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Wien | 8.6.2002 | 15:13 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Das Menschenrecht und die Wurschtigkeit
  Warum viele diese WM immer noch schönreden, obwohl sie die derzeitige Gesamt-Flaute dokumentiert. Warum der allerletzte Favorit jetzt auch keiner mehr ist. Warum in Griechenland alles anders ist.
 
 
 
WM-Log 080602
  Pamela ist gestern aus Griechenland zurückgekommen. Bronzefarben. Und nicht nur wegen dem Wetter entsetzt. In Griechenland gab es alle WM-Spiele live; und Gesamtaufzeichnungen rund um die Uhr. Und weil die Urlaubs-Sonne einen ohnehin früh wachkitzelt, waren auch die Beginnzeiten kein Problem. Luxus also, purer Luxus.
Zurück in Wien: niente. Weiterhin ein Spiel pro Tag, manchmal nicht einmal das wichtigste.
Heute, Samstag, etwa gab's Italien - Kroatien live. Im Cafe Anzengruber, nicht im Free-TV.
"Wird das nicht unglaubliche Auswirkungen auf den Fußball haben, dass man den Fans einfach die wichtigsten Spiele wegnimmt?" fragt Pamela, ihre Antwort schon vorwegnehmend.
Ich bin mir - auch wenn ich die Postings hier so mitverfolge - nicht mehr so sicher. Die meisten haben für dieses prinzipielle Menschenrecht kein Gefühl mehr - kein Wunder, das teilweise TV-Ableben der Champions League förderte die diesbezügliche Wurschtigkeit.

Zudem herrscht hierzulande ja auch kein Gefühl für die Relationen. Wenn sich zwei technisch und taktisch auf hohem Niveau agierende Mannschaften gegenüberstehen und keinen klaren Unterschied in der Spielanlage erkennen lassen, empfinden die meisten Fußball-Zuseher hierzulande, die den Wert eines Spieles an der Anzahl der Tore messen, als "fad". Das ist einerseits einsichtig, weil die Vermittlung von Spielkultur in Österreich nicht nur auf dem Platz, sondern auch in seiner Berichterstattung im Argen liegt. Andererseits gilt diese Ausrede ja auch wieder nicht, denn: Wer sich wirklich interessiert, kann ja zumindest die wichtigsten Spiele im (Kabel/Sat)-TV verfolgen.

 
 
  Das Interesse ist aber gering - die erstaunte Frage im letzten Forum, wo man denn Spiele des Afrika-Cup sehen könne (Antwort: Eurosport), zeigt, dass kaum jemand sich diesbezüglich fort- und weiterbildet.
Es ist ein bissl wie beim wichtigsten FM4-Sound-Material, der Musik. Jeder, der das neue XY-Stück gehört hat, glaubt ein tatsächliches Werturteil abgeben zu können, das den Kontext, die Geschichte der Band, den Stand des Genres etc umfasst. Die Allerwenigsten wissen aber genug, um da auch nur im Entferntesten mitreden zu können.
Diese österreichische Krankheit des inkompetenten Geplappers wiederum verhindert wieder eine seriöse Auseinandersetzung: Denn sobald jemand mitbekommt, dass es gar nicht nötig ist, sich wirklich kundig zu machen, um sich postitionieren zu können, wird er ist nicht tun. Faulheit rules.
Die verhindert dann jegliche Entwicklung. Man kann leicht über den FC Kärnten-Präsidenten lachen, der in der Tirol-Diskussion groteske Unkenntnis über die Verbundenheit der Tirol-Fans offenbart - in Wahrheit sind alle Diskussionen von uns Fans auch nicht auf besserem Niveau. Auch wir plappern Allgemeinplätze nach und rufen nach der besseren Jugendarbeit.
Wenn ich euch jetzt aber frage, wer denn die besten 4 Teams der letzten U 21-EM waren (die vor ein paar Wochen erst zu Ende ging) , oder ob ihr auch nur vier Spieler aus der aktuellen U 21 von Österreich nennen könnt, ihre Klubs und ihre Perspektiven, werde ich kaum Antworten erhalten.
Weil's euch - in Wirklichkeit - wurscht ist.

