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New York | 30.10.2008 | 02:47 
Süß/saure Geschichten aus dem Big Apple

Rotifer, Matthews, Ondrusova

 
 
Mothership im Fahrstuhl
  Das Großartige an dieser Stadt ist, dass man im Fahrstuhl schon mal einem Außerirdischen begegnen kann. Surprise, surprise!
 
 
 
 
 
  Auf dem Weg zu einem CMJ-Panel in der New York University treffe ich im Lift zufällig auf George Clinton. Während der Aufzug nach oben saust, frage ich den P-Funk Originator blauäugig wohin die Reise geht. Breit grinsend antwortet er: "to the top". Ich frage weiter, was er denn hier beim CMJ machen würde. Clinton meint: "We gonna find out when we are up there!". Mit bedeutungsschwangerer Mine streckt er den Zeigefinger nach oben wie einst ein verschrumpelter Apfel namens ET. Es folgt ein gutturales Lachen, das sich nach und nach auf seine Entourage überträgt.

Zum besseren Verständnis des Witzes und für alle Erdenbewohner hier ein Link zum mythologischen Hintergrund des 1975 erschienen George Clinton/Parliament Albums 'Mothership Connection'.

Natürlich habe ich gewusst, was George Clinton am CMJ macht. Die treuherzigen Fragen im Elevator-Pitch Stil deshalb, weil das alles fürs Radio in den schnell gezückten Handy-Recorder gesprochen werden musste. Wurde es dann auch. Danach glänzten die goldfarben Aufzugswände noch etwas stärker, zumindest in meiner Wahrnehmung.

Im anschließenden Panel schien George Clinton übrigens immer dann zu schlafen, wenn er nicht gerade an der Reihe war (Grummel- und Schnarchgeräusche!). Bei seinen Wortmeldungen wirkte er aber fit wie Usain Bolts Turnschuh. Gerade dann, wenn der P-Funkmeister das nostalgische Lamentieren seiner 70ies Producer-Kollegen über den vermeintlichen Niedergang des Handwerks durch Pro Tools und Co. mit Sätzen wie diesem konterte: "When people say it's no music no more, well, that's when i start getting interested."
 
 
 
Clinton als Hauptredner bei einem CMJ-Panel über die Rolle des Producers now and then.
 
 
CMJ-Madness
  Solche Erlebnisse zählen zu den angenehmen Seiten des alljährlichen Wahnsinns namens CMJ-Music Marathon, einer Art Nabelschau der US College Radio Szene. Verteilt auf über 200 Locations in Manhattan und Brooklyn geigten letzte Woche fünf Tage lang gut 1200 Bands auf. Ein Marathon vor allem für upcoming Acts, die oft ein halbes Dutzend Shows und mehr pro Tag zu absolvieren haben.

Erstmals wurde das Ausstellungs- und Panel-Zentrum von Midtown nach Downtown in das Hauptgebäude der NYU verlegt. Das Herz des Festivals rückte somit näher an die Live-Action der Clubs und Venues in der Lower East Side und dem East Village. Gut so.

Weniger vanille: der zum 28sten Mal stattfindende Stadtfestival ist in den vergangenen Jahren in Bezug auf die Booking-Policy unter Beschuss geraten. Von Betrug beim Signing der noch nicht ganz so berühmten Bands war da die Rede. Wie sich im Nachhinein herausstellte, war zwar ein Computerfehler für die Unregelmäßigkeiten bei den Bewerbungen verantwortlich. Der Vorfall verstärkte jedoch Ressentiments, die seit langem gegen die CMJ-Organisation bestehen.

Möglicherweise ist das mit ein Grund, warum sich bei meinen Interviews so viele Acts, Blogger und Labelbetreiber vom CMJ distanzierten und eigentlich gar nicht dabei sein wollten (u.a. BrooklynVegan.com, Chairlift, Parts & Labor). Oder gehört das bloß zum guten Indie/Distinktions-Ton?
 
 
 
Beim Heavy Metal Panel
 
 
  Auch was das Ticketing betrifft, gibt es Probleme.

