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New York | 22.10.2008 | 21:35 
Süß/saure Geschichten aus dem Big Apple

Rotifer, Matthews, Ondrusova

 
 
US-Wahl: Trip to Philly
  Mit Obama Aktivisten auf Canvassing-Tour in North Philadelphia.
 
 
 
No Boom City
  North Philadelphia wirkt wie New York in den 70er Jahren. Kaum ein Block ohne verfallene Häuser. Die Kriminalitätsrate ist hoch. Intakte Apartment-Buildings sind durch Alarmanlagen gesichert. Viele Häuser stehen zum Verkauf. Dazwischen verlassene Fabriken und Lagerhallen aus Backstein. Broken glass everywhere.
 
 
 
 
 
  Der Wirtschaftsboom der letzten Dekade - hier im 11th Ward der größten Stadt Pennsylvanias hat er nie stattgefunden. Angesichts des aktuellen Chaos auf den Fiananzmärkten wirkt die Gegend vielmehr wie ein Bedrohungsszenario, was dem schmelzenden Mittelstand der USA widerfahren könnte, falls es tatsächlich zu einer Neuauflage der Great Depression kommt.
 
 
 
 
 
  In North Philly liegt der Bevölkerungsanteil der Afroamerikaner bei über 80%. Leider steht dieser Überhang in vielen Communities der USA noch immer synonym für Armut, soziale Benachteiligung und hohe Arbeitslosikgket. "Die Menschen sind desillusioniert und apathisch", meint Carol, eine lokale Obama-Aktivistin. "Wir müssen sie nicht erst groß von Barack überzeugen. Unsere Mission besteht vielmehr darin, die Bewohner zur Stimmabgabe zu bewegen. Die Wahlbeteiligung bei den Primaries war erschreckend niedrig".
 
 
 
 
 
  So ziehen sie los, die gut 80 Freiwilligen aus Brooklyn, mit denen ich per Bus angereist bin. Ausgestattet mit einem Stadtplan, Fragebögen und Infomaterial wandern sie in Zweiergruppen von Tür zu Tür. Canvassing nennt man diesen Basiskontakt zum Wähler.
 
 
 
 
 
  Wie viele andere Battleground States steht auch Pennsylvania momentan im Zentrum des Werbens von Obama und McCain. Die Republikaner haben kürzlich ihre Bemühungen in Michigan aufgegeben und alle Kräfte von dort in den 21 Wahlmänner starken "Keystate" an der Ostküste verlegt. Auch hier schießt McCain scharf. So wurden in der Nachbarschaft Gerüchte gestreut, dass Parksünder, die ihre Strafen nicht gezahlt haben, bei der Stimmabgabe festgenommen werden. Selbiges gelte für Kredit- und Steuerschuldner. "Eindeutig auf die Bewohner des 11th Yard zugeschnitten", meint Carol mit saurer Miene.
 
 
 
 
 
  Das Obama-Camp antwortet mit Aufklärungsbroschüren. Jeanne Heifetz, die Organisatorin des Philly Trips, die nicht offiziell zur Kampagne gehört, beschwört die Freiwilligen, nur ja nicht auf die Basisinformationen zur Wahl zu vergessen: "Viele hier wissen gar nicht, dass am 4. November gewählt wird. Manche denken, dass sie bereits mit der Registrierung oder während der Primaries ihre Stimme abgegeben haben. Die McCain Kampagne streut gezielt Falschinformationen, um die Menschen von den Wahlurnen fernzuhalten und sie einzuschüchtern. McCain muss in den ländlichen Gebieten von Pennsylvania punkten. Die wissen genau, dass in Philly nichts zu holen ist. Deshalb die destruktive Strategie."
 
 
 
 
 
  Bald wird klar, dass der Trip alles andere als ein gemütlicher Ausflug zur Gewissensberuhigung ist. Die Einsatzpläne der Teams sind bis ins letzte Detail geregelt. Es geht darum, die Daten der registrierten Wähler zu überprüfen und für die Kampagne brauchbar zu machen - ein für das löchrige Meldewesen der USA nicht unbedingt leichtes Unterfangen. Die erhobenen Daten dienen als Grundlage für eine weitere Canvassing-Aktion: am Wahltag werden die Adressen gleich drei Mal abgegangen, damit die registrierten Wähler auch tatsächlich ihre Stimme abgeben, "eine nervtötende Angelegenheit für beide Seiten", stöhnt Heifetz, "aber leider auch absolut notwendig".
 