 
 
  Diese Wurschtigkeit lässt auch dieses WM-Debakel zu. Einerseits die Katastrophen-Situation des Grundrechte-Diebstahls. Aber das steht ja nur in einer Reihe mit vielen anderen Demontagen und Beschneidungen von wesentlichen sozialen Errungenschaften und Bürgerrechten, die zwar in den Medien (auch auf FM4) auftauchen und behandelt werden, bei den Lesern/Hörern/Usern auf erstaunlich wenig Resonanz stoßen.
Weil's euch - in Wirklichkeit - wurscht ist.
Man kann euch tatsächlich die Fußball-WM großteils wegnehmen und ihr werdet euch schafbrav-mäßig damit arrangieren.
Ist ja nicht so schlimm, gell.

Dazu noch eine erstaunliche Genügsamkeit.
Diese WM ist spielerisch ein RÜCKSCHRITT.
Klar, das Spiel ist noch enger zusammengerückt. Auf dem Platz bewegt sich vieles innerhalb von nur 20/30 Metern. Und fast jeder kann fast jeden biegen. Aber darin liegt keine Qualitätssteigerung.
Fußball ist, so wie jede Kunst, wie Musik z.B., "work in progress". Wer sich altes Material ansieht, wird entsetzt den Unterschied feststellen, so wie die Debüt-CD von XY heute eben schon sehr nach damals klingt.
Derzeit führt dieser Entwicklungs-Fluss aber nirgendwohin. Es stockt. Die athletischen und technischen Anforderungen werden - quasi automatisch - größer, die taktischen halten jedoch nicht mit; die "skillz" werden nicht wichtig genug genommen.
Es ist wie beim HipHop, keine "new school" in Sicht.
Das Spiel stagniert, weil zu wenige über seine Entwicklung nachdenken und noch viel weniger das auf dem Platz in die Hand nehmen.

 
 
  Normalerweise bringt ein großes Turnier, eine EM oder WM da irgendeine Art von Schub, von Input.
Manchmal zeigt ein großes Turnier auch nur, wo man steht. Oder wie in diesem Fall, dass man steht.

Wer will, darf sich weiterhin in den Sack lügen, von ein paar Toren ablenken lassen, oder etwas von der rückläufigen Wichtigkeit der Nationalteams (ein Irrtum im übrigen) brabbeln - derzeit herrscht Flaute.
Sich einzubilden, den Wind auf der Haut zu spüren, weil man ja heftig in ihm segelt, obwohl man in Wahrheit in einer Flaute gefangen festsitzt, das ist bloße Realitätsverweigerung.
Das ist jetzt keine Katastrophe - solche Phasen gab es immer wieder; sie dauern auch nicht lang, wenn die Ressourcen vorhanden und die Strukturen gesund sind.
Das ist zu hoffen. Schließlich ist Fußball ein eminenter Wirtschaftsfaktor, wie hier der Pinguin in einer kleinen Einführungs-Vorlesung erklärt.
 
 
 
  Die Spiele von heute Samstag, ja...
Die unfassbare Blödheit von Zahovic, einem begnadetem Spieler, aber offenbar einem menschlichem Wrack, bei einer Weltmeisterschaft einen Machtkampf gegen Srecko Katanec vom Zaun zu brechen, hat die Slowenen umgebracht. Blattschuss.
Und während Nigeria trotz zweier anständiger Partien nach Hause fahren muss, hat die schwache BafanaBafana aus Südafrika jetzt reele Chancen aufs Achtelfinale. Paraguay (die es in der Hand hatten, zweimal, und echt selber schuld wären) muss jetzt auf Spanien hoffen.
Ich befürchte aber, dass die im dritten, für sie bedeutungslosen Match nicht seriös spielen werden.
Ja, ich trau Spanien seit Log-Beginn immer nur alles Schlechte zu, ich weiß. Hoffentlich täusch ich mich.

