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New York | 16.11.2006 | 11:08 
Süß/saure Geschichten aus dem Big Apple

Rotifer, Matthews, Ondrusova

 
 
CBGB - The Final
  Das Ende einer Ära: am 31. Oktober wurde der Paten-Club des Punk endgültig geschlossen. Wenige Tage später trafen sich einstige Szenegrößen, um noch einmal Rückschau zu halten.
 
 
 
New York am 1. November 2006. Am Vortag wurde - nach dem Abschlusskonzert von Patti Smith Mitte Oktober - nun auch die Gallery geschlossen. Fans zollen dem alten CBGB Besitzer Hilly Kristal ihren Respekt.
 
 
The King Of The Bowery
  Tok, tok, tok! Während die Ansagerin das Thema der nächsten Diskussionsrunde ankündigt, hört man das Tackern eines Gehstocks durch das Mikrophon. Hilly Kristal (75) schleppt sich auf die Bühne. Ich bin schockiert. Er sieht furchtbar aus - abgemagert und eingefallen. Seit ich ihn das letzte Mal vor gut einem Jahr gesehen und gesprochen habe, hat er an die 15 Kilo abgenommen.

Die Mietstreitigkeiten und die Schließung seines Clubs haben Hilly sichtlich mitgenommen. Später lese ich, dass beim Gründer des CBGB Krebs diagnostiziert wurde. "Heilbar", sagte er in einem Interview. Sieht nicht so aus. Man kennt ja die traurigen Geschichten von Menschen, denen man ihr Lebenswerk nimmt.

Am Tag des CGBG-Panels im Lincoln Center ist jedoch von Krankheit keine Rede. Generell wird nicht viel herumgejammert. Im Mittelpunkt steht die Verabschiedung einer New Yorker Ära, die wohl endgültig zu Ende gegangen ist.

Kein anderes Panel des CMJ-Music Marathons hat mehr Publikum angezogen. Die majestätische, im Art Deco Stil gehaltene Avery Fisher Hall im Lincoln Center, die 2700 Sitzplätze fasst, bildet einen würdigen aber zum Thema etwas konträren Rahmen. Schließlich geht es um Punk, und Punks haben auch am Rednerpult Platz genommen.

 
 
Die Punker der Tafelrunde
  Da sitzen sie nun: Darryl Jennifer von den Bad Brains, dem es bei jeder zweiten Anekdote die Tränen in die Augen treibt; Mickey Leigh, der Bruder von Joey Ramone und Bandkumpel von Lester Bangs, der aussieht wie das fünfte Mitglied der Ramones; die Filmemacherin Marry Harron, die gerade einen Spielfilm über das CBGB abdreht; Chris Stein von Blondie, der anscheinend keinen einzigen Satz ohne das F-Wort über die Lippen bringt; Tommy, der letzte lebende Ramone der Stammbesetzung, der nur traurig schaut und fast gar nichts sagt; Legs McNeil, der Co-Autor von 'Please Kill Me - The Uncencored Oral History Of Punk', des - laut William S. Burroughs - besten Buches über die New Yorker Szene der 70er; jener Legs McNeil, der auch das erste Genre-Fanzine namens 'Punk' mitherausgegeben hatte und der aussieht, gestikuliert und spricht wie der wunderbare britische Schauspieler Bill Nighy.

In der Mitte dieser Tafelrunde sitzt Hilly Kristal ruhig wie ein Bär vor dem Winterschlaf.

So erzählen sie also ihre heiligen Geschichten über persönliche Erlebnisse, Schlüsselmomente und jene Protagonisten, die laut Lester Bangs Zitat, vorgetragen von Marry Harron, allesamt eines gemeinsam hatten: "Everybody here was unpopular at Highschool!".

Die Schattenseiten dieser nihilistischen und für Popverhältnisse wahrscheinlich selten intensiven Jahre, all die Dramen und Toten bleiben am heutigen Gedenktag außen vor.

Die meisten der hier Versammelten haben ohnehin nicht viel zu lachen, sind sie doch ihren Punkrock-Wurzeln treu geblieben und nicht mit dem bisschen Ruhm von damals in Richtung Sonne abgehaun.

So erzählt Tommy Ramone, dass er demnächst aus seinem Apartment auf der Avenue B im East Village ausziehen muss, weil er sich die absurd hohe Miete nicht mehr leisten kann.

 
 
CountryBlueGrass&Blues
  Ein bisschen Wehmut klingt dann doch durch, als nach den Geschichten über die wilden Anfangsjahre die Sprache auf die Schließung des CBGB kommt.

Dass der Club zuletzt nicht mehr für musikalische Innovation stand, hätte viel mit Kristals Original-Idee zu tun, auch weiterhin vor allem "shitty Highschool Bands" eine Chance zu geben.

Die Runde war sich auch einig, dass es schon seltsam sei, dass die Stadt New York auf die Attraktion CBGB pfeife.

