fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
Wien | 18.4.2008 | 21:19 
Maßgebliche Musiken, merkwürdige Bücher und mühevolle Spiele - nutzloses Wissen für ermattete Bildungsbürger

Sonja, Pinguin, Rotifer

 
 
Das Lucky Girl hat gewonnen
  Clara Luzia hat's geschafft. Die Gruppe um Sängerin Clara Humpel und ihre kongeniale Partnerin Mika Vember hat den FM4 Alternative Act des Jahres 2007 gewonnen und ist somit die bei FM4 HörerInnen beliebteste Band.

Nicht, dass die stille Songwriterin aus Niederösterreich unbedingt darauf gewartet hätte, den österreichischen Musikpreis verliehen zu bekommen, schließlich, wie sie in einem Interview mit dem Kurier besorgt geäußert hatte, könne dieser Preis die Booker verschrecken, weil die dann glaubten 'wir wären jetzt teuer'. Aber wie sich Filmschaffende von Independent- Produktionen und Problemfilmen nicht gerade mit dem Blockbuster-Starkino identifizieren müssen, nur weil sie von einem verliehenen Oscar profitieren würden, hat auch dieser kleine Preis in einem kleinen Land (oder, wie die Industrie sagen würde 'unbedeutenden Markt') eine zwar kleine, aber durchaus eine Bedeutung, mehr eine symbolische als eine in Geld oder Perspektive direkt übersetzbare. Aber die österreichische 'Indie' Szene hat auch mehr symbolischen Charakter, ehem, und ein symbolischer Sieg ist hier auch ein Sieg.
 
 
 
 
 
Das Publikum hat gewonnen
  So ist der von FM4 ausgeschriebene Preis ein Publikumspreis, ein Voting, dessen Ausgang von Verkaufskalkül oder Kritikerdünkel unabhängig, der Preis daher in gewissem Sinne 'echter' als die von geheimer Jury geheim beschlossenen anderen Preise. Darauf bestehen wir seit Jahren und ich wage zu behaupten, dass FM4 ohne diesen Umstand seine Teilnahme am Amadeus schon zurückgezogen oder stark in Frage gestellt hätte. Und kapitalismusskeptische GewinnerInnen aus frührern Jahren, von I Wolf bis Naked Lunch, von Gustav bis Attwenger, haben sonst mit Industriehuldigungen nicht besonders viel am Hut und hätten auch ihrer Verleihung mehr als skeptisch gegenüber gestanden, hätten sie nicht die Garantie, dass hier ein Publikum über ihre Musik entschieden hat und nicht ein wie immer definierter 'Markt'.

Anders als langgediente Poplegenden oder wie wild tourende Deutschrockbands vielleicht glauben mögen, ist dieses Jahr der zarte, englischsprachige Pop von Clara Luzia bei den RadiohörerInnen und WebuserInnen am besten angekommen und hat gewonnen.
 
 
 
Foto: Sarah Haas
 
 
Eine süße Band hat gewonnen
  Abgesehen von dem Gedanken, der Preis könne auf dem 'Markt' von Nachteil sein, hat Clara im Vorfeld zugegeben, dass es "schon sehr schick sei", ihn zu bekommen. Gutes Stichwort, 'schick': Die bunte Truppe, die sich in einem ihrer Videos in einem zugleich schmuddeligen und stylishen 'Fahrendes Volk' Outfit verkleidet, in der Mitte die sexuelle Uneindeutigkeit provozierende Zirkusdirektor-Kostümierung der Sängerin Clara, hatte immer schon etwas apart Schickes. Dass sie damit den verbrieft hässlichsten [sogar Wolfgang Ambros zu 'schiachen'] Plastikpokal der Welt gemeint haben muss, lässt die Spur von hinterlistigem, mundwinkelzuckigen Humor erahnen, die sich unter der melancholischen, traurigfroh schwingenden Musik von Clara Luzia versteckt.

Die Instrumentierung, getragen von den Stimmen von Clara und Mika Vember und dem zarten, souveränen Shuffle von Drummerin Ines Perschy [ich sag es vielleicht zu oft, aber: Sie ist wieder ein Beispiel für meine leicht sexistisch anmutende, als Kompliment gedachte These, dass es so etwas wie eine Drummerin mit schlechtem Stil einfach nicht gibt, von Moe Tucker bis Meg White, Gegenbeispiele an mich] hat die Fähigkeit, zwischen schwindligem Straßentanzfeeling einer Band Of Holy Joy und der swingenden Düsterkeit einer Laura Nyro zu pendeln.

Den dunklen Texten und molligen Zerlegungen von Clara wird von Perschy und geglückt eingesetztem Piano, Cello und Akkordeon-Einlagen oft ein Verve verliehen, der beweist: Die sind mehr, die wollen mehr, die können mehr, als just another Midlifecrisis-Band zu sein. Dazu richtige ohrbohrende Hits wie das rätselhaft zynische 'Lucky Gal', das bitterwitzige Bierlied 'Homedrinking' oder das [wieder Hurra Ines Perschy] treibende 'Morning Light', mit dem gesignte Amerikanerinnen von Aimee Mann bis Tori Amos Millionen verdienen würden - mehr braucht es nicht, um die Herzen der FM4 Indiehörer zu erobern.

