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Wien | 27.6.2002 | 23:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Wem gehört der Fußball?
  Sonntag findet das Final-Spiel der 17. Fußball-WM statt. Fußball ist keinesfalls nur ein Sport, sondern ein weltumspannender Wirtschafts-Faktor und Kultur-Barometer. Ein kurzer Leitfaden aus aktuellem Anlass.
 
 
 
WM-Log 280602
  Warum gibt es im Fußball eine OWO? Was sind die G14? Wem gehört Kamerun? Wieso hat Österreich keine Chance?

Fußball is part of politics, auch wenn sich Ergebnisse natürlich nicht direkt auswirken. So geht es Brasiliens kranker Wirtschaft durch den Finaleinzug nicht wirklich besser, während Argentinien Krise durchs frühe Ausscheiden auch nicht zusätzlich angefacht wurde.
Ob sich Frankreichs MultiKulti-Truppe tatsächlich durch die LePen-Wahlkatastrophe in der Vorbereitung entscheidend gestört fühlte, ist ebenso Teil der Spekulation wie der Zusammenhang zwischen den demokratischen Entwicklungen im Senegal, ihrer erfolgreichen Performance beim diesjährigen Africa-Cups im benachbarten Mali und dem Durchmarsch ins Viertelfinale.
Und ob Gerhard Schröder den Finaleinzug tatsächlich als Kanzlerbonus verbuchen kann, wie es die "taz" am Tag nach dem Semifinal-Sieg ironisch unterstellte, wird sich weisen.

 
 
  Anyway. Auch der Fußball gehorcht banalen Gesetzmäßigkeiten, die zudem auf historischen Wurzeln fußen.
Der Wirtschaftsfaktor Fußball ist letztlich in drei verschiedenen Ebenen strukturiert.
 
 
 
1
  die Klubs.

Die großen Klubs sind millionenschwere Machtfaktoren; selbst wenn sie - wie Real Madrid - eigentlich schwerstens verschuldet sind. Die Marktführer wie Manchester United, Bayern München, Juventus Turin oder der FC Barlecona sind zumeist wirtschaftlich gesund, operieren teilweise an der Börse und dominieren nicht nur die lokalen Ligen oder handeln die lukrativen TV-Deals für die nationalen Meisterschaften aus, sie sind auch wesentliche Image-Faktoren und somit in - zumindest die lokale - Politik verstrickt.
Die Interessensvertretung der großen europäischen Klubs ist die G14 (Manchester United, FC Liverpool, Real Madrid, FC Barcelona, Juventus Turin, Inter Mailand, AC Milan, Bayern München, Borussia Dortmund, Paris St. Germain, Olympique de Marseille, Ajax Amsterdam, PSV Eindhoven und der FC Porto), die wie ein Kartell - oder besser eine Mafia-Familie - die Interessen der reichen Klubs vertritt und, manchmal sanft, manchmal brutal, auch durchsetzt. Die UEFA (der mächtige europäische Dachverband) kann ohne die G14 gar nichts.

 
 
2
  die nationalen Verbände und ihre Dachorganisationen.

Die Klubs würden zwar gerne ohne die Landesverbände, aber das spielt's nicht. Die Verbände organisieren alle nationalen Bewerbe und vertreten auch den Massensport, von der kleinsten Amateur-Liga bis zur Spitzenklasse.
Die G14 hat es zwar mittlerweile durchgesetzt, dass sich in einigen der großen Nationen (in England und in Deutschland z.B.) die Ligen unabhängig gemacht haben, gänzlich außerhalb des Verbandes können sie aber nicht agieren.

Der mächtige europäische Fußball-Bund, die UEFA, hat durch die Entwicklung der eierlegenden Wollmilchsau namens "Champions League" einen Futtertrog für die ganz Reichen, aber auch die Mittelreichen und die Neureichen geschaffen, der mittlerweile unverzichtbar ist.

Im Rahmen des Weltdachverbands FIFA laufen auch die Wettkämpfe der Nationalmannschaften, deren Highlight jetzt die nur alle 4 Jahre stattfindende WM ist. Die Idee der nationalstaatlichen Teams scheint im Zeitalter der aus aller Welt zusammengestellten Legionärstruppen obsolet; dieser Schein trügt aber.

Fußball ist ein wesentlicher Faktor nationaler Identität. Das wiederum nützen auch die Klubs durch die enorm populären und natürlich gewachsenen nationalen Meisterschaften. Das US-Franchise-System der aus dem Boden gestampften Teams funktioniert in Europa und Südamerika, dem Epizentrum des Fußballs, nicht.
Also unterstützen und ergänzen sich die beiden wesentlichen Ebenen perfekt.
 
