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  Österreich | 15.6.2004 | 15:12   

 
 
Wot Do U Call It
  von Natalie Brunner

Nach Dizzee Rascal hat nun ein weiteres Mitglied der im Londoner Eastend beheimateten Roll Deep Crew ein Album fertig, das auch international vertrieben wird. Wiley heißt der Mann, er ist MC und Producer. "Treddin' On Thin Ice" heißt seine LP.
 
 
 
  UK Underground, Garage, Dubstep, Eski Beat, 8 bar, Grime - ein Haufen von Begriffen und Bezeichnungen für den Sound, der momentan aus Londons Eastend tönt und sich hierzulande nur langsam in die Gehörgänge der Clubbesucher und -besucherinnen frisst. Während in Großbritannien mediale Debatten toben, ob wir es hier mit der britischen Antwort auf Hip Hop zu tun haben oder ob es nur eine weitere Phase des beständig mutierenden britischen Clubsounds ist. Da können wir uns freuen, dass das Wiley-Album überhaupt regulär erschienen ist.

 
 
Kleiner Rückblick.
  Logbuch: wir schrieben das Jahr 2001.
Als Crew auftretende Acts wie So Solid, More Fire, Pay as U Go sind on Top of the Pops. Sie dominieren die britischen Charts. Laut Megaman von der So Solid Crew gab es einen Masterplan a la Wu Tang Clan. Sich zuerst als Crew einen Namen machen und dann die einzelnen Killer Bees ausschicken. Phase eins funktionierte.

Verträge mit großen Plattenfirmen werden geschlossen, goldene Platten auf Studiowände genagelt, BMWs angeschafft, viel Kohle und Aufmerksamkeit. Bald hat die britische Boulevardpresse die Damen und Herren aus dem Londoner Eastend als Bedrohung für Recht und Ordnung und die Stabilität des Abendlandes identifiziert. Nicht enden wollende Berichte über Gewalttaten auf Parties, die Verwicklung von Mitgliedern diverser Crews in illegale Aktivitäten folgen. Ein Mädchen wird bei einer Garage Party erschossen, Politiker schalten sich ein und machen die Musik und Partykultur, nicht die soziokulturellen Umstände für die Gewalt verantwortlich. Ein daraus resultierender Boykott der Radiostationen in Kombination mit Missmanagement führte dazu, dass UK Garage wieder in den Underground zurück rutscht.

 
 
Boy in da corner
  Aus dem Blickfeld der Massenmedien gerutscht, wurde weiter produziert, Warehouseparties und Clashes wurden organisiert, die Piratenradios spielten die White Labels rauf und runter, die Tunes konnte man sich von den Websites der Crews runterladen und für die ganz konsequenten Fans gab es sie auch als Handytöne.
2003 veröffentlicht ein knapp 18-jähriger Balg sein Debütalbum "Boy in da Corner". Basement Jaxx haben der Legende nach eine White Label Pressung von Dizzee Rascals "I luv U" gehört und den Kontakt zu ihrer Plattenfirma hergestellt. "Boy in da Corner" wurde veröffentlicht und wirft große Fragen auf, Radio One fragt sich, ob UK Underground der wahre britische HipHop ist oder nur eine weitere Facette der sich ständig weiterentwickelnden Clubkultur.


 
 
Und dann passiert auch noch das:
  Miss Dynamite überreicht Dizzee Rascal den Mercury Music Prize, einem 18-jährigen Jungen aus dem Londonder Eastend, dessen Texte alles andere als familienfreundlich sind. Seine Beats sind ebenso roh wie brillant. Vielleicht eine nicht nur ästhetische Entscheidung, sondern auch ein Versuch, gegen Vorverurteilungen anzukämpfen. Eine Rehabilitierung. Dizzie Rascal ist zu diesem Zeitpunkt Mitglied der Roll Deep Crew. Seit seinem 15 Lebensjahr MC. Extrem junge Musiker wie Dizzee Rascal haben eine erste Generation von Garage Artists scheitern sehen, miterlebt, wie schnell alles gewonnen und zerronnen. "In Eastlondon gibt es nicht viel zu tun", meint er, "du versuchst, dir mit deiner Musik oder illegalen Aktivitäten das Überleben zu sichern. Wenn du in den Sozialbauten von Eastend aufwächst, dann hast du eine bestimmte Sicht auf Dinge, sie mag zwar eingeschränkt sein, aber es ist deine Perspektive, aus deiner Ecke und deshalb auch der LP Titel 'Boy in da Corner'", erklärt Dizzee Rascal.

 
 
Godfather Wiley
  Dizzee Rascal wäre heute nicht dort, wo er ist, ohne die Hilfe von Wiley, Dreh- und Angelpunkt der Eastlondon Garge Szene, manchmal auch Godfather genannt. In Interviews mit Wiley wird sehr schnell klar, warum etwas so klingt wie es klingt. Es ist untrennbar mit den Lebensumständen der Menschen, die es produzieren, verknüpft. Es hat keinen Sinn, wenn Wiley seine Art, Beats zu setzen, erklärt - er erklärt, woher er kommt. Neben dem Alltag (computer games, electro, garage, the highs and lows of urban life) und dem Aufwachsen in Eastlondon sind die Piratenradios wesentlich dafür verantwortlich, dass Wiley's Eski Beats so klingen, wie sie klingen. Die Piraten haben begonnen, die Tapes und White Labels der verschiedenen Crews zu spielen. "Die legalen Radiostationen wie Radio One hätten uns für unsere Demo Tapes damals höchstens ausgelacht", meint Wiley. Wie sehr Wiley von der jamaikanischen Soundclashkultur geprägt ist, hört man/frau nicht in erster Linie bei seinen Produktionen, aber es wird klar, wenn Wiley davon erzählt, wie sie entstehen: Bei Soundclashs, beim "Waring". Zwei oder mehr MCs treten bei Parties oder bei Radioshows gegeneinander an. Nachzuhören in "Fix up Look Sharp", einer Dizzee Rascal Nummer, die in der Urform aus einem Clash entstanden ist.

 
 
  "Treddin' On Thin Ice", das erste Album von Wiley, ist Ende April erschienen. Viele der Nummern sind innere Dialoge nach dem Engel/Teufel Prinzip, das wir aus Tom & Jerry ganz gut kennen. Schon länger im Umlauf: "Wot Do U Call It" - ein Track, in dem Wiley die Verwirrung anspricht. Denn keiner hat einen Namen und eine Erklärung parat für diesen höchst infektiösen Jungle-Ragga-HipHop-DnB-Hybrid.
 
 
 
Sendungshinweis
  Mehr zu Wiley gibt's heute, am 15. Juni, in der Homebase.
 
 
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