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Wien | 9.1.2009 | 15:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Acht, Neun, Zehn. Ideen nach dem Jahreswechsel. 3.
 
 
 
 
Die Krise des österreichischen Journalismus.
  Teil 1: Eine Branche, die einen zentralen Diskurs verlogen führt, agiert nicht gerade in moralischer Bestform.
 
 
 
1. Die strategische motivierte Schwächung
 
In der Ö1-Sendung "Im Klartext" war es am 17. 12. so, dass einer der Diskutanten selbigen sprach (und das kommt auch nicht so häufig vor, wie man meinen möchte): der Wiener Uni-Prof Fritz Hausjell thematisierte die Medienberichterstattung der Verlage (konkret: der Printmedien) und fand dabei Worte, die etwa den anwesenden Medienjournalisten Harald Fidler vom Standard (den als besten seiner Zunft gehandelten) zu einem sich ertappt fühlenden, gequälten Lächeln brachte.
Hausjell meinte nicht nur, dass die aktuelle Berichterstattung ein bewusstes Krankreden mit dem strategischen Ziel der Schwächung des ORF wäre (auf dessen Filetstücke die Verlage seit Jahren spitzen), er machte auch aus seiner Ansicht, dass die gesamte sogenannte Medien-Berichterstattung ausschließlich wirtschaftlichen Interessen dienen und keineswegs so etwas wie einen journalistischen Ethos besitzen würde, keinen Hehl.

Derlei ist natürlich kein rein österreichisches Phänomen: auch z.B. in deutschen Landen werden die Medienseiten hauptsächlich dazu genutzt um Konkurrenten anzupatzen - bloß findet dort (ganz nebenbei) auch so etwas wie Medien-Kritik statt, die ja durchaus notwendig ist.
Wer nämlich dauernd (und zurecht) nicht nur die tatsächliche Einführung von reeler politischer, sondern auch von umfassender medialer Bildung in den Schulen fordert, der kann an dieser (von Populisten gern und zuunrecht) als bloße Innensicht und reine Wixerei diffamierten Beschäftigung mit der eigenen Wirkung nicht vorübergehen.
Ohne Medienkunde (Wirkung, Handhabung etc.) wird der künftige Weltbürger nicht konkurrenzfähig sein können.

 Hausjell im OT:
"Die Verleger sollten sich reorientieren und bewusst machen, dass sie den Diskurs über den ORF hochgradig parteilich führen. Das ist eigentlich dem Journalismus, der sonst in den Qualitätsmedien praktiziert wird, nicht würdig. Da würde ich es gern sehen, dass der ORF sich besinnt und ein Stück dagegen arbeitet. Ich halte den ORF diesbezüglich für nobel zurückhaltend."
 
 
2. Innen- und Außensicht.
 
Der Kollege Robert Rotifer war über die Feiertage in Österreich (Familie, Konzerte etc.) und erzählte da am Rande von seiner Verwunderung über die Schere bei Außen- und Innenwahrnehmung der aktuellen Geschehnisse "im Haus". Würde er die Quellen, die er drüben in London anzapft (hauptsächlich den Standard-Etat) beim Wort nehmen, dann müsste hier eigentlich bereits alles in Trümmern liegen, so verheerend sei der Eindruck, der da vermittelt wird. Und für jemanden wie den Robert, der sich in ein paar Tagen Altheimat-Aufenthalt sehr wohl selber ein Bild über mediale und politische Aktualitäten machen kann, baue sich da eine durchaus seltsame Schere zwischen Außen- und Innensicht auf.

Das hat auch damit zu tun, dass es seit Jahren ORF-Politik ist der Kampagnisierung durch die Mitbewerber am Medienmarkt nicht frontal zu entgegnen, sondern sich damit zu begnügen punktuell zu antworten, also dann zu reagieren, wenn es sich um (nach ORF-Meinung) gar groben Unfug handelt. So etwas wie eine kontínuierliche Auseinandersetzung mit der Medienberichterstattung, oder gar eine ebensolche (etwa im Rahmen einer eigenen TV-Sendung) steht nicht an.


 
 
  Das ist einerseits natürlich richtig, weil es ja die Aufgabe des ORF als öffentlich-rechtliche Anstalt ist, für alle Teile der Gesellschaft gleichermaßen zu wirken - was neben einer Äquidistanz zu den Verlagen auch die Abwesenheit von Campaigning beeinhaltet.

