CSI-Cast hingegen hat die gesamte Entwicklung bis in seine Privatleben hinein verinnerlicht und reagiert (teilweise) entsprechend: mit Aufgabe, der durch die völlige Zerrüttung der Persönlichkeit angezeigt wird.

Dass in der nächsten Season (bei uns 2009 zu sehen, ORF bzw RTL)) Grissom von einer Lichtgestalt wie Lawrence Fishbourne beerbt wird, stand schon fest bevor Obamas Kandidatur durch war. Es kommt trotzdem wie ein Fingerzeig des Schicksals rüber.

 gil & sara
 
 
Platz 3: Sleeper Cell (L.A.)
 
Es ist ein Skandal.
Es ist ein Skandal, dass niemand imstande war, Sleeper Cell, die fantastische US-Serie aus den Jahren 05/06 rechtzeitig einer deutschsprachigen Aufführung zuzuführen. Erst 2008 lief dieser Geniestreich praktisch unter Ausschluß der Öffentlichkeit auf RTL2.

Sleeper Cell ist die intelligentest mögliche Aufarbeitung am Fanal 9-11, und die einzige mir bekannte Auseinandersetzung mit dem Islam.
Sleeper Cell ist die Antithese zu Kiefer Sutherlands sukzessiver Verblödung durch die prinzipiell einmal gut gewesene Grundidee von 24, wo Folter und Nixcheckenwollen die Antriebsmotoren einer aus den Fugen geratenen US-Gesellschaft darstellen.

Sleeper Cell erzählt die Geschichte des FBI-Undercover-Agenten Darwyn Al-Sayeed. Darwyn ist schwarz und er ist Moslem, und zwar ein Glaubender, einer ders ernst nimmt.
Darwyn schafft es in eine Terrorzelle reinzukommen, die einen verheerenden Anschlag plant. Soweit der - simple - Plot.

Ab da ist jede einzelne Folge eine Achterbahn der permanenten Werteverschiebung bzw Religions- oder Moral-Debatte und somit die publizistisch seriöseste Abarbeitung eines ultrakomplexen Themas. Niemand ist per se böse oder verrückt. Alle Protagonisten, von den wechselnden FBI-Führungsoffizieren bis zu den Zellenmitgliedern und ihren gefinkelt ausgearbeiteteten Biografien bis hin zum Zellenchef Faris, haben ihre Beweggründe und sind so gesehen auf der richtigen Seite unterwegs.

Diese "Inside-Vision" - denn die Handlung spielt zumeist in der Zelle, die Mehrzahl der Gespräche dreht sich um Beweggründe und Ursachen der Attentäter - bildet mehr und besseres Bewußtsein als hundert bemühte Dokus zum Thema. Allein die Geschichte des bosnischen Mujahedin Ilija erzählt mehr über die Auswirkungen des Bosnien-Kriegs als noch so gute Kommentierungen Außenstehender.

 faris & darwyn
 
 
  Die Zerissenheit der Hauptfigur Darwyn (zwischen seinem Glauben und seiner Berufung) äußert sich in praktisch jeder Szene. Sleeper Cell ist eine manchmal körperlich anstrengende Tour de Force durch die Unentwirrbarkeit dessen, was man in diesem Jahrzehnt den "War on Terror" nennt, die Reihe rüttelt alle Positionen durch, selbst dem gnadenlosen Faris, der selbst seine kleine Tochter bereits zu drillen beginnt, kann man nicht haßerfüllt gegenüberstehen.

Sleeper Cell funktioniert ähnlich wie Syriana oder vergleichbare Filme, verknüpft Geschehnisse in Saudi-Arabien oder Guantanamo mit dem Plot in L.A. und greiftv auch tief nach Europa, präsentiert holländische oder deutsche Positionen ebenso wie die Auswirkungen des Balkan-Konflikts. Und zwar so realtitätsnahe wie möglich - für eine TV-Reihe bislang einzigartig.