Wenn man nicht - wie meinereiner - über das Privileg eines Presse-Badges verfügt oder Discount berechtigt ist, muss man für den Festivalpass knapp 500 Dollar auf den Tisch legen. Der Pass garantiert zwar grundsätzlich den Zutritt zu allen Konzerten und Panels. Viele Locations limitieren jedoch die Kontingente für CMJ-Badge-Holders. Nur selten steht das auch im Programmheft.

De facto war heuer ohne Gästelistenplatz in keine der größeren Shows reinzukommen - außer man stand stundenlang in der Schlange (die diesbezügliche Disziplin der Amis erstaunt mich immer wieder). Der größte Spaß eines Stadtfestivals, nämlich von einer Location zur nächsten zu hoppen, blieb den meisten Normalsterblichen also grundsätzlich verwehrt.

 
 
 
Manchmal ist das halt zum Schreien.
 
 
  Während in vergangenen Jahren zumindest die Kontingente bis zum Ende der Konzerte aufrecht erhalten wurden - für jeden austretenden Plastikkarteninhaber durfte ein Berechtigter rein - hieß es heuer bei den größeren Venues bereits am späten Abend: "no badge holders no more!". So bezahlten viele Besucher zerknirscht noch einmal Eintritt, während endlose Reihen von Gästelisten-Pros grinsend an ihnen vorbeizogen.

Lustig ist das nicht. Dafür aber typisch New York.

Es war also so ein bisschen wie die Finanzkrise. Ein paar Typen schmeißen eine Party, die Zaungäste bezahlen die Zeche. NYU-Studenten sind ja bekanntlich ohnehin trust fund kids, also gut betucht und das nicht nur in Fragen der Mode. Wen also stört's?

Symptomatisch auch, dass die hiesige Presse kein Wort über die - na sagen wir mal etwas trüben - Methoden des CMJ-Ticketings verliert. Vielleicht weil man auf der Gästeliste steht. Vielleicht aber auch deshalb weil die Rahmenbedingungen, unter denen natürlich auch jene Kultur stattfindet, die sich gerne unabhängig nennt, immer seltener einer kritischen Überprüfung unterzogen werden. In diesem Zusammenhang kann beim CMJ also gar nicht mehr von einer Nebelbeschau der Szene sprechen, denn das würde ja bedeuten, dass zumindest irgendjemand hinschaut.

Aber genug gemosert, hier ein...
 
 
 
... kleiner Überblick über ausgesuchte CMJ-Acts und Shows 08
 
 
 
 
 
 
  Eine Band, deren Bassist nicht nur so Aussicht wie meine Cousine Monika, sondern der auch den besten Bass spielt, den ich seit langem bei einem Gig gehört habe. Wiewohl White Denim, die Band von Bass-Killer-Würger Steve Terebecki, generell den besten Rock & Roll spielt, den ich seit langem gehört habe. Das neue Album 'Exposion' ist aufgenommen im Geiste englischer Blues Rocker der 60er Jahre aber auch im Zeichen eines Herrn Aphex Twin. Ja, das geht über einen ganz und gar nicht faden Jazzansatz zusammen und wird demnächst in Europa erscheinen. Starke Band, starke Empfehlung.
 
 
 
 
 
  White Denim haben übrigens heuer gar nicht offiziell am CMJ gespielt. Der Gig fand einen Tag vor Beginn der College-Sause in der Union Hall in Park Slope statt. Deshalb habe ich die drei Jungs für das Foto brav auf die Stiege gesetzt. Ähnliches gilt auch für die Noise-Popper von Parts & Labor. Ebenfalls großartiges neues Album. 'Receivers' (Jagjaguwar Records) ist vor wenigen Tagen offiziell in Europa erschienen.
 
 
 
 
 
  Im Bild Daniel Friel (Keys, Vox), B.J. Warshaw (Bass, Vox) und Sarah Lipstate (Gitarre) im Backstage-Bereich des Death By Audio Clubs in Williamsburg in dem am Dienstag krachig die 'NOT-CMJ Party' des Impose Mags begangen wurde. Umso erstaunlicher, dass das Rolling Stone Magazine Parts & Labor unter den 10 heißesten CMJ-Acts einreihte. Genau genommen waren die ja gar nicht dabei. Anyways.
 