Andererseits jedoch könnte man zur Ansicht gelangen, dass der Zeitpunkt zu dem das 3. Robotergesetz greift (wenn es also um eine bewusste und direkte Bedrohung der Existenz geht) bereits überschritten ist.

Ich möchte das mit der mittlerweile praktisch ausschließlich xenophob geführten sogenannten "Ausländer"-Debatte vergleichen: wer sich in Österreich "nobel" zurückzieht, um niemandem weh zu tun, gibt die Diskurs-Hoheit an die Populisten ab, die wiederum an so etwas wie einer ernsthaften Debatte genau gar nicht interessiert sind (was diese bereits an der Oberfläche abtötet).

Die Folge ist, dass die Diskurse durch reine Keulen ersetzt werden, die man schwingt um simple Reflexe zu erzeugen - egal ob es sich dabei um "Die Ausländer" oder zb eben "Den ORF" handelt.
 
 
 
3. Zum Beispiel Zapp
 
Im Nordeutschen Rundfunk zb gibt es ein Medien-Magazin. "Zapp" existiert wohl deshalb, weil die norddeutsch Mentalität Kritik zwar auch nicht mehr liebt als anderswo, sie jedoch als zulässig und notwendig erachtet.
Zapp sind die ersten (und leider auch einzigen), die nicht nur die Untaten der üblichen Verdächtigen (Bild&Springer, die alten SED-Seilschaften etc.) oder neuartigeren Irrsinn (zb die Heuschrecken-Übernahme der Berliner Zeitung - die aktuell mit der Pleite der Heuschrecke gütlich enden könnte) ebenso wie brachiale Machtspiele (den Konflikt der Hamburger Medien mit einer dort allmächtigen kosovarischen Mafia) covert, sondern auch interne Unzulänglichkeiten innerhalb der ARD-Anstalten aufblattelt. Die diversen langjährigen Skandale rund um die Radsport-Berichterstattung etwa hat Zapp aufgedeckt.

Ein Nord-Magazin wie Zapp, das sich mit Besitzer-Strukturen, Kampanisierungen, Medien-Strategien, ethischen Verstößen etc. auseinandersetzt, ist im Süden so gut wie unmöglich. Hierzulande wäre der politische Druck nicht zu halten. In der Republik der Neffen, in der die Onkel selber Betreiber bzw Interessensvertreter hinter den Medien sind, ist es für ein medienkritisches Programm praktisch unmöglich alle (zum Teil womöglich sogar berechtigten) Interessen abzuwägen.

Die einzige Variante an die ich mich erinnern kann, ein Medien-Magazin des konservativen Journalisten Kurt Tozzer, scheiterte letztlich genau an diesen Unverträglichkeiten.

Aus genau denselben Gründen sind die Medienseiten der Tagespresse zahnlos, vor allem was die Besitzer und Bundesgenossen betrifft, und leider nur pure Bedürfniserfüller strategischer Vorgaben derselben.
Opfer sind dabei die Konsumenten, denen journalistisch großteils Wertloses vorgesetzt wird.

 
 
4. Der Status Quo
 
Derzeit feiert der deutsche Kanal RTL seinen 25. Geburtstag, was zu einer Art Wirkungsschau Anlass bietet. Der Anspruch dessen, was in diesen 25 Jahren an Programmangebot gelegt wurde, ist erschreckend, der Erfolg bei den Menschen ebenso. Die wenigen Entsprechungen, die der ORF über die Jahre anbot (Quizshows, Casting-Shows...) nehmen sich da wie gezähmte Variationen aus, wie die H&M-Variante einer beknackten Alexander McQueen-Kollektion.

In einer Covergeschichte zum Thema listet die Kleine Zeitung aus dem stark ORF-kritischen Styria-Verlag die aktuellen Dezember-Marktanteile auf. ORF1+2 kommen auf 41,5%, die deutschen Privaten zusammen auf 25,2%, ATV hat 3,1%, ARD/ZDF 8,3% (der Unter 2%-Rest wird nicht angeführt).

Im aktuellen (ebenso ORF-kritischen) Der österreichische Journalist wird unter dem Titel "Mehr als Musikgedudel" der Stand der heimischen Radiolandschaft (in der die Relation ORF - Privat 73 - 24 beträgt) abgebildet. Die Erfolge der ORF-Webseiten setze ich als bekannt voraus.
Auf den Printsektor umgelegt sind das Zahlen, wie sie dort die Kronen-Zeitung hat.

