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New York | 9.10.2008 | 12:15 
Süß/saure Geschichten aus dem Big Apple

Rotifer, Matthews, Ondrusova

 
 
Prime Cuts: Tilly And The Wall
  'O' Kinder! Wie erwachsen ihr seid.
 
 
 
Bailout Beulen
  Dieser Tage fällt es schwer, sich auf Musik zu konzentrieren. Geisterbriefe verblichener Banken, Goldmänner, die künftig wohl mit einer Sachs nach Hause gurken werden, Bailout Beulen und ein zuletzt schwächelnder Euro, dessen Kursverluste gegenüber dem Dollar angesichts der Geisterbahnfahrt der internationalen Finanzmärkte von der medialen Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurden, belasten mein Wahrnehmungsbudget (an alle NY- und somit Katastrophentouristen: ihr bekommt für den Europäer zurzeit wesentlich weniger Grünes als noch vor einigen Wochen).

Und dann der Wahlkrampf, die große Obama-Hoffnungsshow, republican red meat Fastfood von McCain mit my friends-Sauce serviert, das geile Palin-Fieber, dem nicht nur hornige Elche in Alaska erliegen!

Für den Betreibersender dieser Website war ich die letzten Wochen häufiger in Sachen Politik- und Wirtschaftsbefragung der hiesigen Bevölkerung unterwegs, als auf diversen Konzerten dies und jenseits des East River - und dass bei diesem unverschämt tollen Angebot.

 'O' hhhhhhh!
 
 
Fesche Band aus Omaha: Tilly And The Wall
 
 
  Das bedeutet mehr Zeit mit Sarah Palin verbringen als mit der frisch Angetrauten. Debatten mitfiebern, Kursstürze verfolgen, Colbert, Stuart und Fey vertrauen und den Thrash Metal getakteten Mausklick auf Polit-Blogs und Finanz-Sites unternehmen.

Wie schön, dass ausgerechnet eine kindische Truppe mit dem Larifari-Namen Tilly And The Wall zu Hilfe eilt, um den Blues der geplatzten Seifenblasen zu vertreiben.

Das Bandkollektiv aus dem weid- und leidlich bekannten Omaha zu Nebraska war bisher in erster Linie für einen kindlich bis kindischen Indiepop bekannt, der den Stepptanz der Co-Sängerin Jamie Pressnall aufmerksamkeitsgerecht in den Mittelpunkt des musikalischen Schaffens rückte - eine auf Dauer ungesunde Ablenkung von den genuinen Qualitäten dieses Quintetts aus dem Mittleren Westen.

Das haben die drei Damen und zwei Herren wohl auch so gesehen und nach einem von der hiesigen Musikpresse hoch gelobten, auf zwei Alben elaborierten, Einfühlungsvermögen für die Probleme Heranwachender erstmals den Blick raus aus dem Fenster der Erziehungsinstitutionen gerichtet.


 
audio
 
title: Tilly And The Wall
artist: FM4 Prime Cuts
length: 0:57
MP3 (921KB) | WMA
   
 
 
Cacophony
  So ist "in Zeiten wie diesen", da sich die VP-Kandidatin John McCains im Wahlkampf als Gotteskriegerin inszeniert, ein Song wie 'Cacophony' ein wahres Geschenk des Himmels. Gegen den Titel gerichtet, betten die Stimmen des fünfköpfigen Tilly-Chors ihren Dreiklang in göttliche Harmonien, deren lyrischer Inhalt sich der Innenasicht des christlichen Fundamentalismus widmet.

Oh come on please, split from the sky,
Oh this river, has grown so wide,
We need some change, some kind of sign,
Oh yeah the human hearts so cold and blind.

These modern times, they're just not right,
I said let's go, I set this up,
All on our knees, I beg and please,
We got sweat drippin' down over brows,
Got sweat drippin' down over all the clocks throughout town.

Cacophony, how long will be?
Oh, I can see the singer rising from the floor he won't leave,
It's all becoming, it's all beginning,
Two stiff fingers for a left right blessing,
It keeps it running, it keeps its message,
Keeps the rhythm of confessing.


So treffend, didaktisch clever und unprätentiös habe ich das im Pop schon eine Weile nicht mehr gehört (hier geht's zu den restlichen Lyrics), schließlich lassen sich diese Zeilen ganz unchristlich umdeuten und ins Gegenteil verkehren, also als Fürbitte zur Abschaffung einer Mentalität lesen, die die vergangenen acht Jahre das Weiße Haus regiert hat.