Meine Lieblingsszene ist die als in der 1. Staffel die perfekt vorbereiteten Zellen-Mitglieder ihre letzte Nacht vor dem geplanten Attentat nochmal draußen in der Welt verbringen dürfen. Der immer von einer dunklen Wolke umhangene Ilija geht in eine Karaoke-Bar und singt dort eine sehr traurige Version seines LIeblingsstücks: I Left My Wallet In El Segundo von A Tribe Called Quest. Besser kann man's nicht auf den Punkt bringen - die Kultur, die einen einerseits fasziniert, die man sogar liebt und eben gleichzeitig attackiert und haßt.

Sleeper Cell wurde nach 2. Staffeln eingestellt. Das (eng gesteckte) Topic war vielleicht ohnehin ausgereizt.

 Iliya & Darwyn
 
 
Platz 2: Dexter (Miami)
 
Ich hasse CSI Miami und den vor Selbstgefälligkeit triefenden Todesstrafen-Junkie Horatio Caine. Ich hasse Nip/Tuck und die schnittige Oberfläche der dortigen "Probleme". Ich hasse womöglich Miami, und zwar weil die Stadt dank solcher und anderer filmischer aber auch musikalischer Darstellungen (auch in Miami Vice, klar) und Zuschreibungen stetig rüberkommt wie ein grindiger Zuhälter.

Ich liebe Dexters Miami. Dort schwitzen die Menschen sichtbar, dort sind die Schwestern zwar langbeinig, haben aber (wunderbare) schiefe Gesichter, dort sehen die scheuen Verlobten aus wie Heather Brooke, dort regiert die Verstörung und die leise Bedeutungslosigkeit des amerikanischen Provinz-Alltags.

Dexter ist die logische Wahl für die beste neue Serie: fantastische Anfangssequenz, grandioser Cast, umwerfender Hauptdarsteller (Michael C. Hall aus 6FU), Rückgriff auf eine lange nicht mehr gebrauchte Erzählweise (der innere Monolog war wohl in den 70ern zuletzt wirklich chic) und natürlich die verblüffende Verwendung von Farbe.
Dexter geht damit so um wie ein Grafiker, der mittels extra herausgehobener Schmuckfarbe Stimmungen betont. Und da das hier - im Gegensatz zum schon einmal angesprochenen Pushing Daisies - immer auch inhaltlichen Sinn ergibt (anstatt nur vorzuzeigen was man halt so handwerklich kann), erfüllt Dexter alles, was man von einer langen Erzählstrecke erwarten kann, soll und muss.

Mich stören nur ein paar Mikro-Details: etwa der ein wenig abrupte Übergang von den Vater-orientierten Rückblenden und der ein-Mord-pro-Folge-Dramaturgie zur alles beherrschenden Jagd nach dem (letztendlich brüderlichem) Kühllaster-Killer. Klar waren da bei der Original-Ausstrahlung einige Monate Abstand - ich vermute da trotzdem sowas wie Zugeständnisse an Einflussnehmer.
Die 3. Staffel läuft seit Herbst in den USA, wird wohl demnächst auch zu uns kommen.

 dexter (&halfsister)
 
 
Platz 1: Kommissarin Lund (Kopenhagen)
  Irgendwann war Dogma, irgendwann war Lars von Trier und etwa auch seine Hospital-Serie. Und irgendwie ist seither klar, dass es in Dänemark eine Handwerksschule gibt, die das können muss: die filmische TV-Reihe.
2007 setzen das ein paar Leute um, unter dem Titel Forbrydelsen läuft eine skandinavische Co-Produktion an, die zum Straßenfeger wird. Im Herbst 2008 spielt das ZDF die 20 Teile (jeweils in Doppelfolgen) und zwingt mich in eine fast schon hysterisch zu nennende Abhängigkeit.