Dazu kommt, dass der ORF-Generaldirektor, der vormalige kaufmännische Direktor des Unternehmens, in seinen Previews bereits Ende 07 (zu einem Zeitpunkt wo die wenigsten wussten wovon die Rede sein könnte) von einer "sehr wahrscheinlich auf uns zukommenden Finanzkrise" sprach, die er in seinen Projektionen bereits berücksichtigt hätte.

 
 
5. Outspoken.
 
Nun bin ich (auch aufgrund der glücklichen Lage, dass ich in einem von mir selber mitkonstruiertem Medium tätig bin) der wahrscheinlich letzte, der sich in durchsichtige PR-Aktionen einspannen lässt oder sich als abnickender nützlicher Idiot vor/hinter eine Sache stellt. Das hat viele Vorteile (den der geistigen Unabhängigkeit) aber auch z.B. den Nachteil, dass ich im Unternehmen selber als mit Vorsicht zu beobachtender Freigeist gelte, der unberechenbares Potential in sich birgt, weil er in vielerlei Hinsicht ein bisserl gar "outspoken" sei.

Ich kann sicher auch einen (oder zwei) Abende lang Geschichten drüber erzählen wie Dinge im Unternehmen nicht/nicht gut genug funktionieren, wo potentielle Problemzonen sind, und aus welchen Gründen (politischer, persönlicher, sonstiger) Natur da nichts unternommen wird.

Ich bin aber lange genug mit den Fähr- und Wirrnissen des Hauses beschäftigt um Entwicklungen zu erkennen, wie etwa die in der zentralen Frage der Repolitisierung der TV-Berichterstattung. Und an solchen Kriterien messe ich qualitatives Fortschreiten, nicht am Erfolg/Mißerfolg von Vorabend-Reihen.

Ich sehe in jedem Bereich im gesamten ORF Spielraum nach oben, aber ich sehe aktuell keinen einzigen Bereich (von den Zibs bis hin zum Teletext, von Radio oder den neuen Medien ganz zu schweigen) in dem die, die sich als Mitbewerber (auch im weiteren Sinn) verstehen, inhaltlich Paroli bieten können.
Ja, auch und vor allem bei Ö3 nicht (dazu später mehr).

 
 
6. Die These
 
Und genau das ist der Grund für meine Haupt-These.

Es ist nicht einmal nach Jahren des Schwachredens, nach aberdutzenden Nadelstichen der Begehrlichkeiten rund um ORF 1 oder Ö3, nach einer Destabilisierung der Führung, nach einem politischen Hin- und Her-Gezerre ohne Ende und selbst nach den Auswirkungen der Finanzkrise möglich, die "Gesamt-Performance" (Medienneusprech, ich weiß, aber hier passt es gut) des ORF substanziell zu beeinträchtigen (auch dazu später mehr).

Trotzdem schafft es - außer Wissenschaftern und anderen Nicht-Medienleuten - niemand, diesen absurden, weil so strategisch erkennbar in eine ganz eindeutige Richtung gedrängten öffentlichen Diskurs durch eine andere als die von den von Eigeninteressen Getriebenen vorgefertigte und vorgegebene Meinung zu bereichern.
Die heimliche Bewunderung taucht maximal in Randbereichen auf - wenn sich etwa ein paar Sportjournalisten nicht an die Vorgaben halten und angesichts der Vier-Schanzen-Tournee-Übertragungen in Begeisterung ausbrechen.
Ansonsten sind aufgrund der langjährigen Kampaignisierung die moralischen Rollläden längst gefallen: es herrschen Häme und absichtliches Foulspiel.

Das ist nicht nur ein Armuts-Zeugnis, weil es die mangelnde Fähigkeit, innerhalb des eigenen Genres vielschichtig nachzudenken, herausstreicht: dieses Verhalten offenbart eine große inhaltliche und noch größere moralische Krise des österreichischen Journalismus.
Wer es nämlich nicht zusammenbringt eine halbwegs anständige Innensicht seines Bereichs (den der Medien) auszustellen, der ist dazu auch in anderen Bereichen nicht imstande.

 
 
Fortsetzung folgt auf dem Fuße -
  und zwar weil ich diesen sehrsehr langen Eintrag geteilt habe, zwecks der Lese-Freundlichkeit.

Also:
Acht, Neun, Zehn. Ideen nach dem Jahreswechsel. 4.
Die Krise des österreichischen Journalismus.
Teil 2: glückliche Hühner. Kommt nicht morgen oder später - ist schon da.

 
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