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New York | 11.8.2008 | 15:43 
Süß/saure Geschichten aus dem Big Apple

Rotifer, Matthews, Ondrusova

 
 
The Duke is gone
  Ein letztes Konzert zum Tode von Isaac Hayes.
 
 
 
Walk On By
  Am Wochenende im Urlaubsidyll Oberösterreich: Die Grillkohle glüht, die Hopfenlimo kühlt ab auf Betriebstemperatur und ... es regnet. Doch alles ok: Die Datscha verfügt über eine überdachte Wohlfühlzone und aus den Boxen der Musikmaschine strömt Wärme: Eine alte CD-Compilation des Camera-Clubs in Wien heizt zuerst mit der R&B-Huldigung 'F.U.N.K.' von Betty Davis ein, in der auch die Qualitäten von Isaac Hayes mit den Worten "the OG singing" gewürdigt werden und dann der Soul-Großmeister mit Spiegelglatze und Kettenhemd himself. Es läuft das 19-minütige 'Do Your Thing' aus 'Shaft', dem Soundtrack zum gleichnamigen Film aus dem Jahr 1971, der Hayes ein Jahr später zum ersten afroamerikanischen Oscar-Preisträger der Musikgeschichte machen sollte.
 
 
 
Isaac Hayes 1971 (c) Charles Nicholas/EPA
 
 
Letzte Konzerte großer Stars
  Während 'Do Your Thing' seinen epischen Funk ausbreitet, driftet das Gespräch in ein etwas morbides Thema: Pop- und Rockstars deren fortgeschrittenes Alter, auch wegen dem nicht ganz so bürgerlich verlaufenen Lebensstil auf den baldigen Auftritt vor der Ewigkeit schließen lässt und die man noch einmal live erleben möchte, bzw deren schwarzen Vorhang man verpasst hat.

Eine Bekannte erzählt von einer Bekannten, die James Brown bei dessen letzten Auftritt entweder irgendwo in Griechenland oder Istanbul gesehen und sogar gesprochen haben will. Ich denke an Jerry Lee Lewis, den ich Ende der 80er Jahre in Linz erlebt habe und damals aufgrund seines komatösen Zustandes mutmaßte, dass er es nicht mehr lange great balls of fire beschwören wird (er tourt noch heute), an den wunderbar notorischen Chuck Berry, dem anscheinend niemand die Gitarre zu nehmen wagt aus Ahnung davor, wie letal die Folgen für den R&R Opa sein könnten und der solcherart eine Spur der Verwüstung hinterlässt, wo immer er sich auch gerade auf die Bühne müht.

Und dann denke ich an ein Konzert, das ich erst vor wenigen Wochen gesehen habe und erzähle der Runde davon, weil ich bei dem Auftritt von Isaac Hayes in der Bandshell des Prospect Park in Brooklyn das Gefühl hatte, dass da bald ein Leben zu Ende gehen wird. Der "Duke", der schon vor Jahren einem Schlaganfall erlitt, wirkte angeschlagen, erschöpft und so wackelig auf den Beinen, dass er von Helfern auf die Bühne begleitet werden musste.

Zwei Tage nachdem ich diese Anekdote erzählt habe ist Isaac Hayes tatsächlich gestorben - einer der seltsamen Zufälle in diesem seltsamen Universum.
 
 
 
Isaac Hayes live in Brooklyn @ Prospect Park Bandshell am 12. Juni 2008
 
 
  Das Freiluftkonzert in Brooklyn, von dem am Grillabend die Rede war, war musikalisch nicht besonders prickelnd. Der Sound der Anlage ging irgendwo in den Baumspitzen des Prospect Park spazieren, die Bläser und Streicher-Passagen kamen aus drei mauen Keyboards und viele der schon auf Tonträger epischen Stücke wurden durch endlose Soli der Begleitmusiker in Richtung Belanglosikgeit gegähnt. Dementsprechend zerfahren war der Gig über weite Strecken in dieser herrlichen Sommernacht Mitte Juni in New York.



 

 
audio
 
title: Isaac Hayes live
length: 2:06
MP3 (2.012MB) | WMA
   
 
 
  Zwei Dinge blieben mir allerdings in Erinnerung. Erstens die Hingabe und Dankbarkeit, mit der der Auftritt von einem Großteil des Publikums angenommen wurde, mit der Songs wie 'Walk On By', 'Do Your Thing' und 'Soul Man' - nein, nicht mitgröhlt, sondern mitgesungen wurden.

Noch beeindruckender aber war, wie Hayes hörbar seine gesundheitlichen Handicaps überwand, wie er dabei tatsächlich auch cool und sexy wirkte, wie er seinem kranken Körper diesen sonoren, verführerischen Barriton entlockte, der so klar und in sich ruhend mit sicherer Hand durch die ihn umgebende Kakophonie führte, als könnte ihn keine Kraft dieser Erde von seinem Weg abbringen. Hier materialisierte sich das übergeordnete Prinzip des Soul, das immer größer ist als seine einzelne Stimme durch die Stimme.

Die Unkaputtbarkeit dessen, was Hayes sich und dem Publikum an diesem Abend demonstrierte, das was bleibt, wenn alles verwelkt, das war eine Machtdemonstration der Nachhaltigkeit. I'm talking about the power of love now.
 
 
 
 
 
  Mr Hayes absolvierte dieses Werk quasi gefesselt, von Helfern ans E-Piano getragen als körperliches Wrack und doch die ganze Zeit über sein Badass-Grinsen aufsetzend, als der Soul Man, den er sich erschrieben und ersungen hat.

Bei 'Theme from Shaft' und der Zugabe 'Wonderful' (wenn ich mich richtig erinnere) schwang er sich, der sich an diesem Abend wohl selbst beeindruckte und überraschte, auf und dirigierte in seinem schwarzen Kaftan-ähnlichen Rock die ganze Szenerie, mit dem Körper heftig wippend, ehe ihn die Helfer an den Armen packten und gütig lächelnd aber bestimmt von der Bühne schieben wollten.

So wie bereits zwei Songs zuvor versuchte Isaac Hayes, sich noch einmal von seinen helping hands loszumachen und zurück in Richtung Publikum und E-Piano zu gehen. Es reichte aber nur noch für eine kurze Abschiedsgeste, ehe er ein Einsehen hatte und sich ins Dunkel der Bühne geleiten ließ, wo er schließlich verschwand. Never can say Goodbye.

Das war es dann, das Konzert, das man nicht verpassen wollte und das bleiben wird. R.I.P. Isaac Hayes.
 
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