Kommissarin Lund ist ein sperriger Thriller, der es versteht den klassischen Whodunit im Laufe der von ihm verfolgten Ermittlungsarbeiten so weit in den Hintergrund zu drängen, wie das die großen Krimi-Klassiker (von Chandler abwärts) immer schon gerne unternommen haben. Bloß kommt bei diesem in Kopenhagen spielenden Fall nicht der Gründungsmythos amerikanischer Kultur oder der verschwörungstheoretisch aufgeladene große Kracher raus dabei, sondern ein intensives Sittenbild einer modernen Gesellschaft.

 lund
 
 
  Damit bewegt man sich in der direkten Nachfolge von englischen Geniestreichen wie Cracker mit Robbie Coltrane, wo Hintersinn und Düsternis wichtiger sind als Verfolgungsjagden oder auf Werbe-Pausen hingetrimmte Dramaturgie, und wo so etwas wie ein europäischer Geist durchs Setting weht, und uns via US-TV avisierte Dauerprobleme wie das nicht nachvollziehbare Dating-System oder die Todesstrafe eben keine Rolle spielen.

Kommissarin Lund ist ein Querschnitt durch die aktuellen (urbanen) Klassen, und fängt vor allem die politische Arbeit so ein, wie man es in den sonst klischeebehangenen oder überzeichnenden Filmen/Serien zum Thema noch nie gesehen hat.

Durch die massive Verstrickung des Kopenhagener Rathauses in den Mordfall Nanna Birk-Larsen bröckelt dort schnell die Oberfläche. Durch den Kunstgriff das ganze auch noch im Wahlkampf spielen zu lassen durchläuft die Dynamik ein tägliches Wechselbad. Die Innensichten der Partei des stark tatverdächtigen Troels Hartmann sind angenehm unaufgeregt und orientieren sich trotzdem recht nah an der Taktiererei und den Unabdingbarkeiten der Wirklichkeit.

Natürlich spielt die Politik und ihr Einfluss auch direkt in die polizeilichen Ermittlungsarbeiten rein. Da wird nicht "suspendiert", wenn es dem Drehbuch opportun erscheint um den in die Enge gedrängten Ermittler antreiben zu wollen, sondern dauereinflussgenommen, bei jedem über den offiziellen Rahmen hinausgehenden Vorstoß.

 hartmann
 
 
  Die vielen falschen Fährten der Anfangsphase nutzt die Serie, um Dinge wie die Verlogenheit der klassenfreien Gesellschaft oder die Migrations-Problematik anzusprechen. Der durch einen blöden Zufall verdächtige Vertrauenslehrer des Opfers ist nämlich auch ein Testimonial der Kampagne des Schulsenators (eben Hartmann) und der ist ja der frische Gegenkandidat zum alteingesessenen knöchern-konservativen Bürgermeister Bremer. Und die Birk-Larsen-Familie (der Vater ist ein besserer Spediteur) sind eben letztlich nur Mittelstands-Aufsteiger in einem großbürgerlichen Umfeld.

Ungewöhnlich ist auch, dass der Focus in Kommissarin Lund recht brutal auf die Hinterbliebenen gerichtet wird. Die Eltern des Teenager-Opfers, der Druck, der auf ihnen lastet, ihre krampfhaften Versuche wieder zurück in die Spur zu finden, ist ständiges Thema, ständiger Begleiter.

Und schließlich ist auch die Hauptfigur komplex gestrickt (und hat auch hier den handwerklich schwach umgesetzten Wallander-VerTVfilmungen einiges voraus): eine tendenziell die Dinge lieber zuschweigende Einzelgängerin, die sich verkrallt und Beziehung, Familie, geplanten Umzug etc schleifen läßt, den Fall zwar durch ihre Beharrlichkeit löst, aber nur verbrannte Erde hinterläßt.
Die Fortsetzung (die 2. Staffel soll 09 zu uns kommen, wohl wieder im ZDF, das einen sensationellen Zuschauererfolg verzeichnete) spielt dann folgerichtig in der Provinz, wohin sie versetzt wurde.

 lund & assi meyer
 
 
2009?
  Vielleicht kommt dann ja "Entourage" - hab ich noch nie gesehen oder "Breaking Bad" (nie gehört).
Oder es geht sich irgendwann endlich "The Wire" aus.
"30 Rock" ist ja bereits Fixtstarter. Wird sicher wild.

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