Brasilien hat das schwerste Spiel gegen die Türkei ja mit Schumi-mäßigem Geschummle gewonnen und heute mit den netten chinesischen Lehrlingen rein gar kein Problem gehabt. Trotzdem: alles Gute, Bora Milutinovic, in der Rente!
Brasilien wird erst ab dem Achtelfinale zeigen müssen, was sie wirklich können, und sollten das dritte Spiel nützen, sich wirklich einzuspielen. Vielleicht schalten sich alle anderen gegenseitig aus und Brasilien besiegt dann im Finale Südkorea.
Meine Referenz an Ronaldinho. Rivaldo wird seinem Team noch schaden, Denilson vielleicht noch nützen. Juninho sehe ich nicht, auch wenn er spielt, das ist verdammt schade.


 
 
  Und im 11 Uhr-Spiel ist der nächste und letzte "Favorit" verschieden. Normalerweise, wenn der Schmäh aufgeht, kann man das Spiel der Italiener ja mit "Clever!" kommentieren.
Wenn sie sich einen Vorsprung herausschießen, weil sie ja eigentlich tolles spielerisches Potential HABEN und sich dann zurückziehen und vorsichtig kontern, um das Spiel über die Zeit zu bringen.
Ich hasse diese attitude, lebe aber schon so lange damit (mit diesem italienischen Stil), dass ich mich daran gewöhnt habe, daran was Positives zu finden.
Heute ging es schief. Nach 23 Minuten muss Abwehr-Chef Nesta (derzeit sowieso nicht in Top-Form) vom Platz und plötzlich spielen die nach dem ersten Match schon mausetoten Kroaten wieder mit.
Sie haben den schon halblahmen Prosinecki und Peter Pacults Freund Suker rausgenommen und eine halbwegs vernünftige Mannschaft aufgestellt. Drei davon spielen in Italien, Rapajic hat lang dort gearbeitet...

In jedem Fall tut Italien eine Hälfte lang gar nichts, wartet einfach auf ihr Tor um dann Schema F abzuspulen.
Das passiert dann nach der Pause. Zuerst wird Vieri zwar eines (zu Unrecht) aberkannt, kurze Zeit später passt es aber. Es folgen halbherzige Konter und bei uns setzt schon das große Gähnen ein, aber plötzlich geht etwas schief. Doppelschlag Kroatien, einfach so. Die Abwehr über die Flügel ausgespielt und zweimal bumsti.
Danach zeigt Traps Team, dass es ja ALLES kann (und das ist der Fakt, der mich wahnsinnig macht, bei den azur-blauen: die KÖNNTEN ja...) und spielt eine Viertelstunde lang rauschig. Totti erwischt die Innenstange, Inzaghis an Freund und Feind vorbeitroppelnder Weitschuß rollt ins Tor, die Schiris geben Abseits. Und: Italien verliert. Weil sich dieser Minimalisten-Scheißdreck rächt, wenn man den Gegner unterschätzt.

Verblüffung. Alles ist möglich.
Hm. Aber: Wenn man Fußball rein über Überraschungs-Effekte und Zahlen/Resultats-Gläubigkeit definiert, eh super.

 
 
  Morgen, Sonntag, werd ich wohl (Wels-Fest, Vatertag) gar nichts sehen. Schade.
Mexico - Ecuador würd mich sehr interessieren, ich schätze beide Teams, und das Spiel könnte eine spannende Ausgangs-Situation in der Gruppe bewirken.
Bei Costa Rica - Türkei geht es um den zweiten Aufstiegsplatz in der Brazil-Gruppe, mal sehen, mir ist's wurscht.
Japan - Russland wird sich wohl beim Mittagstisch bei Elterns ausgehen. Vorabsympathie für die Gastgeber.
Vielleicht erst bis Montag, ihr afficionados!
 
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