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Wien | 4.12.2008 | 11:11 
Maßgebliche Musiken, merkwürdige Bücher und mühevolle Spiele - nutzloses Wissen für ermattete Bildungsbürger

Sonja, Pinguin, Rotifer

 
 
Der Moser ist tot
  FM4 und ich haben einen Freund verloren.
 
 
 
  Wenn man einen Freund verliert, ist man immer in einer Zwischenlage: die Hälfte in einem will es verschweigen, weil doch die Möglichkeit besteht, dass es gar nicht stimmt, dass es ein Irrtum ist, eine Verwechslung, ein geschmackloser Witz. Oder, dass es - im Umkehrschluss zum Stoßgebet - durch Nicht-Aussprechen weniger wahr würde. Wird es natürlich nicht. Die andere Hälfte will es rausschreien und laut losheulen, damit alle am Schmerz und an der Trauer teilhaben und sie dadurch kleiner wird. Wird sie natürlich nicht. In beiden Fällen besteht die Gefahr, dass die meisten Menschen sich denken "Wer?" und - je entfernter die Bekanntschaft - schnell achselzuckend zur Tagesordnung übergehen. Doch das kann man als Freund nicht, der Bleistift fällt einem bei aller Mühe doch öfter aus der Hand als sonst.

Deshalb will ich von Christoph Moser erzählen. Wer ihn nicht selber kannte, wird vielleicht immerhin den einen oder anderen wilden, lustigen, trinkfesten, klugen, verlässlichen, wundervollen, begeisternden Freund haben, den er in meinen Erinnerungen wiedererkennt. Doch das ist nicht wahrscheinlich, denn Menschen, die wie Christoph Moser sind, sind nicht häufig.
 
 
 
 
 
  Ich kannte Christoph Moser seit 23 Jahren. Er hatte, seinem Heimatort Brixlegg früh entwachsen, der ersten richtigen Indie Band Tirols, vielleicht Österreichs, den Capers, als Manager geholfen, Gigs und Aufnahmetermine zu bekommen und ein Netzwerk aufzubauen - eine Band, aus der später die Karriere eines anderen umtriebigen Tiroler Besessenen, Hans Platzgumer, hervorgehen sollte. Er war bei allen lokalen Community-Bewegungen der Zeit dabei: Dem "Komm", dem "Desinfarkt", dem "A.K.T.", dem "Haus am Haven" und dem "Utopia" - er war direkt oder indirekt daran beteiligt, dass Innsbruck von '86 bis '93 neben Wien und Linz das Zentrum der selbstverwalteten Szene in Österreich war, und man als Musikinteressierter und Fan - anders als früher und später - keinen Grund haben musste, vor lauter Langeweile die Stadt zu verlassen.
 
 
 
  Als ich nach Wien gekommen bin, um - in Szenejahren gemessen relativ spät - bei einem richtigen Musikmedium zu arbeiten, anstatt nur zuzuschauen, war Christoph auch schon da. Er hatte inzwischen natürlich nicht zugeschaut. Er hatte Die Knödel gemanagt und dem Kabarettistenlabel Hoanzl mit einem sicheren Gespür für das Machbare zu einem Standbein im Musikgeschehen verholfen. Die ihm anvertrauten Bands wie Texta und Attwenger, Fatima Spar oder die KünstlerInnen seiner Dancehallfieber-Reihe (lange vor Germaica: "Deutscher Dancehall, du spinnst" - "Das geht schon" - *grins* ...) hatten in ihm nicht nur einen harten Arbeiter und Netzwerker, sondern auch einen verlässlichen Fan.
 
 
 
  Christoph Moser war der bekannteste Tiroler der Stadt. Er gab sich auch meist als solcher zu erkennen, auch die seinen Namen nicht kannten, wussten, wer er war. Er wusste wohl, dass man ihn unterschätzen und schätzen würde. Liederlichkeit und Schlitzohrigkeit gepaart mit Handschlagqualitäten - vielleicht ist diese Kombination den WienerInnen fremd und vielleicht konnte das Energiebündel Christoph Moser deshalb so wie der heiße Tiroler Föhn durch die kühle und skeptische Wiener Szene brausen. Er war leutselig und distanzlos, laut und lustig, umarmend und schroff. Er war gradeheraus und taktisch, nachdenklich und planend, rücksichtslos gegen sich selbst wie pragmatisch in der Sache. Er war (und ist) der einzige Mensch in meiner privaten und professionellen Umgebung, der eine Idee - wenn er sie einschätzen konnte, und das konnte er immer und schnell - nach etwa 30 Bier an der Bar um 5 Uhr früh mit Handschlag vereinbart - und sie auch am nächsten Morgen rücksichtslos in die Tat umsetzt und als Mail (mit Terminen, Kostenrechnungen und Kontaktliste) auf deinen katergeprüften Schreibtisch wirft.
 
 
 
  Er war immer da und es war immer klar, dass hier ein Besessener agiert, der nicht nur selber etwas weiterbringen wollte oder seine gerade laufenden Aktivitäten verfolgte, sondern immer das größere Bild im Auge hatte. Er wollte, dass überhaupt was weiter geht, das das Leben weniger öde macht. Er wollte, dass die gelangweilten Leute in ihrer näheren Umgebung selber etwas tun, für sich und Gleichgesinnte, egal, ob der Erfolg wahrscheinlich ist oder nicht. Und er wollte diesen Menschen ein Partner und Katalysator sein.
 
 
 
  Das größere Bild, der Idealismus, die ungebremste Energie hat ihn dazu getrieben, beträchtliche Risiken einzugehen und großartig auf die Schnauze zu fallen, um danach wieder die selbstgerechten Tiroler (und später die in solchen Fällen nur wenig anders gelagerten Wiener), Gegner, Skeptiker und "Immer-schon-gewusst-Haber", mit bemerkenswerten Erfolgen Lügen zu strafen. Dann gab es aber keine Häme, sondern Versöhnung, bei seinem persönlichen Killergetränk, dem Wildschönauer Krautinger - der abstoßendsten Substanz der Welt, mit der er aber immer bereit war, nach härtesten - im übrigen stets inhaltsbezogenen - Auseinandersetzungen anzustoßen. Denn - sehr untirolerisch - am Ende gehörten alle zusammen und wollten das gleiche, sie waren seine Szene und er ihr Mann.

 
 
 
  Die österreichische Musikszene verliert einen ihrer verlässlichsten und umtriebigsten Motoren, Organisatoren und Impulsgeber, viele Bands verlieren einen Partner, Berater und Kritiker und sehr viele Wiener MusikliebhaberInnen verlieren einen lustigen und klugen Gesprächspartner.

Wir von FM4 verlieren einen Verbündeten und einen guten Freund.

Birgit und seine Familie verlieren einen geliebten Menschen.

Christoph Moser ist am 2. Dezember 2008 im Urlaub in Vietnam ertrunken. Er war 46 Jahre alt.

 
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