 
 
3
  die Ausrüster.

Im Finale steht Sonntag Adidas gegen Nike. Kappa hat sich mit den italienischen Dressen positioniert. England gehört Umbro.

Puma hat Kamerun gekauft, den nationalen Verband über Jahre großzügig unterstützt, um sein angestaubtes Image loszuwerden. Das ist, wenn man den medialen Wirbel um die ärmellosen Dressen betrachtet, auch gelungen.
Die Ausrüster bezahlen sündteure Werbespots mit allen Stars, die wiederum ein perfektes Image für ein cooles Produkt präsentieren.

Nachteil: die Interessen und Finanzen der Ausrüster können schnell wechseln oder floaten. Zu WM-Zeiten blüht das Biz jedoch.

 
 
OWO
  Im Fußball regiert seit Jahr und Tag die OWO, die OLD WORLD ORDER.

Der Fußball gehört Europa, genauer gesagt, den großen Klubs der großen Ligen in Spanien, Italien, England und Deutschland. Dort konzentriert sich der Löwenanteil der wirtschaftlichen Macht und des besten Spielerpotentials.
Die Ligen in Frankreich und den Niederlanden können dieses hohe Niveau nicht halten und müssen, wie der Rest der Fußball-Welt, bereits exportieren, um zu überleben.

Gleiches gilt für die zwar seit Jahrzehnten krisengeschüttelten, aber durch die Größe und die Popularität ihrer Ligen und Teams auch wieder imagesicheren Meisterschaften in Brasilien und Argentinien.
Das spiegelt die Entwicklung des Fußballs wider: Die frühen Zentren (England, Mitteleuropa, Südamerika) haben ihren Entwicklungs- und Innovations-Vorsprung gehalten und ausgebaut. Einzig die Vorkriegs-Stärke des Dreiecks Budapest-Prag-Wien ging aus geo-politischen (und Weltkriegs-)Gründen verloren und verlagerte sich in Richtung Süden.
 
 
 
  Alle anderen Nationen haben nur zwei Möglichkeiten: entweder Export oder Aufbau einer mittelgroßen und national überlebensfähigen Struktur.

Export manifestiert sich in starken Legionärs-Nationalmannschaften. Schweden, Dänemark, aber auch Kroatien oder Polen (alle mit einer Liga am unteren Existenz-Minimum ausgestattet) gingen mit fast reinen Legionärstruppen in die WM.
D.h.: Die besten Schweden und Kroaten spielen in den vorhin erwähnten großen Ligen. Die heimische Meisterschaft gilt als Sprungbrett für diesen Export, nicht mehr.

Die Alternative sind kleine Ligen, wie die in der Türkei, Belgien oder Portugal, neuerdings auch die Russlands. All diese Nationalteams hatten einen unter 50%igen Anteil an exportierten Spielern, weil sie daheim eine überlebensfähige Basis geschaffen haben.
Dieses Phänomen gibt es auch außerhalb Europas, z.B. in Mexiko.

Eine dritte Variante ist die der zielgerichteten Erschließung eines üppigen Markts, wie es - zunächst recht erfolglos - in den USA, und nun - erfolgreicher - in Japan und Südkorea, neuerdings auch in China probiert wurde.
Die Vergabe der WM an die beiden eifrigsten asiatischen Hoffnungsträger ist ausschließlich unter diesen Gesichtspunkten erfolgt.

Ob hier mittelfristig ein Erfolg zu erzielen ist, wird sich weisen. Vielleicht ist - vor allem in diesen Feldern - heute nur mehr eine drastische und nach strikt wirschaftlichen Gesichtspunkten geplante Einführung möglich.
Mit der Installierung einer Fußball-Kultur alter Prägung hat das natürlich nichts mehr zu tun.

 
 
  In Europa, vor allem in traditionellen Fußball-Ländern wie z.B. Österreich, ist all das nicht möglich. Nach dem Fall des eisernen Vorhangs sind praktisch alle Versuche den - auch fußball-technisch gesehen - klinisch toten Osten Europas sofort ins Boot zu holen, drastisch gescheitert.

Einzig Russland, dieser Tage auch an Bord der G8 (draußen im echten Leben) geholt, kann dieses Potential offerieren. Durch sportliche Erfolge in den letzten Jahren hätte auch die tschechische Liga eine Chance, hier ist aber auf Klub-Ebene (siehe Slavia, aber auch das Debakel um die Traditionsklubs Dukla oder Bohemians) zuviel zerstört worden.

Die anderen 7 der richtigen G8 sind übrigens - wenig zufällig - Teil der Nomenklatura: Deutschland, Frankreich, Italien, das U.K., dazu die Hoffnungsgebiete Japan und USA. Einzig Kanada lässt aus, aber dort wird eben Eishockey gespielt.

Der Rest der Welt wird ausgebeutet und zwar so richtig. Afrika gilt als Jagdgebiet für Talent-Scouts, Spielervermittler und white-collar-Kriminelle.
Südamerika mittlerweile auch - wiewohl es dort - durch die gewachsene Struktur und die lange Geschichte Ausnahmen gibt. Uruguay etwa profitiert durch die beiden dominanten Nachbarn, die beiden Powerhouses Brasil und Argentina; Chile hat drei, vier äußerst potente Groß-Klubs, Kolumbien konnte eine Zeitlang durch hohe Einsätze der Drogenbarone profitieren.

Die Strukturen in Schwarzafrika jedoch sind zerstört und werden auch nicht ernsthaft geholfen: hier geht es ausschließlich um den Export der Besten, direkt nach Europa. Die durchaus auch von außen gesteuerten katastrophalen Zustände der nationalen Verbände (z.B. Nigeria) tun ihr übriges.

Der arabische Fußball befindet sich seit einiger Zeit in einer totalen Krise.
 
 
 
Österreich hat keine Chance.
  Für eine gewinnbringende Meisterschaft ist der Markt zu klein und das Fan-Interesse zu gering.
Sinnvolles Wirtschaften wird durch Bankrotteure (Tirol), Feudalisten (Sturm), Polit-Statthalter und Fantasten (Austria) unmöglich gemacht.

Zum Export reicht es aber auch nicht. Im Gegensatz zu z.B. den skandinavischen Ländern oder der jugoslawischen Schule, selbst jedoch im Vergleich zur Schweiz, schneidet Österreich katastrophal ab.
Ungenügende technische, physische und taktische Schulung machen den heimischen Kicker zum internationalen Ladenhüter.

Das Debakel um die Hochstapfler aus Innsbruck führt derzeit zwar gerade zu einem - noch allzu punktuellem - Umdenken, das sich auf das reduzieren könnte, was Österreich leisten kann im Konzert der Großen: Nämlich eine Talenteschmiede zu sein, im besten Fall wie Dänemark oder Uruguay die günstige geopolitische Lage zu nutzen und Rohstoffe an die großen Fabriken in Deutschland oder Italien zu liefern.
Dazu bedürfte es aber einer Vision oder eines zumindest auf 5 Jahre angedachten Plans.
Darauf zu hoffen wäre jedoch naiv.

 
 
  Deshalb sind die derzeit durchgeführten Vergleiche mit der in jeglicher Hinsicht besser ausgestatteten Türkei (siehe oben), nicht nur blind und dumm, sondern auch obszön.
Der einzige hilfreiche Input wäre der Zuschlag für die Euro 2008, der allerdings noch gegen die Konkurrenz aus eben Türkei/Griechenland bzw. Skandinavien geführt werden muss. Hier ist es wohl auch entscheidend, wo die UEFA das wesentlichere Hoffnungs-Gebiet sieht. Der Vorteil, den UEFA- und FIFA-Sitzhalter, die Schweiz als Partner mit an Bord zu haben, wird durch die gute Performance der Türken bei dieser WM wieder ausgeglichen.
Scheitert die Kandidatur, sieht es für Jahre hinaus bitter aus.

Die wichtigsten Männer des österreichischen Fußballs, die U21, U19, U17, U15-Trainer des ÖFB und der 13 Leistungszentren, würden sich dann nämlich weiterhin völlig umsonst abstrudeln und würden bestenfalls weiterhin Roman Wallners hervorbringen, talentierte Spieler, die sich mit dem Erreichen mittlerer nationaler Klasse zufriedengeben, solange das dafür reicht, einen allgemeinen Persilschein augestellt zu bekommen, wenn sie beim besoffenen Fahren erwischt werden und den Führerschein abgenommen kriegen.
 
 
 
WM-Finale
  Zur WM noch: das Spiel um den dritten Platz zwischen den angesprochenen Türken und den angesprochenen Südkoreanern findet Samstag Mittag statt. Das Finale am Sonntag um 13.00 wird von FM4 natürlich in voller Länge live übertragen. Bild: ORF 1. Ton FM4.

 
 
 
  Wer immer noch glaubt gute Qualität bekommen zu haben, sollte die Analyse des Sportchefs der "taz" lesen (die immer recht hat)
 
 
 
  Und wer immer noch glaubt, dass nur in Österreich das deutsche Verhalten bei dieser WM so böse verrissen wird, sollte Wiglaf Drostes schönen Kommentar lesen.
 
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