Únd die Tillies schaffen das locker, ohne sich über die Hürde der eigenen Befindlichkeit zu quälen oder gleich drohenden Fingers hinauf in die Kanzel der Schuldverteilung zu steigen.

Dazu jaulen die Trompeten, klimpert das Klavier, klappern Pressnalls steppende Schuhe und das obligatorische Tambourine, als wolle man den Geist der Vergangenheit in diesen einen Song bannen, während die Stimmen sich sehnend erheben und nach Veränderung verlangen.

 Drittes Tilly-Album 'O' (Team Love/Universal)
 
 
Tilly And The Wall live @ Music Hall of Williamsburg
 
 
  Dass Tilly And The Wall selbst bei ernsteren Themen (z.b. 'Poor Man's Ice Cream') immer noch hoffnungsfroh klingen, als wäre jeder Tag ein Ferienbeginn, hat weniger mit Zweckoptimismus oder Ironie zu tun.

Im Interview in der Music Hall Of Williamsburg verweisen die drei Co-Sängerinnen Kianna Alarid, Neely Jenkins und Jamie Pressnall auf das Glück aller fünf Tilly Mitglieder, in funktionierenden Familien aufgewachsen zu sein.
Das mag als Begründung zunächst etwas naiv klingen. Als Erklärung, warum Tilly And The Wall trotz Twee-Pop, 60ies Singalongs und Stepptanz-Indie-Varieté, also trotz all der Showmanship, in ihren Songs so dedicated und aufrichtig wirken, erscheint es jedenfalls nachvollziehbar.

Nach den ersten Hörproben von 'O' vermutete ich ja, dass die aus den Resten von Conor Obersts High School Band Park Ave hervorgegangenen Tillies anfangs einzig und allein den Zweck erfüllten, die leidenden Barden von Saddle Creek zu erheitern. Natürlich ist das Humbug.

Aber ganz so daneben bin ich mit meiner Vermutung auch nicht gelegen, denn Tilly And The Wall hatten nach Gründung der Band 2001 ihren anarchisch kindlichen Spaß zunächst auf Privat-Parties von Freunden aus dem erweiterten Saddle Creek-Kreis in Omaha verbreitet, bis diese schließlich zum Wagnis einer professionellen Karriere rieten.

 
 
Auch auf diesem Bild noch immer eine fesche Band aus Omaha/Nebraska: Tilly And The Wall.
 
 
Conor Oberst, Team Love & Tilly
  Conor Oberst war derat angetan von Tilly, dass er eigens ein Label gründete, um die Musik des Quintetts zu veröffentlichen. Team Love passt dann auch gut als Name zu den Kids, die mittlerweile die 30 ohne Bandscheibenvorfall übersprungen haben.

Das Nachdenken über äußere Zusammenhänge auf dem neuen Album steht Tilly And The Wall unpeinlich gut. Die Songs, produziert von Saddle Creek-Soundmeister Mike Ogis, klingen kompakter und so sehr nach Pop, dass hier locker sechs bis sieben Singles ausgekoppelt werden könnten. Pressnalls Stepptanz wurde verfeinert und um Schlagzeug, Drumcomputer, elektronische Beats und eine zehnköpfige Highschool Stompgroup erweitert, eine Entwicklung hin zu einer breiteren Rhythmussektion, die bereits am Vorgängeralbum 'Bottoms Of Barrels' auszumachen war.

Mit 'Pot Kettle Black' (Garage-Gassenfeger) und 'Beat Control' (zwischen Elektro und Euro Dance) haben Tilly And The Wall Soundneuland betreten, auf dem sie sich hörbar wohlfühlen. Geblieben sind die süßen, drolligen Melodien, die Selbstermächtigungssprüche von Neely, Kianna und Jamie, die das F-Wort im Mund führen, als wäre es die wahre Heilsbotschaft des 21. Jahrhunderts.

Ein bisschen Kinderfasching und Highschool-Drama darf es also immer noch sein bei Tilly And The Wall - auch wenn, oder gerade weil zurzeit viele bunte Luftballons am Platzen sind.

Anspieltipps: 'Cacophony', 'Blood Flowers', 'Falling Without Knowing', 'Poor Man's Ice Cream', 'Pot Kettle Black', 'Tall Tall Grass'

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  tillyandthewall.com
   
 
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