 
 
 
 
  "Natürlich ist man nervös, wenn man an die erste Tür klopft. Vor allem, wenn man so etwas noch nie gemacht hat", meint die 26jährige Chemikerin Alessandra. Doch die Reaktionen sind durchwegs positiv. Ich bin erstaunt, wie bereitwillig und geduldig Fragen beantwortet und Daten zur Verfügung gestellt werden. North Philly ist Obama-Country. "Vor vier Jahren, als John Kerry angetreten ist, war ich schon einmal hier", so eine 30jährige Landschaftsarchitektin, "da war das ganz anders. Die Menschen sind wie ausgewechselt und scheinen erstmals seit Jahren wieder Hoffnung zu schöpfen".
 
 
 
 
 
  Dass die Bewohner des 11th Ward Morgenluft wittern, hat nicht nur mit der kommenden Wahl zu tun, sondern auch mit Menschen wie Pastor Yates. Seit 1995 kümmert sich die Geistliche in mehreren Initiativen um die Anliegen der Community und hat ein Jugendzentrum eingerichtet, "bei dem es in erster Linie darum geht, die Kids von der Straße zu holen", wie die resolute Pastorin beim Pizza-Lunch-Break in ihrem Community Center erklärt.
 
 
 
 
 
  Überhaupt sind die zahllosen Konfessionen, die es in den USA gibt, prominent vertreten in North Philly. Die kleinen Kirchen bilden ein dünnmaschiges, soziales Netz, das seit einigen Jahren von NGOs und der sich mächtig ausbreitenden Temple-University verstärkt wird (deren Engagement ist in der Community allerdings umstritten, Stichwort 'Gentrification'). Von der Stadtregierung erhofft sich jedenfalls niemand mehr positive Signale. Dabei spielt die ethnische Verbundenheit oder die Farbe des Parteibanners keine Rolle: der Bürgermeister ist Demokrat und Afroamerikaner. Die lokale Obama-Aktivistin Carol will dann auch wissen: "Es ist die Message von Barack, die die Leute hier mit Hoffnung erfüllt und nicht die Farbe seiner Haut".
 
 
 
 
 
  An gut 4000 Türen wird an diesem Sonntag geklopft. Personenlisten werden verifiziert und Vermerke gemacht, wenn Registrierungsbestätigungen noch nicht eingetroffen sind - was gar nicht so selten vorkommt. Viele ältere Bewohner benötigen Hilfe, damit sie am Wahltag zu den Voting-Polls gelangen können. Auch diese Information wird brav in die walk lists eingetragen.
 
 
 
 
 
  In manchen Straßen ist der Grad der Armut erschreckend. Die Häuser sind in einem erbärmlichen Zustand. Ein Familienvater torkelt durch die Straße. Seine bis auf die Knochen abgemagerte Frau hat die gebrochenen Augen einer Crack-Raucherin. Trotzdem beteiligen sich die beiden an der Diskussion der Nachbarn. "Obama, Baby! Er hat unsere Stimme, keine Frage, November 4th, Baby!". Die Tochter steht abseits mit einem blauen Ballon.
 
 
 
 
 
  Einen Block weiter eine schmucke Häuserzeile, feixende Pensionisten auf der Veranda, Obama und Change - Plakate, spielende Kinder, schnurrende Katzen. Aus den Fenstern dringt Lärm. Am Vormittag waren viele Bewohner des Viertels in den Kirchen, jetzt wird Football geschaut. Ein freundlicher alter Herr erzählt, dass er seit 61 Jahren registrierter Demokrat sei und sich freut, am vierten November bei der wohl wichtigsten Wahl der letzten 20 Jahre mitmachen zu können.
 
 
 
 
 
  Um sechs Uhr abends ist Schluss. Nach Abgabe der Datenblätter krabbeln die Freiwilligen müde in den Bus nach New York. Wir fahren nach Hause, die Probleme bleiben. Einige Volunteers wollen am nächsten Wochenende wieder kommen. "Bei dieser Wahl reicht es einfach nicht, bloß Obama Buttons und T-Shirts zu tragen und in New York auf der Uni zu diskutieren", meint ein Student, "this time we really can make a difference".
 
 
 
fm4 links
  Wikipedia-Eintrag zu North Philadelphia

Seven days to go and then we'll know...
Obama & Biden or McCain & Palin? Ahead of FM4's live coverage from Washington DC, Steve Crilley ponders the final week of campaigning.
   
 
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