Natürlich stelle sich die Frage, inwiefern ein Punk-Schuppen zum Klischee-Museum für Touristen taugt. Aber zum einen habe der Club schon seine kulturelle Leistung erbracht und müsse nichts mehr beweisen. Und zum anderen hätte sich mit Hilfe der City Hall ja auch eine nichtkommerzielle Plattform für Jungmusiker oder Ähnliches etablieren lassen.

Und wo sind denn die sonst so spendablen Rock & Roll Millionäre, die dem CBGB so einiges zu verdanken haben?

"Wo ist zum Beispiel STING", fragt Legs McNeil, wo doch The Police CBGB-Zöglinge waren?

Gelächter nun auch bei Hilly Kristal. Ernst gemeint war das wohl kaum.

 
 
Wie eine Mutter Punkrock gründete
  Natürlich ist diese Nostalgie und Wehmütigkeit nicht kompatibel mit der nihilistischen Grundauffassung von Punk. Aber Überlebende werden nun mal zwangsläufig älter - wollen also weiterleben. Richard Hell fehlt überhaupt in dieser Runde. Dafür ist ein anderer da. Einer, der wohl für den Rock & Roll so viel getan hat wie wenige andere.

Legs McNeil verweist über das Mikro auf ihn und mir läuft es heißkalt über den Rücken, als nur zwei Sitze von mir entfernt tatsächlich Danny Fields begrüßt wird.

Danny Fields ist DER A&R der 60er und 70er gewesen. Er hat die Doors groß gemacht und zum Major Label Elektra Records gebracht sowie MC5 und Iggy Pop und die Stooges entdeckt, bevor er nach dem ersten CBGB Konzert der Ramones auf die Bühne gestürmt ist und sie gefragt hat, ob er ihr Manager werden könne.

Nach dem Panel frage ich ihn in der Lobby des Lincoln Center, was die Ramones denn geantwortet hätten.

"Wir brauchen Geld für Equipment. Wenn Du uns 3000 Dollar geben kannst, dann ja!".

Weiters erzählt mir Danny die unschlagbare Schnurre, dass er daraufhin seine Mutter in Florida bat, ihm einen Scheck auszuschreiben und das Geld zu borgen. "Sie hat mir in Sachen Musik vertraut, weil wir immer gemeinsam in die Oper gegangen sind. Nach anfänglicher Skepsis hat sie mir dann schließlich doch das Geld gegeben", schmunzelt er und sagt abschließend: "So really my mother founded Punkrock!"


 
audio
 
title: Die Geschichte der Bowery und des CBGB
artist: FM4 Homebase (2005)
length: 5:14
MP3 (5.029MB) | WMA
   
 
 
Das Ende einer Ära und Neuanfang in Vegas?
  Warum das CBs ausgerechnet nach Las Vegas gehen will, fragt ein Junge bei der Publikumsrunde. Der Standort liege in Downtown Las Vegas und nicht in der Players-Area und außerdem würde die dortige Gemeinde das Lokal nach altem Vorbild akzeptieren, sagt Hilly.

Alle anderen Angebote laufen auf eine Umdeutung des CBGB in eine Kette nach dem Vorbild des Hard Rock Cafés hinaus und das wolle er auf alle Fälle vermeiden.

Dass das CBGB tatsächlich noch einmal unter Hillys Fittiche an einem anderen Standort aufsperren wird, das will an diesem Nachmittag niemand wirklich aussprechen - mit Ausnahme von Kristal selbst. Zu schlecht scheint der einstige Pate des Punks gesundheitlich beisammen.

Was bleibt, ist ohnehin der vom Standort losgelöste Geist, meint Derryl von den Bad Brains und schon wieder bilden sich Tränen in seinen Augen.

Es ist ja nicht so, dass nur das CBGB schließen musste. Das nur einige Blocks entfernte, ebenfalls auf der Bowery ansässige Wochenblatt Village Voice wurde vor einigen Monaten von neuen Eigentümern übernommen. Mittlerweile hat die Führung sogar die letzte noch aktive New Yorker Kritikerlengende, Robert Christgau, aus der Redaktion geekelt.

Tommy Ramone kann sich Downtown New York nicht mehr leisten und Danny Fields sagt während des Panels über die Veränderungen der Stadt: "Once I was afraid to go to Avenue B, now I couldn't afford to live on Avenue C".

New York hat also wieder einmal beschlossen, sich von einer Ära, die der Stadt für einen bestimmten Zeitraum einen unverwechselbaren Charakter verlieheh hat, zu verabschieden.

Am allerunsentimentalsten sieht das ausgerechnet CBGB Ex-Besitzer Hilly Kristal.

"That's New York!" hat er mir einmal in einem Interview gesagt: "If you wanna see old things, go to Europe".

 
 
Die Ramones vor dem CBGB in den 70ern.
 
 
  Das Foto stammt von Bob Gruen, dem "Rock & Roll Photographer", der heute, Donnerstag, in der FM4-Homebase ab 19 Uhr neben Danny Fields, Hilly Kristal und Tommy Ramone zur Schließung des CBGB zu Wort kommen wird.
 
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  cbgb.com
   
 
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