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Wien | 9.1.2009 | 15:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Acht, Neun, Zehn. Ideen nach dem Jahreswechsel. 4.
 
 
 
 
Die Krise des österreichischen Journalismus.
  Teil 2: glückliche Hühner und die Trägheit des Herzens.
 
 
 
7. Nochmal: die These
 
Kurze Zusammenfassung aus Teil 1 heraus.
Der aus doch sehr durchsichtigen und im Interesse der Medien-Besitzer aktuell geführte Schein-Diskurs rund um den ORF sagt weit mehr über den Zustand des Journalismus in diesem Land aus als über den Zustand des ORF.

Mittlerweile ist es bereits zu so etwas wie Folklore verkommen über "den ORF" (für 99% ist das mit TV gleichzusetzen, die inhaltliche Bandbreite spielt ebenso wie im restlichen Denken keine Rolle) abzulästern. Und zwar unter Verwendung aller erdenklichen Double-Binds und Doppelmühlen - getreu dem Motto, dass sich auch der gröbste Unfug dann festsetzt, wenn man ihn nur oft genug festhält (dass das hierzulande bestens funktioniert, weiß man durch den Erfolg der Populisten, der auch wieder nur deshalb zustandekommen kann, weil das Bildungs-Niveau ein schwaches ist, dessen Verbesserung man dann nicht wirklich anstrebt um es weiter so schön bequem zu haben - ein Teufelskreis).

Das heißt: wenn es nicht möglich ist die Qualität anzumäkeln, dann wird die Massenkompatibilität herausgehoben; und wenn die da ist, wird die Qualität angemahnt.

Dass der öffentlich-rechtliche Auftrag ganz deutlich beides beeinhaltet, das wissen die Schlauen unter den Kampagne-Führern zwar, surfen aber trotzdem lieber auf den (lässigeren) Nichtwisser-Wellen. Auch weil die Darstellung komplexer Zusammenhänge eben schwerer ist als das simple Dreindreschen.

 Ein Hinweis in eigener Sache: 2009 wird es wieder ein tägliches Journal geben, ja, sicher.
Allerdings erst ab Mitte Jänner, zeitgleich mit dem Relaunch der FM4-Website - das macht rein technisch sonst keinen Sinn.
Die Zeit bis dahin wird diese kleine Reihe überbrücken.
 
 
8. Das Problem der Zuschreibung
 
In Journalistenkreisen hat sich genau das (ein windschiefes Bild von Öffentlich-Rechtlichkeit) als Rechtfertigungs-Tool durchgesetzt.

Und natürlich sind die, die es nicht geschafft haben die Lautesten. So haben Legionen von Privatradios das von ihnen angestrebte "bessere Ö3" nicht derhoben - und zwar nicht nur, weil sie sich mit einer matten Kopie zufriedengaben (auch falsch), sondern in allererster Linie weil sie den öffentlich-rechtlichen Nähr-/Mehrwert des Senders ausblenden (den darf es ja laut vorgefertigter Argumentationslinie nicht geben...).
Ö3 ist aber nicht wegen irgendwelcher Tricks bei Musik oder Marketing so klar vorne im Bewusstsein der Hörer-Masse, sondern wegen der zentralen Verlässlichkeit was Information, Service, die Tagesstrukturierung und einen gewissen Schmäh (Unterhaltung) betrifft - alles zentrale öffentlich-rechtliche Werte. Denn das ORF-Gesetz schreibt nicht, wie viele Verkürzer glauben oder glauben machen wollen, eine ausschließliche Ausrichtung auf qualifizierte Minderheiten vor, die an so überfordernden Dingen wie Dokus, Information oder gar Debatte interessiert sind, sondern eine breit gestreute, qualitativ intensive und politisch korrekte Abdeckung der Massen-Interessen.
Und das bringt Ö3 (und da kann mir die Musik dort noch so nicht gefallen) einfach hervorragend zusammen.

Ähnliches gilt für die überwiegende Mehrzahl aller in der Debatte/Keule angemahnten Programme.