 Clara Luzia
Bild: Michael Nemeskal
 
 
Ein 'Indie'- Modell Hat gewonnen
  Auch wenn es die Musikerin und Labelbetreiberin Clara nicht gerne haben dürfte, dass ihr als Musikerin verdienter Preis hier dazu benutzt wird, über die Musikindustrie zu schwurbeln - es muss sein: Mit Clara Luzia gewinnt nämlich nicht nur eine überzeugende Band, sondern auch ein Konzept von künstlerischer Existenz in einem marktalternativen Bereich, der früher zurecht 'Indie' hieß.

Ein Konzept von 'Indie', das zugleich alt und neu ist, das Musik und Leben betrifft, das ein Kunst und ein Geschäftsmodell gleichzeitig ist. Es ist ein erprobtes und dokumentiertes, an Erfahrungen geschultes Modell von Subkultur, das [langsam genug] ein anders, noch aus der Neunziger -Goldgräberzeit stammendes, ablöst.

Das abzulösende Modell: Zornige Jungs mit guten Frisuren und alten Gitarren begeben sich mit Hilfe einer unverhältnismässig zahlreichen, auf Selbstausbeutung beruhenden Riege von Indie-Promotern und Lobbyisten, die die professionellsten Businesspläne den richtigen Trendriecher haben, auf die Reise, um sich gegen andere zornige Jungs mit guten Frisuren und alten Gitarren durchzusetzen, indem sie sie in Knebelverträge, Radioplaylists und Hochglanzfanzines hieven.

Die zornigen Jungs machen eine CD auf einem Major, dann verfetten sie und leiden an Zornverlust und Haarausfall, doch die obgenannte Lobbyingriege hat längst schon eine kleine Schar von jüngeren, zornigeren, besserfrisierten Jungs in der Hinterhand. Irgendeine der gleichaussehenden Bandtapeten geht auf Gold und alle prosten sich mit Hollersekt zu, die anderen bleiben auf der Strecke und kriegen nichts mehr auf die Reihe .

Dieses Modell bestimmt seit Jahren die effizienteste außeramerikanische Musikexportwirtschaft, die skandinavische, die seit Jahren die zornigsten und bestfrisierten Jungsbands hervorbringt und für die gefühlte Hälfte der langweiligsten Rockmusik der Welt verantwortlich zeichnet.
 
 
 
Eine Haltung hat gewonnen
  Das Clara Luzia Modell - vor allem gilt das für Clara als Labelbetreiberin - ist in gewissem Sinne das Gegenteil. Ihr kleines Label Asinella Records gehorcht einem Modell, das an US-Westcoastlabels der Achziger geschult ist, an Labels wie Kill Rock Stars, K- Records, Estrus oder Sub Pop.

Ein Labelmodell, das konsequenterweise künstlerische und persönliche Kontakte über schummriges Marktkalkül stellt, über die diffuse, Kaffeesatzleserei über ein sich stark veränderndes Modell eines sterbenden Dinosauriers von 'Markt', von dem man eh nichts weiß und an dem man auch nicht interessiert ist. Ein Labelmodell, das KünstlerInnen und Bands, an die die Betreiber glauben, eine langfristige künstlerische Existenz zutraut und erlaubt, das nur signt, was machbar ist und alles macht, was möglich ist und wozu man stehen kann.

Dieses Modell, diese Haltung setzt sich in der österreichischen Indie Szene immer mehr durch und der Sieg von Clara Luzia - ohne den Anteil ihrer sympathisch gespielten und überzeugenden Musik schmälern zu wollen - ist auch ein Sieg dieser Haltung.

 
 
  Klar zahlt das keine Rechnungen. Aber Labels wie Siluh, Fettkakao, Seayou, Wohnzimmer sind auch nicht handlungsunfähiger oder ärmer, als die Einzimmerlabels K- Records oder Sub Pop es am Anfang waren - manchmal kommt ein Nirvanazufall und überschüttet alle mit Gold, manchmal eben nicht.

Es wirft die Gesetze zwar nicht um, nimmt sie aber doch nicht allzu ernst und kann sie sogar unterwandern. Dabei kommt oft riskante, unfrisierte [und erfrischenderweise auch unzornige] Musik heraus, die einen den Glauben an die Möglichkeit einer Überraschung des öden Hörerdaseins nicht ganz verlieren lässt.

Irgendwann ändert sich vielleicht sogar der 'Markt'. Wenn nicht, ist es auch wurst - wenigstens sind ein paar gute Bands, ein paar gute Songs und ein paar Erinnerungen an gute Konzerte übriggeblieben. Das ist mehr, als die meisten alles richtig machenden Schwedenbands behaupten können.

Und ein schicker kleiner Preis, auf der Hutablage des Bandautos erinnert an einen kleinen schönen Preisverleihungsmoment.
 
fm4 links
  claraluzia.com

fm4.orf.at/amadeus
   
 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick