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New York | 17.10.2008 | 10:50 
Süß/saure Geschichten aus dem Big Apple

Rotifer, Matthews, Ondrusova

 
 
I am a social idiot
  Jay Reatard, der Punk-Rüpel, über Memphis, Angst und Schlägereien auf der Bühne.
 
 
 
Jay Reatard
  Als ich in die heiligen Hallen von Matador Records in Soho vorgelassen werde, raunt mir der PR-Chef zu, dass Jay die Nacht durchgemacht hat. Er wäre etwas instabil. Ich solle mich also nicht wundern, wenn das Gespräch durch Gemütseruptionen oder Schlafattacken unterbrochen wird. Das Objekt der Warnung lümmelt auf der Couch. Verschwollenes Gesicht, neckisches Grinsen, zerzauste Engelslocken. Jay "Reatard" Lindsey hält eine Dose Red Bull in den Händen. Ich sage "Austria". Jay sagt "Hitler". So was nennt man wohl einen direkten Gesprächseinstieg.

Der Publizist meinte noch, dass der 28-jährige, aus Memphis stammende Blondschopf, der bereits auf eine Reihe von Veröffentlichungen mit zahlreichen Bands zurückblicken kann, am Vortag, nach einem Gig in Brooklyn, Lust auf einen Ausflug in die City hatte. Dort ist er flugs in eine Schlägerei geraten und hatte neben Bargeld und Mobiltelefon auch das Bewusstsein verloren. "Ich bin in einem vietnamesischen Beauty-Salon aufgewacht. Keine Ahnung wie ich dorthin gekommen bin. Sie haben gerade meine Zehennägel bearbeitet. Das war angenehm. Die Fingernägel sind allerdings zu kurz geraten." Der pedikürte Punk lacht. Eigentlich nach jedem Satz. Auch wenn der etwas grimmig ausfallen sollte.

 Einmal ätzen bitte.
 
 
Punk Kid
  So muss man sich Herrn Lindsey also vorstellen. Jede Menge Ärger, Geschichten aus der Twilightzone der Glaubwürdigkeit und ein Bekenntnis zum totalen Buben-Schwachsinn.

Als White Trash Kid in Memphis aufgewachsen, mit 13 von der High School geflogen, probiert sich Jay zunächst am Material seiner Lieblingsband The Ramones. Produziert wird mit einem 4-Spur-Rekorder vom Flohmarkt. Bereits mit 15 liefert Lindsay die ersten Aufnahmen an das lokale Punk-Outlet Goner Records. Mit 17 tourt er erstmals durch Europa.

Mittlerweile ist Jay gern gesehener Gast bei Popstars wie Beck oder Avantgarde-Rockern wie Deerhunter. Reatard bringt mit seinen melodieseligen Punk-Gassenhauern zurzeit die US-Blogsphere zum Singen.

So wurde er innerhalb weniger Monate zum Posterboy der jüngsten DiY, Noise, Punk und Hardcore Generation, die momentan die USA mit Lärm und noch mehr Lärm überzieht. No Age, Crystal Antlers, Times New Viking, A Place To Bury Strangers u.v.a erleben mit längergedienten Krawalleros wie Fucked Up (darüber in Kürze mehr) oder Monotonix dieser Tage einen Hype, der weit über die genreüblichen Szenedörfer hinaus bis in die Blätter der altehrwürdigen New York Times reicht.

Dieser Tage erscheint Reatards gesammelte Matador Singles-Collection. Beim Gespräch in Soho zeigte sich das Punk-Rüpel von einer Seite, die seinen selbstgewählten Idiotenstatus als eine weitere Volte enttarnte. So blöd ist das nämlich gar nicht, was Herr Zurückgeblieben zu erzählten hatte. Manchmal ist es halt ein wenig deppert.

 Solodebüt 'Blood Visions' (2006)
 
 
über seine Heimatstadt Memphis
  "Fuck Memphis! Ich hasse Elvis und den ganzen Rock & Roll Touristenscheiß. Die Stadt ist arm, die Kriminalitätsrate hoch. Angst ist dein ständiger Begleiter, wenn du hier aufwächst. Memphis ist ein einziges Drecksloch. Meine Familie ist in die Stadt gezogen, als ich acht war. Doch unser Apartment war noch nicht bezugsfähig. Also gingen wir vorerst in ein Motel. Neugierig wie man nun mal ist als kleiner Hosenscheißer, habe ich die Zimmer genauer unter die Lupe genommen. Unter dem Waschbecken fand ich ein Fixer-Besteck und habe mich dann auch gleich mit der Nadel gestochen. Meine früheste Erinnerung an Memphis ist also der Aids-Test, den ich daraufhin machen musste."
 
 
 
über seine Kindheit und Schulzeit
  "Ursprünglich stamme ich aus einem 800-Seelen-Kaff in Missouri. Dort gab es nichts als Sojafelder. Mein Vater war sehr gewalttätig und hat uns immer verhauen. Er hatte Geld, gab uns aber nichts davon ab. Meine Mutter verwahrloste im Suff. In Memphis haben sich meine Eltern getrennt. Ich war auf der Junior High. Mit 13 bin ich einfach nicht mehr in den Unterricht gekommen. Meinen Eltern war das egal, dem Direktor übrigens auch. Niemand hat mich vermisst. Sowas geht nur in Memphis. Heute ist übrigens mein Vater am Boden. Jetzt bin ich es, der ihn erhalten muss. So ändern sich die Zeiten."

 'Singles 06-07' (In The Red Rec)
 
 
über den Einfluss der Ramones
  "Gewalt hat mich motiviert, Musik zu machen. Es war eine Möglichkeit, mit der Angst umzugehen. Ich habe zu Hause nie gewagt, den Mund aufzumachen, oder eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Dann kam ich an die Ramones und plötzlich sah ich für mich einen Weg. Was ich an ihnen mag und auch für meinen Act übernommen habe: die Ramones spielten einfach ihr Set, ohne viel Unterbrechungen, ohne viel zu sagen. Sie zeigten nicht sehr viel Personality. Ich dachte anfangs sogar, dass sie Zuhause auch verprügelt worden sind. Die Ramones werden heute verklärt. Sie gelten als Fun-Band. Ich weiß aber ganz genau, dass sie die dunkelste, upgefuckteste Band aller Zeiten waren."
 
 
 
 
 
 
 
über den Outsider-Status
  "Ich habe mich nie wegen mangelnder Akzeptanz als Außenseiter gesehen, sondern weil ich mich so fühle. Egal ob ich vor 3000 oder 3 Menschen auftrete, ich kann einfach nicht mit anderen Leuten. Manchmal klappt es manchmal nicht. Heute ist ein guter Tag (lacht). Musik ist mein Medium. Aber sonst? Manche Fans sind enttäuscht, wenn sie mich nach der Show ansprechen und ich bin nur genervt und herablassend. Aber so ist das eben: I'm a social idiot!"
 
 
 
über Schlägereien mit Konzertbesuchern
  "Ich bin nicht so gewalttätig, wie diese Zwischenfälle glauben machen. Es ist so: Die Musik ist alles was ich habe. Die 30 Minuten, die ich auf der Bühne ohne Unterbrechung abziehe, das bin ich. Da bin ich bei mir. Applaus und Zuspruch machen mich nervös. Deshalb ist jedes Set wie ein Sprint. Wenn dann irgendwelche Idioten auf die Bühne klettern und sich an unseren Instrumenten zu schaffen machen, diesen Kreis unterbrechen, dann... ich meine, if they fuck me up, i'll fuck them up."
 
 
 
über das aktuelle Punk, Noise und Hardcore Revival in den USA
  "Es ist ein Resultat der sterbenden Plattenindustrie. Labels machen einfach kein Geld mehr. Und plötzlich werden wieder jene Bands interessant, die nichts kosten, deren Albumproduktion spottbillig ist. Gruppen wie No Age, Times New Viking, wir nehmen unsere Platten im Schlafzimmer auf. Außerdem wollen viele Kids, wenn sie schon keine Karriere mehr machen können, zumindest die Kontrolle über ihr Zeugs behalten. DIY ist wieder groß. Immer weniger Kids lassen sich verarschen und mit diesen designten Pseudo Indie-Rock und Punk Bands abspeisen."

 Matador Singles 08 (Matador Rec)
 
 
über seinen enormen Output an Songs und EPs
  "Songschreiben ist für mich wie atmen. Es ist etwas Vergängliches. Ich bin nicht daran interessiert, ein zeitloses Statement abzuliefern. Das wäre Heuchelei. Schreiben ist - zumindest für mich - ein natürlicher Prozess. Etwas, das ich tun muss. So wie essen, trinken, schlafen. Ich schreibe eigentlich jeden Tag einen Song. Außer ich bin auf Tour. Ich gehe spazieren, 5 Meilen am Tag. Da kommen die Dinger wie allein herangeflogen. Zu Hause schreibe ich sie auf und fertig. Ich komponiere nie an der Gitarre. Ist eine Idee gut, dann erinnere ich mich auch noch später daran. Das ist meine Qualitätssicherung, wenn man so will."
 
 
 
über falsche Erwartungen an Punk
  "Ich spiele jetzt auch Shows mit etablierten Indie Rock Bands wie etwa Spoon. Viele meiner alten Fans werfen uns Ausverkauf vor. Mir ist das egal. Wie Punk Rock ist es denn, immer vor der gleichen Crowd in denselben Szene-Clubs aufzutreten und Erwartungshaltungen zu erfüllen? Genau darum geht es ja nicht! Mit Spoon vor mehreren Tausend Leuten an einem schönen Nachmittag in Brooklyn aufzugeigen ist doch viel cooler! Da sind dann einige entsetzt und mir macht das mehr Spaß, als vor 30 dauerbesoffenen Vollidioten zu spielen. Aber eigentlich ist beides sehr ok."
 
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