 
 
 
 
  Auch wenn es auf dem zugegen nicht ganz so vorteilhaften Foto oben anders aussehen sollte: Ed McFarelane von den Friendly Fires verkörpert für mich so ziemlich alles, was am musikalischen Pop-Britain great ist. Zackig, frech und mit viel Humor vorgebrachte Stückerln zwischen Madness, Duran Duran und dem Franz Ferdi. Die Band hatte an diesem Tag bereits drei Gigs absolviert. Dabei war es erst 3 Uhr nachmittags. "Pro Show ein Hemd", meinte McFarelane im Anschluss etwas resignativ und musterte aufmerksam meine ledernen Dries Van Noten.
 
 
 
 
 
  Apropos GB: bei der BrooklynVegan.com Party im Pianos in der Lower East Side ist auch der äußerst umgängliche Dev Haynes aka Lightspeed Champion aufgetaucht (links im Bild). Dev, der kürzlich von London nach New York gezogen ist, spielte zwar keinen CMJ-Gig, freute sich aber über ein Wiedersehen mit den Mates von Friendly Fires.
 
 
 
 
 
  Ebenfalls in transpirativer Auflösung nach dem Gig: Jonny Bell, Sänger und Bass-Reiter der Psychedelic/Hardcore Formation Crystal Antlers aus Long Beach, Kalifornien, die im Frühjahr erstmals nach Europa auf Tour kommen werden.

 
 
 
 
 
  Im Bild oben das Pianos in der Ludlow Street, eine der angesagtesten Spielwiesen für College-Kids und Trendsportler. Die Daytime Shows hier und im benachbarten Cake Shop boten die fünf CMJ Tage über nicht nur ein besseres Programm als die Konzerte, Blog- und Label-Showcases am Abend, holla, man kam da meistens sogar rein! Während ich im oberen Stock mit der neben Passion Pit (na ja) am CMJ am heftigsten ausgelobtesten Band Chairlift (oh ja) den verzweifelten Versuch unternahm, trotz Flughafen lauter Lärmkulisse ein Interview zu führen, machte sich die beharrte Brust im Bild unten auf, mächtig Luft abzulassen. Chairlift werden übrigens in Bälde mit dem bescheuert betitelten aber wunderbaren Debüt 'Does You Inspire You' im Gepäck in Wien konzertieren.
 
 
 
 
 
  Dieser Corpus gehört zu jenem (Dick)Schädel,
 
 
 
 
 
  ...der mit zur Auflösung einer der vielversprechendsten Bands der laufenden Dekade geführt hat. DFA 1979 anyone? Ehrlich, liebe Neu Raver, was ist schon der Gesamtkatalog von Mstrkrft (eh leiwand), dem Projekt von Ex-DFA 1979 Bassisten Jesse F. Keeler, gegen ein Riff seiner vormaligen Band, deren zweiter Schmerzensmann auf den Namen Sebastien Grainger hört? Richtig, genau so lahm wie die neue Band des Ex-DFA 1979 Vox und Zeugerl-Akrobaten. Sebastien Graigner And The Mountains ist der verunglückte Versuch, AC/DC mit der Sensibilität von Arcade Fire zu vermählen. Also nichts wie weg und am nachsten Tag in den Cake Shop zu einer echten Schweinerock, -Riff und -Jam Band, die furchtbar altmodisch, furchtbar Platten los, aber auch furchtbar gut ist.
 
 
 
 
 
  Die New Yorker Formation Endless Boogie macht genau das. Einer der Gitarristen hat scheinbar einen Wischmob als Ersatzfrisur gepachtet und weist auch sonst äußerliche Ähnlichkeiten mit dieser Celebrity auf. Apropos Celebrity ...

 
 
 
 
 
  Der Herr hier auf der Wand ist auch beim CMJ allgegenwärtig - in Gesprächen, Panels und als superheldenhafter Hoffnungsträger.
 
 
 
 
 
  Womit unser Mutterschiff erneut bei George Clinton landet. Der hat nämlich 1975 über die Motive des oben erwähnten Albums Mothership Connection in einem Interview gesagt:

"We had put black people in situations nobody ever thought they would be in, like the White House. I figured another place you wouldn't think black people would be was in outer space."

Der zweite Wunsch sollte sich bereits 1978 erfüllen. Am kommenden Dienstag könnte es dann mit dem davor beschriebenen Szenario klappen.
 
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  Link zum CMJ Music Marathon 08
   
 
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