 
 
  Der inoffizielle, interne Diskurs der Branche läuft nämlich ebenso schief wie der öffentliche: er basiert auf verwackelten Zuschreibungen, zuallermeist auf Hörensagen (eine echte Journalisten-Krankheit: da wird, quasi "privat", jeder Schas unüberprüft weitererzählt, wo man den, quasi "beruflich" zumindest einmal abklopfen müsste).

Dies Zuschreibung sieht im wesentliche so aus: wenn ihr da beim ORF schon die Frechheit dieser Freiheit durch diese Öffentlich-Rechtlichkeit (die ich nicht verstehe, aber auch nicht verstehen muss, weil der Diskurs eh nur auf Victor-Adler-Markt-Niveau) habt, dann sollte das aber bitteschön gefälligst soundso (die private Interpretation des Betrachters bitte hier seinsetzen) ausschauen.

Aus dieser "Invidia" (um auch einen katholischen Begriff reinzubringen) nährt sich die kollektive Szene-Meinung über "den ORF".
Das ist mir, mit Verlaub, zu dürftig.
 
 
 
9. Das Gejammer
 
Weil aber, vor allem in Österreich, eine Sünde nie lang allein bleiben darf, kommt noch die "Acedia" dazu, und zwar in ihrer Ausprägung als Jammerei.

Jeder, der bei FM4 oder z.B. auch bei Ö1 oder sonst einem in der Branche hochangesehenem Qualitätsmedium arbeitet, kennt das: wenn man irgendwo des Abends Kollegenschaft aus anderen Bereichen trifft, taucht sie zu später Stunde auf wie das Amen im Gebet: die Raunzerei über die Unzufriedenheit im eigenen (zwar klasse bezahlten) Job in einem (vom Jammerer dann immer selber so bezeichneten) bösen Mainstream-Kommerz-Medium und der heimliche oder offene Wunsch nach den Möglichkeiten, die man als freier Geist in einem "besseren" Medium hat, als das doch eigentlich Anstrebenswerte zu bejubeln.

Das klingt lustiger als es ist - denn dieses Lied wird nach ein paar mal Absingen sehr schnell langweilig. Vor allem deswegen, weil man ja nachverfolgen kann wieviele derer, die einen da so über die Jahre ansudern, dass sie doch auch "eigentlich was G'scheites" machen wollen, sich dann dazu aufraffen es wirklich zu probieren (und da passt die Acedia-Core-Definition der "Trägheit des Herzens" dann noch besser): man kann sie an einer Hand abzählen und trotzdem noch zwei Bier bestellen.

Ich kenne (und mir sind doch recht viele Menschen in sehr vielen verschiedenen Medien bekannt) nur genau einen, der das, was er da tut, in einem klassischen Privat/Kommerz-Medium ohne jedes Gejammer, sondern im Gegenteil wirklich gerne und von Herzen macht; genau einen: Dominic Heinzl.

Heinzl ist im übrigen der einzige Preisträger seines Senders (und seines Typus), der im letzten Jahr einen journalistischen Preis gewonnen hat (ich hab die Liste gestern im "österr. Journalisten" durchgecheckt - ich muss nicht extra dazusagen, wie die Wertigkeit bzw die Aufteilung dort ist, eh klar...).
Das ist kein Zufall.
Denn Heinzl ist ein spürbar glückliches Huhn, das deshalb die besseren Eier legt.

 
 
10. Glückliche Hühner.
 
Heinzl ist deshalb der einzige Preisträger und deshalb der einzige Nicht-Jammerer, weil er der einzige (oder: einer von wenigen) Überzeugungstätern ist.
Die anderen haben sich in einer selbstgestellten Falle verfangen. Sie sind in Medien, in denen sie nicht das sagen dürfen/können, was Sache wäre (und darum geht es meiner bescheidenen Meinung nach im Journalismus, um die Darstellung von Wirklichkeit, um die Verknüpfung von Zusammenhängen, und eben nicht ums Schöndaherreden oder ums eilfertige Zitieren, ums Selber-Mitmischen, um Hilfestellungen bei Insidergeschäften oder Intrigen), gefangen und haben sich auf groteske Art damit arrangiert.

