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New York | 25.8.2008 | 15:58 
Süß/saure Geschichten aus dem Big Apple

Rotifer, Matthews, Ondrusova

 
 
Sommer auf Balkonien- NYC
  Zwischen Rooftops, Backyards und Feuertreppen.
 
 
 
Oben ist es schön
  Balkonien, ja wo liegst du nur? Dem Wortstamm nach wohl kaum in New York City. Balkone gibt es dort wie Sand in der Arktis. Ein relativ frisches Apartment-Building nahe des Hudson an der West Side, das mehreren Ösi-Bekannten eine Zeit lang als Wohnstatt diente, hat es ja versucht. Zwecklos. Selbst die Raucher flüchteten nach wenigen Sekunden vor der urbanen Version der Elemente Lärm, Hitze/Kälte und vor allem Wind, Wind und nochmals Wind. Fazit: Man hängt einfach nichts Rekreatives an eine Mauer in Manhattan.

Entweder man baut hinten etwas dran, das ist dann die Old School-Variante des Brownstone Hauses mit einem Backyard-Garten für die Bewohner im Erdgeschoß, oder man setzt oben etwas drauf und sich gleich dazu, weil: das Dach ist flach. Das nennt man dann Rooftop.

Darauf lässt es sich herrlich in den sternefreien Himmel schauen, Parties feiern, private Kinoabende via Beamer hosten, in der Sonne brutzeln, "Franks" grillen, dem Nachbarn in das Studio-Apartment spechteln wie er gerade Nackt-Yoga betreibt, mit unmöglichen Verrenkungen den diesbezüglichen Selbstversuch unternehmen, ein Rockkonzert veranstalten oder selbst spielen, die konischen Wassertürme auf den umliegenden Dächern bestaunen und sich ob dieses seltsamen urbanen Kontrastes zu existenzphilosophischen Fragestellungen anregen lassen.

Das alles kann man auf den Rooftops machen - vorausgesetzt man darf. Wir dürfen nicht und wir wohnen auch nicht im Erdgeschoß eines Brownstones. Brownstone zwar, aber erster Stock.

Dann also Freude bei Freunden auf der BBQ & Apfeltabak-Hooka geprüften Terrasse in Chelsea oder im Backyard der argentinischen Nachbarn zum Dancehall-Tango bis das NYPD kommt (bei voller Lautstärke so gegen 2 Uhr nachts).

 Wahrzeichen Wasserturm
 
 
Eiserne Girlanden
  Man kann Balkonien aber auch improvisieren. Zum Beispiel in einem alten Tenement Building in der Lower East Side oder dem East Village.

Raus auf die Feuertreppe vor dem Fenster und damit beinahe rein in des Neighbours vier Wände. Hab das jahrelang so gemacht und bin nicht einmal verhaftet worden. Trotz Feuerleiter-Zweckentfremdungsverbot und Zero Tolerance. Hab auch nie einen Sonnenbrand bekommen. Nicht, weil durch die schmal bemessenen Lichthöfe keine Strahlen gedrungen wären. Es ließ sich sitztechnisch einfach nicht lange aushalten auf den eisernen Girlanden. Ein paar Minuten in der Sonne dösen war aber allemal drin, wenn man sich erst einmal an das Kombinat Klimaanlagensurren, Kakerlaken/Tauben/Squirrels-Gesellschaft und an die schimpfenden Puerto Ricanischen Mamis gewöhnt hat.

Hatte ich. Und eine kleine Dreimann-Outdoor Party ist auch deshalb angenehm in Erinnerung geblieben, weil der chronisch cholerische Nachbar von nebenan einmal nicht versuchte, während einer Festivität seine Faust durch die Wand zu stecken - zwecks Lärmbeschwerde.

 Stairway to Party
 
 
Der Park dein Urlaub
  Das wahre Balkonien New Yorks liegt aber in den Parks. Tausende soll es geben. Mir genügen schon der Central Park, der Washington Square Park, der Tompkins Square Park in Manhattan und die Grünzonen in unserem neuen Wohnbezirk Brooklyn namens Prospect- , Fort Green- , McCarren, Fulton Ferry State- und Brooklyn Bridge Park. Dort darf man ziemlich viel, man sollte aber keinesfalls der Klischeevorstellung von der Bierdose im braunen Karton-Sackerl aufsitzen. Ist der Cop milde gestimmt, stellt er ein 50 Dollar Ticket aus. Sonst setzt der Kater spätestens im Criminal Court beim Schnellrichter ein. Alk in einem New Yorker Park ist ein No-Go; auch wenn die kaum des Englischen mächtigen Schwarzverkäufer auf der Sheep Meadow im Central Park unverholen kalten Gerstensaft in Dosen feilbieten.

Meine Lieblingsbeschäftigung im Park ist ohnehin jene Tätigkeit, die New Yorker People Watching nennen. Wo, wenn nicht im Big Apple? So bin ich vor einigen Wochen im Washington Square Park gesessen, dort wo nebenan die New York University ihre Zentrale hat, dort von wo aus sich die Ostküsten-Folkszene der 60ies ausbreitete, allen voran ein junges Bürschchen namens Zimmerman, dort wo jetzt großflächig saniert wird, dort wo die berühmten Schachspieler-Tische und ihre alten Männer nicht mehr aus dem Stadtbild wegzudenken sind, dort wo ich mich vor Jahren in einem Barbershop das letzte Mal vertrauensvoll in die Hände eines professionellen Haircutters begeben habe, um es dann ein für allemal zu lassen.

 Chess & ...
 
 
All that Jazz
  Dort im Washington Square Park wartete ich auf jemanden, keine fünf Minuten und beobachtete die Passanten. Die Eindrücke hätten wohl einige hübsche Textzeilen für einen Song über New York hergegeben - Doo, doo, doo, doo, doo, doo, doo, doo ...

Neben mir ein Mann in Frauenkleidern, der sich seelenruhig die Haare bürstete, bevor er nachdenklich seinen Vollbart zupfte, erschöpfte Touristen, auf ihre Geldtaschen zielende Straßenkünstler und Akrobaten, ein schwitzender Prediger, künftige und Ex-Models, Studenten im Vampire Weekend College Look und inmitten des kesselbunten Treibens Richard Rasheed Howard and his Free Jazz Ensemble, die einen Hardbop aus den Instrumenten klopften, als wollten sie den Washington Square Arch zum Tanzen bringen. Da resignierten die zwei Musikstudenten ein paar Meter weiter und packten ihre Klarinetten weg.

Sie blieben noch eine Weile und wippten anerkennend im Takt der Musik. People Watching in Balkonien, wo der Sommer übrigens in der Regel bis Mitte Oktober dauert.

 Jazz @ Washington Square Park
 
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