In nämlicher Ausgabe des "Österreichischen-Journalisten" findet sich unter dem Titel "Sind Österreichs Journalisten deppert?" eine kleine Studie, die belegt, wie die Kollegenschaft ihre Moral zwar anmahnt, sich aber nicht traut, das im eigenen Haus zu machen. Zynisch könnte ich jetzt sagen, eh klar: man kann das Ganze ja auf "den ORF" projizieren.

 
 
  Jetzt kann man natürlich anmerken, dass die persönliche Befindlichkeit der Autoren nicht wirklich relevant ist. Das entspräche eines Journalistenbildes des mittleren 20. Jahrhunderts, also durchaus dem der meisten Österreicher. Richtig ist es trotzdem nicht mehr - das hat sich allerspätestens in diesem Jahrzehnt gedreht, in dem es eben nicht mehr reicht Informationen weiterzuleiten, sondern um eine sinnvolle Aufbereitung und das Zurverfügungstellen von Tools geht, die eigenständiges Weiterdenken erlauben.

Genauso wie das Ei des glücklichen Freiland-Huhns besser, hochwertiger und hochpreisiger ist und auch deutlich besser schmeckt, genauso sind die Themenwahl, Hernagehensweise, Aufhellungsfähigkeit und womöglich sogar die schreiberische Qualität des mit sich selber im reinen befindlichen Reporteurs natürlich besser, hochwertiger und schmackhafter.

Der Dauer-Genuss von Output der dauermieselsüchtigen Ich-muss-hier-Scheiß-Kommerz-Arbeit-verrichten-Suderanten ist genauso gesundheitsgefährend wie das Dauer-Konsum von Stress-Eiern von Stress-Legebatteriehendln.
 
 
 
11. Die Krise der Qualitätsmedien.
 
In meiner bisherigen Ableitung, so kann man (bislang auch zurecht) anmerken, fehlen aber jene, die der seriöse Medienberichterstattung noch am ehesten nachkommen: die Qualitäts-Medien aus der Print-Klasse.

Nun, ja und nein: einige der vorher von mir erwähnten Jammerer gehören durchaus zu dieser Kategorie. Man darf nicht vergessen: gerade die sogenannten quality-papers sind dauerreizüberflutet mit angstmachenden Botschaften, die das Bestehen des Blattes unsicher machen - es steht also auch viel Gejammer im Vordergrund; und auch hier glaubt man sich an sowas wie einer vermuteten Pragmatisierung innerhalb des ORF diskursiv völlig hatschert reiben zu können.

Zum anderen hab ich in den letzten ein, zwei Jahren (sei es mittels analytischer Hinzuziehung, via Blattkritik oder sonstwie) mit praktisch jedem dieser eh nur an einer größeren Hand abzuzählenden Schar an Big Players zu tun gehabt.
Von umtriebigen und qualitativ hochwertigem Print-Underground der Selbst-Ausbeutung gar nicht erst zu reden - dort hat man so große ökonomische und prekäre Probleme, dass das Jammern die Amtssprache ist.

Die in den "quality-papers" kreuz und quer laufenden Krisen sind allemal dazu angetan, sich mit einem Ablenkungs-Diskurs die eigene Befindlichkeits-Erhebung zu ersparen. Die einen kämpfen etwa mit einem Zwittertum aus klassischer und magazinöser Tageszeitung, die anderen zerreißen sich fraktionell zwischen dem Schritt nach vorne und dem Schritt in die eigene Vergangenheit, die dritten zerfransen sich zwischen dem Wunsch die politisch relevante Medienkraft des Landes zu sein und der Realität banaler Chronik-Covers. Und echt grausame Schicksale, wie die des Magazins, das seine Coverstories um fünfstellige Beträge verkauft, hab ich gar nicht mehr auf dem Radar.

 
 
12. Die Web-Krise
 
Was die Verlage allesamt kaum auf ihren Radar-Schirmen haben, ist die rasante Verlagerung der Interessen, die alsbald drohende Kundenumschichtung.

Die New York Times, Flaggschiff des hehren Print-Journalismus, gibt Warnsignale, der Guardian hat 5% Leser-Einbussen, die er allerdings über seine verdammt grandiose Website wieder (sogar mit Gewinn!) auffangen kann, die deutschen Verlage ächzen unter der Finanzkrise.

In Österreich gibt es kaum Überlegungen um die Gestaltung einer brauchbaren Zukunft zwischen Print und Web 2.0 - für die Generation an den Machthebeln ist die digitale Medienwelt tendenziell ein "neumodisches Klumpert" (ähnlich wie es für Kanzler Raab anno dazumals das Fernsehen war).
Zudem hängt man in den im oberen Absatz beschriebenen Streit-Zwischenwelten fest und tröstet sich im Rahmen des aus der Intention der Selbsttäuschung so schwachbrüstig geführten ORF-Diskurses damit, dass es dem ORF ja eh noch viel schlechter geht: 100 Millionen und 1000 Arbeitsplätze, ein Wahnsinn...

 
 
  Dass es dabei um ein Projekt bis 2013 handelt, dass es nicht um ein Wegschrumpfen von Inhalten, sondern um ein Schärfen von Strukturen geht und dass die 100 Millionen kein Defizit, sondern ein kalkuliertes und mit genau dafür angelegten Rücklagen abgefangenes Zwischen-Minus ist, das auf einem soliden Eigenkapital-Sockel ruht, geht schnell unter.

Man unterliegt dem Diktat der Kurzfristigkeit - klar, denn die hinter den Verlagen stehenden Geldgebern und Banken sind auch imstande recht kurzfristig zu agieren (schließlich existieren viele Printmedien, auch Tagesblätter, auf Pump oder per jederzeit kündbarer Bankgarantie) - was dann zu den oben beschriebenen Stress-Siutuationen der Redakteure führt).
Beim ORF ist die Gefahr der Kurzfristigkeit hingegen eher durch den Einfluss der Politik gegeben.

Das wiederum ist ein entscheidender Mitgrund für die ORF-Debatte per se: auch politisch Verantwortliche lassen sich (so wie der Kollege Rotifer in London) durch eine eindeutige Berichterstattung verunsichern.
 
 
 
13. Das Symptom. Und die Hoffnung.
 
Nein, der grottenschlechte Diskurs, der zum Thema ORF läuft, und den die einzelnen Journalisten aus den oben angeführten Gründen mittragen, ist nicht die Ursache von irgendwas.
Er ist ein Symptom für eine Krise was Innensicht und Moral der Branche betrifft, und zwar das derzeit am offensten zutageliegende.
Er dient dieser Tage auch als Zudecker, einfach weil man sich dadurch nicht genau genug mit dem eigenen Status beschäftigen muss, und er dient als Ausrede für die oft erschreckend hühnerbrüstige Qualität, die aus den (auch oft bloß in den Köpfen existierenden) Legebatterien entstammt.

Ich will hier nicht behaupten, dass ein sinnvoller, aus- und abgewogener ORF-Diskurs, der sich nicht ausschließlich aus den Interessen speist, die vertreten werden müssen, den ORF, die Medien, den Journalismus oder die Welt automatisch besser macht.

Ich behaupte nur, dass es möglich wäre, anhand einer ohne Schaum-vorm-Mund, ohne Keulenschwingerei und ohne populistischer und machtpolitischer Steuerung geführten öffentlichen Debatte über die aktuelle Medienlage des Landes (incl ORF, eh klar), einen Berufsstand, der in andauernder Verunsicherung und Dauer-Jammerei verhaftet ist, ein wenig freier zu machen. Von mir aus auch zu glücklichen Hühnern.

 
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